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Gleich und doch nicht gleich

Die Musicals von Sylvester Levay und Michael Kunze

von Marion „Kenn ich alles schon.“ So und ähnlich lauteten die Kommentare zur Weltpremiere des neuesten Levay-Kunze-Musicals „Rebecca“ in Wien. Trotz der allgemeinen Begeisterung und Standing-Ovations wurde man als unbeteiligter Zuseher das Gefühl nicht los, dass die Freude an einer neuen Produktion im Raimund Theater durch eine Tatsache getrübt wurde. Durch welche?
Dass dem „Dream-Team des Drama-Musicals“ vorgeworfen wird, ihre Produktionen würden sich sehr ähneln, ist ja nichts Neues. Schon zur Welturaufführung von „Mozart!“ wurden gewisse Stimmen laut. Jetzt stellt sich aber die Frage, ob „Rebecca“ seinen Vorgängern - ganz besonders natürlich „Elisabeth“ - wirklich so ähnlich ist.

Tatsächlich kann es kommen, dass jemand, der „Elisabeth“ kennt, in Rebecca geht und nichts wirklich Neues erfährt. Ein Laie kann nicht bestimmen, was das ausmacht, doch hat er das Gefühl, einige Melodien bereits zu kennen. Nur wenig Fortschrittliches taucht in ihnen auf, man erinnert sich doch sehr an den Vorgänger.

Soweit zur Musik, die ich nicht unbedingt in alle Einzelteile spalten will, um sie genauer zu beleuchten. Stattdessen möchte ich mich dem Kern zuwenden, der Grundgeschichte, die ja nicht von den beiden erfunden worden ist.
Es würde den Artikel unnötig in die Länge ziehen, wenn die Geschichte hier erläutert werden würde. Doch gewisse Parallelen sind natürlich vorhanden. Wie im Musical um die Österreichische Kaiserin Elisabeth geht es auch in Daphne du Mauriers Roman „Rebecca“ um die Geschichte einer jungen Frau und ihre unglückliche Ehe. So ähnlich sich der Beginn aber auch sein mag, gehen diese Zweige schon allein dadurch außeinander, dass Elisabeth während der Vorstellung um einige Jahre altert, während für die „Ich“ kaum Zeit auf Manderley vergeht.
Beide heiraten sich aus Liebe in Kreise ein, die sie besser gemieden hätten. Zwar ist Elisabeth selbst eine Adelige, sie wurde jedoch sehr unkonventionell erzogen, da ihr für die Geschichte und die Herrschaft keine wichtige Aufgabe zugesprochen wurde. „Ich“ selbst ist ein einfaches Waisenmädchen, das nur durch ihre Arbeit für die neureiche Mrs van Hopper in Kontakt mit einem höheren Stand kommt. Bei beiden ist es Liebe auf den ersten Blick, die schon nach kürzester Zeit zu einer Hochzeit führt.

Auf Manderley bekommt „Ich“ sehr bald zu spüren, dass sie nicht so weiterleben kann wie bisher. Auch Elisabeths unbekümmertes Handeln wird von ihrer Schwiegermutter eingegrenzt, sie muss sich der Etikette bei Hofe fügen. In ihrem Leben gibt es keine verstorbene Vorgängerin, deren Schatten drohend über ihr schwebt, doch den Standard vieler anderer Frauen, dem sie gerecht werden muss. Sie wehrt sich gegen die Erziehung, „Ich“ aber möchte sich ihrem Mann zuliebe ändern, wenn sie es denn kann.
Beide sind zum Zeitpunkt ihrer Hochzeit unerfahren und haben keine Ahnung, worauf sie sich eigentlich einlassen. „Ich“ zeigt das schon bei ihrer Ankunft auf Manderley, als sie sich nach den fallengelassenen Handschuhen bückt, während die Unerfahrenheit der Kaiserin in einem Lied des Ensembles anschaulich besungen wird.

Was einem auch ins Auge springen könnte, ist die Existenz einer Rahmenhandlung in beiden Stücken. „Ich“ selbst leitet in „Rebecca“ die Geschichte ein, indem sie sich in die Zeit zurückversetzt, in der sie ihren späteren Ehemann kennen gelernt hat. Lucheni agiert allerdings, da er selbst nicht anwesend war, als Conferencier, der die Historie kritisch betrachtet und immer einen abschätzigen Kommentar für die Kaiserin übrig hat.

Ebenso haben beide Hauptfiguren mit einer Frau zu kämpfen, die etwas gegen ihre Anwesenheit und ihre Ehe hat. Dabei handeln beide zwar aus völlig unterschiedlichen Motiven, doch beide werden als „die Böse“ dargestellt, gegen die es sich zu behaupten heißt.
Die Mrs Danvers in „Rebecca“ handelt aus Liebe zu ihrer früheren Herrin. Sie kann nicht mit ansehen, dass jemand anderes ihren Platz einnimmt, obwohl er so viel schwächlicher erscheint. Mit ihrem Auftritt und ihren andauernden Intrigen zwingt sie „Ich“ förmlich dazu, sich zu ändern. Als sie sieht, dass ihre Mühen umsonst waren, zerstört sie das Haus. Wenn Rebecca es nicht haben kann, dann soll es niemand haben.
Erzherzogin Sophie agiert dagegen völlig anders. Sie will sogar, dass Elisabeth sich ändert und anpasst, macht ihr das Leben bei Hofe aber auch dadurch zur Hölle, dass sie durch ihren Einfluss auf Franz Josef fast alles bekommen kann, was sie will.
Beide Frauen beschließen letztendlich, nicht länger schwach zu sein und zu kämpfen. Bei Elisabeth geschieht dies sehr früh, schon in dem Lied „Ich gehör nur mir“ sind erste Anwandlungen zu erkennen. Mit dem Ultimatum, das sie ihrem Mann vorlegt, veröffentlicht sie ihren Beschluss. Für „Ich“ geschieht diese Wandlung erst im zweiten Akt. Nachdem ihr Ehemann ihr seine schreckliche Tat - den Mord an Rebecca - gestanden hat, weiß sie, dass er sie braucht, um diese Krise zu überstehen. Im Text heißt es „Über Nacht wurde sie zu unserer neuen Mrs de Winter“, sie schafft ihren Sprung also in kürzester Zeit und erscheint als eine starke Frau, die sich nichts mehr befehlen lässt.

Zuvor hat sie jedoch noch hart zu kämpfen. Mrs Danvers’ direkter Einfluss bringt sie dazu, sich fast das Leben nehmen zu wollen, als sie von der Nachricht über ein gestrandetes Schiff in der Bucht in die Wirklichkeit zurückgeholt wird. Elisabeth dagegen wünscht sich sehr lange den Tod, der ihr die Erlösung von dem grausamen Leben bringen soll. Nach dem Selbstmord ihres Sohnes wird dieses Verlangen immer stärker, doch seinem Beispiel folgen kann sie nicht. Dieser gravierende Einschnitt in ihr Leben erschüttert sie jedoch, für „Ich“ ist dieses Ereignis ihr Auftritt auf dem Kostümball von Manderley im Finale des ersten Aktes, der sie für die nachfolgenden Worte der Haushälterin sehr angreifbar macht.

Fast das gesamte Stück durch wird die Figur des Franz Josef durch sein Verlangen nach der Liebe seiner Frau geprägt. Dieses „Betteln“ existiert auch in „Rebecca“. Dort tritt es jedoch anders zutage, indem es die Hauptfigur selbst ist, die von ihrem Mann einen Liebesbeweis erfleht, den er ihr zunächst stets verwehrt.

Beide Frauen sind im Übrigen mit einem gewissen künstlerischen Talent ausgestattet. Elisabeths späterer Lebensinhalt scheinen ihre Gedichte zu sein, die uns auch historisch bis heute überliefert sind, während „Ich“ in Monte Carlo eine Vorliebe für die Zeichenkunst erkennen lässt, als sie Maxim das Bild schenkt, das sie an den Klippen gezeichnet hat. Später lebt sie diese Kunst jedoch wenig aus, sie rückt immer mehr in den Hintergrund, während sich die Kaiserin gerade im fortgeschrittenen Alter in die Lyrik flüchtet.

Zum Abschluss der Parallelen möchte ich noch ein Wort über die Darsteller verlieren. Riskiert man ein Blick auf die Besetzung von „Rebecca“ wird man überrascht feststellen, dass nur sehr wenige Mitglieder dieser noch nie in „Elisabeth“ gespielt hat. Einerseits kann man sich dies mit der langen Spielzeit des Musicals erklären, andererseits kann es auch durchaus möglich sein, dass die ähnliche Musik - wie bereits erwähnt - auch ähnliche Typen verlangt. Die stimmlichen Voraussetzungen sind quasi dieselben, was den Darstellern eine Mitarbeit in beiden Produktionen schmackhaft macht.

Bevor ich den Vergleich jedoch komplett abschließe, möchte ich darauf hinweisen, dass es bei all den Gemeinsamkeiten auch gravierende Unterschiede gibt. So endet „Elisabeth“ mit dem Tod der Hauptfigur, den sie sich zwar ersehnt hat, der aber doch eine gewisse Tragik in sich birgt, während „Ich“ auch nach dem Stück wieder das Wort ergreift und im Finale den Schlusston ihres Fazits, das sie als bereits reifere Frau zieht, in den Armen ihres Mannes singt.
Sehr markant ist auch das komplette Fehlen einer Titelfigur in „Rebecca“. Es kommt vor, dass Zuseher der „Ich“ - dadurch, dass sie im ganzen Stück keinen Namen erhält - diesen Namen verleihen. Das ist auch eine Abweichung davon, was man von Sylvester Levay und Michael Kunze gewöhnt ist, da es zuvor immer eine „Elisabeth in ‚Elisabeth’“ und einen „Mozart in ‚Mozart!’“ gegeben hat.
Zudem geht es in Elisabeth um zwei Liebesgeschichten. Zum einen die der Kaiserin mit ihrem Ehemann, die jedoch recht bald erkaltet und zum anderen die mit dem Tod, die natürlich nicht auf diese Art in den Geschichtsbüchern gefunden werden kann. „Ich“ und Maxim jedoch schweißt die Geschichte nur noch mehr zusammen, sodass die beiden auch ihre Zukunft gemeinsam verbringen können.

Im Endeffekt ist es so, dass sich die Grundstoffe beider Musicals ebenso wie ihre Musik sehr ähneln. Ersteres mag womöglich gerade der Grund sein, wieso der Roman der britischen Autorin für die Produktion ausgewählt worden war. Und zu Letzterem sagte selbst Sylvester Levay nach der Premiere, es wäre in Ordnung, solange ihm nur vorgeworfen wird, von sich selbst abzuschauen. Wenn man sich den Erfolg, den das Musical seit seiner Premiere hat, genauer ansieht, bekommt man auch das Gefühl, dass er wohl Recht haben kann. Und die VBW werben ja auch sehr passend in ihrem Flyer mit folgender Kritik:
Wer Elisabeth mag, wird Rebecca lieben.(- Wiener Zeitung)