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Alfred und der Graf
- der Reiz zweier grundverschiedener Charaktere -
von Sisi
Im Musical „Tanz der Vampire“ treten gleich zwei männliche Figuren auf, die um die Gunst der Schönen werben – das Ende bleibt offen. Doch für wen sollte sich Sarah im Endeffekt entscheiden? Wenn man den vielen Fangeschichten glauben darf, ist diese Frage eindeutig mit dem Grafen zu beantworten. Ganz so einfach ist die Angelegenheit jedoch nicht, denn eine jede Medaille besitzt zwei Seiten. Und hier wollen wir zwei sehr verschiedene Medaillen einander gegenüber stellen.
Zunächst einmal wäre da Graf von Krolock, der Vampir und damit der Böse in der Geschichte. Er begehrt die junge unbedarfte Sarah, oder viel mehr ihr Blut. In seiner mehrere hundert Jahre unfassenden vampirischen Existenz hat er das ein oder andere Opfer gefordert. Des Pastors Tochter, oder den Pagen aus Napoleons Tross, wie er selbst zu erzählen weiß. Zwangsläufig kommt die Frage auf, ob Sarah für den alten Vampir nicht nur ein weiteres Opfer in einer langen Reihe ist, während sie sich etwas ganz anderes erträumt.
Gewiss verkörpert er all ihre Träume vom Freisein. Ein Graf, der in einem Schloss lebt, gutaussehend und geheimnisvoll. Die ihr Leben lang vom Vater behütete Wirtstochter Sarah könnte sich gar nicht mehr wünschen. In ihm sieht sie ihren Ausweg aus der beengten Existenz ihres Elternhauses, so ist es nur zu gut verständlich, dass sie von seinen Avancen angetan ist.
Wir erfahren im Stück letztlich nicht, welche Gefühle Breda von Krolock für die junge Sarah hegt – ob sie für ihn nur ein weiteres Opfer ist, oder ob seine Empfindungen doch tiefer gehen. Derartige Überlegungen bleiben jedem selbst überlassen. Vielleicht weckt die Wirtstochter in seinem alten Vampirherzen ja etwas, von der schon lange vergessen hat, dass es existiert.
Im Gegensatz dazu tritt ein junger Mann auf, der sich sofort und auf den ersten Blick in Sarah verliebt. Alfred, der Assistent des Vampirforschers, ist klug und gebildet, aber auch sehr schüchtern. Er ist leicht zu erschrecken, schon der Gedanke an Vampire macht ihm Angst. Genau diese Furcht lernt er schließlich zu beherrschen, um seiner Liebe Sarah zur Hilfe zu eilen. Für Sarah hat er Mut und Kraft.
Alfred kann nicht mit der erotischen Faszination Krolocks konkurrieren - das merkt im Verlauf des Stücks auch die Wirtstochter - aber er hat das Herz am rechten Fleck und würde Sarah auf Händen tragen. Man kann aufgrund des vorgezeigten Charakters davon ausgehen, dass er eine Frau niemals so behandeln würde, wie es im (vor)vorigen Jahrhundert oftmals vorkam. Mehr als Eigentum, denn als Mensch und Partnerin.
Von Krolock wäre so etwas wieder nicht zu erwarten, er ist im Gegensatz zu Alfred ein starker, sogar herrischer Charakter, der weiß was er will und wie er es bekommt – ohne viel Rücksicht auf Verluste. Alfred hat noch seine jugendlich hoffnungsvollen Erwartungen ans Leben, die der oft enttäuschte Krolock längst verloren hat. Er möchte lieben, geliebt werden und glücklich sein. Im Verlauf des Stückes wächst er an den Erfahrungen, die er macht, er wird reifer.
Es bleibt abschließend die Frage, ob Sarah nicht als Vampir eher in eine neue beengende Existenz schlittert, anstatt ihr zu entfliehen. Sie bindet sich an das Blut, an die ewig unstillbare Gier, die Krolock unglücklich besingt. Wenn der alte Vampir sie liebt, hätte er ihr ein solches Leben dann nicht ersparen sollen? Oder wollte er sie nur vor einer anderen Einengung bewahren? Nämlich der als Ehefrau und Mutter, wie sie es an Alfreds Seite gewiss geworden wäre. Bei dem gebildeten jungen Mann kann man zumindest davon ausgehen, dass er sie nicht in etwas gedrängt hätte, das ihr widerstrebt, denn er liebt sie, und ist glücklich, wenn sie es ist. Indem das bestehende Ende diese Entscheidung ausspart, genießen wir als Publikum die Möglichkeit uns die Seite der Medaille selbst auszusuchen.
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