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„Eine Abartige Geschmacklosigkeit“*
Anne Frank als Musical
von Michel Honold
Es hörte sich an wie ein schlechter Scherz als es von vielen Nachrichtenseiten hieß
„Holocaust goes Musical“. Doch die Meldung ist kein verfrühter Aprilscherz: Das Tagebuch
von Anne Frank wird ab Ende Februar in Madrid unter dem Titel „El diario de Ana Frank -
Un canto a la vida“ erstmals als Musical aufgeführt. Der Stoff scheint nicht unbedingt für
das meist fröhliche und komödiantische Musicalgenere geeignet und ernste Stücke wie
„Assassins“ sind bisher meist gescheitert, aber das konnte das Madrider Calderòn-Theater
nicht abhalten.
Die aus Frankfurt/Main stammende Anne Frank hatte sich von 1942 bis 1944 mit ihrer
Familie und einigen Freunden in einem Amsterdamer Hinterhaus vor den deutschen Nazis
versteckt. Dort führte das Mädchen ein Tagebuch, bis es ins Konzentrationslager
Auschwitz verschleppt wurde. Im Frühjahr 1945 starb Anne Frank im Lager von Bergen-
Belsen. Ihr Tagebuch wurde in mehr als 60 Sprachen übersetzt und ist weltweit eines der
meistgelesenen Bücher. Es wurde verfilmt und auch als Theaterstück aufbereitet.
„Es wird ein vergnügliches Musical mit rührenden Momenten und viel Komik werden“,
berichtet der Regisseur Daniel Garcìa Chàvez einer Spanischen Tageszeitung El Paìs
„Wir greifen darin den Humor, den Optimismus und die Lebensfreude auf, die Anne Frank
sich trotz der Umstände bewahrt hat.“ Der Schauspieler Alberto Vàzquez, der Annes Vater
Otto Frank darstellt, ergänzt: „Das Genre des Musicals hat den Vorteil, dass es den
Humor nicht ausklammern muss. Die Franks und ihre Freunde hatten sich nämlich in
ihrem Versteck durchaus auch Witze erzählt.“
Die Madrider Theaterleute besuchten das Anne-Frank-Haus in Amsterdam und gewannen
die Unterstützung der Stiftung, die die dortige Stätte verwaltet. „Wir hatten anfangs unsere
Zweifel, aber die Theatergruppe hat uns von der Seriösität ihres Vorhabens überzeugt“,
sagte Jan Erik Dubbelman von der Anne-Frank-Stiftung dem Spiegel. „Die Gruppe verfolgt
keinen billigen oder kommerziellen Ansatz. Das Musical bringt den Besucher eher zum
Weinen als zum Lachen.“
Das Amsterdamer Anne Frank Haus vergleicht das Tagebuch, das Anne Frank an ihrem
13. Geburtstag 1942 begann, mit einer tragischen Oper. Die Motivation zu dem Projekt:
Das Musical würde Kinder und Jugendliche mehr bewegen, als eine Ausstellung oder ein
Buch das könnten, meint der Produzent des Stücks. Und auch die Bekanntheit des
Holocaust-Opfers soll in Lateinamerika gesteigert werden - der Text ist in Spanisch
gehalten.
In Spanien löste die Ankündigung eines Anne Frank-Musicals zunächst gewisse Skepsis
aus, ob man aus einer solch tragischen Holocaustgeschichte überhaupt ein Sing- und
Tanzstück machen dürfe. Die Geschichte des Mädchens wurde zwar schon mehrere Male
verfilmt - „Das Tagebuch der Anne Frank" von 1959 erhielt drei Oscars -, doch die Stiftung
ist restriktiv, was die künstlerische Bearbeitung des Tagebuchs angeht. Steven Spielbergs
geplanter Kinofilm wurde etwa abgewiesen.
Uns gegenüber teilte der Direktor des Berliner Anne Frank Hauses mit, das man der
Meinung sei, dass ein Stück über Anne Frank, das ohne den Text des Tagebuchs
auskomme nicht ihre wirkliche Gefühlswelt widerspiegle. Auch sei das Leid, das Anne
Frank in den letzten Sieben Monaten ihres Lebens wiederfuhr, als sie in den deutschen
Konzentrationslagern gefangen war, nicht angemessen darzustellen. Außerdem sei das
Tagebuch ein historisches Dokument und ein Symbol für das Leid, Elend und Grauen des
Holocausts, das nicht wie eine erfundene Geschichte behandelt werden dürfe.
Insbesondere Otto Frank, Annes Vater, der als einziger aus der Familie den Holocaust
überlebte, verweigerte bis zu seinem Tod 1980 seine Zustimmung zu künstlerischen
Adaptionen des Tagebuchtextes. Auch die Stiftung lehnte daher das geplante Musical
zunächst ab. Dann habe der Regisseur sie aber„von seiner Qualität und seinen Absichten"
überzeugt, so Dubbelmann.
Der Anne-Frank-Fonds in Basel, der die Urheberrechte für das Tagebuch hält, ist gegen
das Musical. „Mir gefällt es nicht, dass Anne Frank als Unterhaltungsstoff behandelt wird“,
sagte Buddy Elias, ein Cousin des Mädchens und Präsident des Fonds. „Wir können
gegen das Musical allerdings nichts unternehmen, solange dort keine wörtlichen Zitate aus
dem Text des Tagebuchs verwandt werden.
Der Direktor des berliner Anne Frank Hauses sagte uns gegenüber.
Die Rolle Anne Franks übernimmt die 13-jährige gebürtige Kubanerin Isabella Castillo. Im
Rahmen eines Besuches des Ensembles in dem Achterhuis gaben sie in Amsterdam eine
kleine Vorführung für die Mitarbeiter des Anne-Frank-Hauses. „Sehr bewegend" nannte
Dubbelman den Auftritt gegenüber "Spiegel Online". Am 28.Februar soll die Premiere
stattfinden.
Eine Grenze bleibt aber bestehen: Merchandising wird es für das Anne-Frank-Musical
keines geben.
* Nachrichtensprecher des Senders Telecinco
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