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Die Zaubergeige...
Teil 8
Von Angelika
Christine erzählt:
Als Raoul dies bemerkte, fuhr er hastig, als wolle er sich verteidigen, fort:
„Doch, doch, einige ausgebleichte Schädel rollten vor meine Füße wie Bocciakugeln,
und...und sie kicherten sogar...ich weiß, das hört sich komisch an, aber es war so, jetzt wo
ich mich erinnere, habe ich wieder dieses unheimlich Gekicher im Ohr!“
Arzt und Pfarrer warfen sich einen vielsagenden Blick zu, während ich Raoul am liebsten
den Mund zugehalten hätte, da ich der Meinung war, dass er sich nun wirklich lächerlich
machte und dass man ihn am Ende gar nicht mehr ernst nahm.
Aber es wurde noch schlimmer.
„Dann sah ich einen Schatten...“, fuhr Raoul fort „...und ich folgte ihm!“
Er atmete tief durch und nahm einen Schluck aus seinem Becher. Wir alle hingen ungeduldig
an seinen Lippen.
„Der Schatten verschwand in der Kapelle, es hatte den Anschein, das er vor mir flüchtete.
Und als ich selbst die Kapelle betrat, sah ich, dass er tatsächlich noch da war...er rannte
durch den Mittelgang, ich rannte ihm nach und bekam einen Zipfel von ihm zu fassen...“
Er hielt inne, wohl um die Wirkung seiner Worte abzuwarten.
So abwegig klang seine Erzählung nun doch nicht mehr, deshalb wohl forderte der Doktor
Raoul ungeduldig auf, fortzufahren.
„Und, was dann?“
„Der Schatten stoppte tatsächlich abrupt seine Flucht, denn ich hielt den Zipfel seines
Mantels so fest ich konnte!“
Nun stockte mir der Atem...war es möglich, dass Raoul...
„Er fuhr herum und riss sich, scheinbar wütend, von mir los. In seiner Bewegung lag soviel
Kraft, dass ich keine Chance hatte ihn weiter festzuhalten...“ fuhr Raoul, nun schon wieder
selbstüberzeugter, fort.
„Dann sah ich sein Gesicht im Mondlicht das durch ein kleines Fenster fiel...und erschrak
beinah, wie Sie ja heute festgestellt haben, zu Tode!“ Er atmete tief durch, hielt sich die
Hand über die Augen und stammelte irgendetwas wie 'Oh, mein Gott...'
Ich platzte beinah vor Ungeduld und den anderen schien es ähnlich zu ergehen, denn
nachdem man Raoul die kleine Erholungspause gegönnt hatte, wurde er beinah bedrängt,
weiterzuerzählen.
Raoul ließ mit aufreizender Langsamkeit die Hand aus dem Gesicht sinken und war tatsächlich
totenbleich...
„Im ersten Augenblick dachte ich, einer der bleichen Totenschädel aus dem Knochenhaufen
draußen vor der Kirche, sei lebendig geworden...aber jene Totenschädel sehen nicht
einmal halb so schrecklich aus, wie diese Fratze, die ich sah...“ mit zitternden Fingern
führte Raoul erneut den Becher an die Lippen und versuchte einen weiteren Schluck zu
nehmen, goss sich aber die Hälfte des Inhaltes über sein Hemd.
Der Pfarrer bekreuzigte sich hastig und ich sah, dass auch seine Hände zitterten, der Arzt
aber blickte eher amüsiert drein. Ich selbst wußte nicht was ich davon halten sollte.
In erster Linie glaubte auch ich, wie der Arzt, dass mein armer Freund tatsächlich zuviel
Wein getrunken hatte, andererseits aber lief mir doch ein kalter Schauer über den Rücken.
Unwillkürlich dachte ich wieder an den geisterhaften Reiter in der Nacht.
Doch all das passte für mich nicht zusammen, durfte nicht zusammenpassen! Wie konnte
an einem Ort, an dem zuvor noch die 'heilige' Musik meines Engels erklungen war, plötzlich
ein Wesen auftauchen, dass nach Raouls Beschreibung ausgesehen haben musste wie
der Teufel selbst...
„Was sah denn so schrecklich aus...an dieser Fratze?“, fragten Pfarrer und Arzt gleichzeitig.
Der eine mit zittriger, der andere mit noch immer nicht ganz ernst klingender Stimme.
Raoul rieb sich erneut die Stirn und machte es weiterhin spannend.
„Ach, ...wie ein Totengesicht halt“, erklärte er schließlich, „nur lebendig...es war lebendig,
es besaß im Gegensatz echter Totenschädel Augen und diese zumindest funkelten
sehr beängstigend und böse in der Dunkelheit...“ Mit zitternder Hand fuhr er über sein eigenes
Gesicht, seine Erinnerung schien ihn nun mit aller Gewalt zu überkommen. „Es war
sehr bleich, zumindest wirkte es so in der Schwärze seiner Kapuze, die sich für einen Augenblick
teilte und...es hatte wie alle Totenschädel nur ein schwarzes Loch anstelle einer
Nase und zeigte eine Reihe scharfer, blitzender Zähne als es grinste...Christine ich möchte
Sie nicht erschrecken!“
„Erschrecken?! Sie haben mich bereits erschreckt Raoul!“, gab ich entsetzt zurück.
„Niemand kann so ein Gesicht haben, niemand! Sie haben geträumt!“, rief ich verzweifelt
aus.
„Ja, bestimmt!“, warf der Doktor ein, „oder es hat jemand heute Nacht Schabernack mit
Ihnen getrieben, jemand der eine Totenmaske trug, denn auch ich kann mir kaum vorstellen
dass jemand solch ein Gesicht besitzt!“
„Ich glaube aber ebensowenig, dass jemand solch eine lebensechte Maske besitzt!“, erwiderte
Raoul trotzig.
Der Pfarrer bekreuzigte sich erneut und murmelte etwas, das wie \'Teufel\' klang. Doch
dann schüttelte auch er den Kopf und meinte, dass der Teufel doch niemals geweihten Boden
betreten könne, ohne zu verbrennen.
Später, als man uns endlich allein ließ, versuchte ich noch einmal Raoul davon zu überzeugen,
dass er vielleicht wirklich nur 'geträumt' hatte. Doch er ließ sich nicht mehr beirren
und bestand darauf, dass ich ihm glaubte.
„Sie glauben ja auch nicht an meinen Engel!“, erwiderte ich trotzig.
„Jetzt noch weniger, Christine!“, er umklammerte heftig mein Handgelenk und blickte mich
eindringlich an.
Seine Stimme war nur noch ein Flüstern als er fortfuhr: „Christine, ich ahne
böses...Sie unterliegen da einem fürchterlichen Betrug...diese Geigenklänge...ich gebe zu,
sie waren wunderschön...aber sie waren...“ „Sie waren was?“, stieß ich mit zitternder
Stimme hervor.
„Sie waren echt... denn ich habe sie ja auch gehört!“
Ich lachte eine Spur zu schrill auf.
„Natürlich waren sie echt, genauso echt wie mein Engel der Musik, Sie haben ihn ja auch
schon reden gehört, warum sollten Sie dann nicht...“
„Christine, ich weiß nicht wer oder was Sie da so dermaßen beeinflusst, dass Sie diesem
Irrglauben an einen Engel unterliegen können, in jener Nacht haben sich bestimmt kaum
zwei weitere Personen auf dem Friedhof aufgehalten, eine weitere außer uns, ist schon
eine zuviel...!“
„Personen?!“, rief ich entrüstet aus.
„Mein Engel ist keine Person, er ist ungreifbar, unantastbar, er ist...“, ich winkte entsetzt
und enttäuscht ab, so als habe es keinen Sinn weiter mit Raoul darüber zu sprechen und
sprang auf. „Und wenn eine Person zu viel auf dem Friedhof war, dann sind Sie das!“,
warf ich dem Vicomte an den Kopf.
Ich rannte aus dem Zimmer, schlug die Tür hinter mir zu und war entschlossen sofort und
ohne ihn abzureisen. Ich musste unbedingt zurück, musste meinen Engel hören, hören was
er zu dem ganzen Vorfall sagte, vielleicht hatte er ja die seltsame Gestalt in der Kirche
auch gesehen...
(Fortsetzung folgt…)
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