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Der Tod trägt ein Kleid!
~ Die Symbolik der Wiener Elisabeth ~
Von Sisi Silberträne
Oft von Fans anderer Inszenierungen kritisiert, und doch unverzichtbar: Die reichhaltige Symbolik der Wiener Fassung von Elisabeth. So facettenreich wie das Musical selbst sind auch diese Bilder, von denen manche die ganze Handlung über präsent sind, und andere nur während einer einzigen Szene in Erscheinung treten. Eins haben sie jedoch alle gemeinsam. Man muss ihre Bedeutung ein bisschen verstehen um ihren Platz im Musical zu sehen. Wer bereit die Augen für Neues zu öffnen und sich die Zeit nimmt, hinter die Fassade zu blicken, wird nach dem Genuss der einzigartigen DVD-Aufnahme vielleicht um ein paar Eindrücke reicher sein.
Wir befinden uns in einer Welt aus Dunkelheit. Alles ist durch die Kraft der Zeit verfallen und der Zerstörung preisgegeben. Zwischen den Ruinen einer einstigen Pracht schweben die Geister der Vergangenheit. Luigi Lucheni, Elisabeths Mörder beschwört sie einmal mehr, so wie jeden Tag seit über hundert Jahren. Er steht hoch oben auf der Feile, mit der er die Tat begeht, und erweckt mit seinem durch die Düsternis leuchtenden Stab die ruhelosen Geister marionettengleich zum Leben, lässt sie sich im kantigen Totentanz bewegen. Sie sollen uns ihre Geschichte erzählen.
Eines der auffälligsten Symbole wird uns schon am Anfang vor Augen geführt, nämlich die rankenförmigen Schmuckwunden oder auch Schimmelkanten an vielen Kostümen. Meist sind sie in einem dunklen Grün gehalten, nur auf Elisabeths hellen Kleidern wurden sie farblich angeglichen. Sie sind auf allen Gewändern der Adligen, auch denen der ungarischen Magnaten, der Hofdamen, Elisabeths Gouvernante und des Kardinal-Erzbischofs Rauscher zu finden und stehen für den Verfall, dem der Adel letztlich preisgegeben ist.
Bei mehreren Gelegenheiten taucht auch die Totenkutsche auf. Ebenfalls ein Symbol, das seinen Weg auf die deutschen Bühnen nicht gefunden hat, jedoch in Wien sehr wichtig ist. Ob nun Elisabeth darin der Kindersarg der kleinen Sophie vorgeführt, oder sie das Bett Rudolfs stellt, sie steht für den Tod. Bereits als Junge gehört der Kronprinz dem dunklen Engel, und in einem grotesken Tanz mit ihm, erneut vor dem Hintergrund der Kutsche wird sein Schicksal besiegelt.
In der neuen Fassung taucht das Gefährt noch in einer weiteren Szene auf, nämlich „Wenn ich tanzen will“, Elisabeths Tanz mit dem Tod. Sie ist dem Glauben erlegen sich von allem befreit zu haben, doch dem schwarzen Prinzen kann sie nicht entkommen. Als Vorbild für das Gefährt dienten übrigens die besonders edlen Prunkkutschen der kaiserlichen Familie, welche in der Schönbrunner Wagenburg zu sehen sind.
Das nächste direkt ins Auge springende Symbol lässt nicht lange auf sich warten. Bei „Nichts ist schwer“ wird das junge Paar auf einem stilisierten Wiener Riesenrad empor gehoben. Hierzu sei erwähnt, dass dies natürlich nicht jenes darstellen soll. Es wurde nämlich erst ein Jahr vor Elisabeths Tod, anlässlich zu Franz Josephs fünfzigjährigem Thronjubiläum erbaut. Auch haben die Waggons nie so ausgesehen, die Form im Musical erinnert an den habsburgischen Doppeladler. Dies weist auf die Position des jungen Paars innerhalb der Monarchie hin. Ganz oben, aber allein. Und selbst das Miteinander ist illusorisch, wir wissen ja, wie es letztlich um diese Verbindung bestellt ist. Man sagt nicht umsonst wer hoch steigt, kann auch tief fallen.
Hervorstechend sind mit Sicherheit auch die bunten schillernden Autodrom-Wagen, die bei der „fröhlichen Apokalypse“ im Wiener Kaffeehaus herum fahren. Das über weltliche Themen diskutierende Volk erkennt als erste, dass sich die Monarchie überlebt hat (Elisabeth thematisiert dies in ihren Gedichten ihrer letzten Jahre ebenfalls), es sehnt sich nach Veränderungen, „Österreich braucht jetzt ein Parlament.“* Der Fortschritt ist unaufhaltsam, und dafür stehen die sie seltsam anmutenden Fahrzeuge. Die mitfahrenden Todesengel könnte man fast sinnbildlich für die sich überall einnistenden Gedanken betrachten.
Ein von Anhängern anderer Inszenierungen viel kritisiertes Symbol sind die Kostüme des Todes. Im Mayerling-Walzer, in dem Rudolf die Pistole erringt, die ihm dann vom Tod selbst an die Schläfe gesetzt wird, erscheinen der schwarze Prinz und seine Todesengel in Frauenkleidern. Sie sind allerdings nicht unter die Transvestiten gegangen (der „Sweet Transvestite“ gehört in ein anderes Musical), sondern das versinnbildlicht einfach Mary Vetsera, Rudolfs junge Geliebte, mit der zusammen er in den Tod ging.
Weniger seltsam anmutend, jedoch ebenso interessant sind die ganz weiß gehaltenen Outfits des Todes, die er ganz am Anfang und am Ende der Handlung trägt. Ein scharfer Kontrast zum edlen blauschwarzen Anzug. Wenn wir genau hinsehen, erkennen wir, dass der Prolog und der Epilog im Totenreich spielen, während alle anderen Auftritte des Todes Besuche in der Welt der Lebenden darstellen. Für uns Sterbliche mag er ein dunkles bedrohliches Wesen sein, doch in seiner eigenen Welt gibt es längst keinen Grund mehr ihn zu fürchten.
Die meisten dieser Symbole, seien es nun die Ranken, die Totenkutsche, oder das Riesenrad, bleiben der Wiener Inszenierung vorbehalten. In anderen Fassungen findet man nur die unverzichtbaren Symbole wieder, so wie die große Feile als Brücke vom Totenreich in die Welt der Lebenden. Oder auch Franz Josephs Geschenk an Elisabeth, die wie ein Hundehalsband wirkende Kette, mit der er ihr die ganze Bürde, vor der sie ein Leben lang flieht, umlegt, „Wie schwer die Kette ist.“* Und nicht zu vergessen der Zynismus einer ganz in schwarz gekleideten Sophie bei der kaiserlichen Hochzeit.
Diese Bilder mögen vielleicht für andere Inszenierungen des Musicals genügen, jedoch nicht für die Wiener. Sie lebt praktisch von den vielfältigen tiefgründigen Symbolen, anstatt von pompösen Marmortreppen oder Achilles-Statuen. Auf den ersten Blick mögen die meisten für Kenner anderer Fassungen seltsam und unpassend erscheinen, aber in Wien funktioniert es nicht ohne sie.
* Libretto der Wiener Originalfassung (VBW)
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