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<1>Die Zaubergeige...
Teil 7
Von Angelika
Christine erzählt:
Nun wurde man auf mich aufmerksam; Hände umfassten meine Schultern und rissen mich
zurück, Stimmen versuchten mich zu trösten.
'Er ist tot!' schoss es mir durch den Kopf. Warum nur, wie konnte das geschehen? Ich vergaß
alles, das nächtliche Geigenspiel, meinen Engel, den schwarzen Reiter. Ich sah nur
noch meinen toten Freund vor mir liegen und machte mir bittere Vorwürfe.
Jemand öffnete Raoul's Weste, riss sein Hemd auf und massierte seinen bleichen Brustkorb.
„Wie konnte das geschehen!?“ rief ich verzweifelt aus und versuchte mich zu befreien um
Raoul's Gesicht in meine Hände zu nehmen.
„Der Pfarrer fand ihn heute morgen in der Kapelle,“ sagte jemand.
„In der Kapelle?“
„Ja, in der Friedhofskapelle, er lag auf dem Hochaltar, wie...aufgebahrt...der Pfarrer holte
sofort Hilfe und so brachten wir den jungen Mann hierher...ist er nicht mit Ihnen aus der
Stadt gekommen?“
Ich nickte dumpf.
„Das sieht man, er sieht so pariserisch, so vornehm aus, wohl ein Graf?“
Darauf antwortete ich nichts mehr, denn das erschien mir nun unwichtig. Für die Dorfbewohner
allerdings handelte es sich um eine kleine Sensation.
„Ich wußte gar nicht, dass er auch auf dem Friedhof war!“, rief ich schließlich aus und erntete
eigenartige Blicke. Man konnte den groben, wettergegerbten Gesichtern der Dorfbewohner
geradezu ansehen, was sie sich später erzählen würden; 'Diese verrückten Großstädter!
Was müssen die sich auch mitten in der Nacht, wenn jeder vernünftige Mensch
längst schläft, auf Friedhöfen herumtreiben! Suchen wohl das Abenteuer auf dem Land...'
Dann bewegte sich Raoul.
Ein Zittern durchlief seinen Körper und ein tiefes Stöhnen entrang sich seiner Brust. Als er
die Augen aufschlug und verwirrt hin und her blickte, glaubte ich, noch niemals so glücklich
gewesen zu sein.
Ich umarmte weinend Madame Tricard und Madame Tricard umarmte mich, dann umarmten
wir Raoul. Man half ihm sich aufzurichten, man stützte ihn und bestürmte ihn schließlich
mit Fragen.
Raoul blickte noch verwirrter von einem zum anderen. Als sein Blick an mir hängenblieb,
atmete er tief durch, so als wolle er zum Sprechen ansetzen, doch er schloss den Mund
wieder. Dann schüttelte er den Kopf und murmelte heiser, dass er nicht wisse was geschehen
sei, ja dass er noch nicht einmal mehr wisse, wie er überhaupt zum Friedhof gelangt
war.
„Das wundert mich auch gar nicht!“ sagte Madame Tricard und warf mir einen leicht vorwurfsvollen
Blick zu. Offensichtlich wußte sie von dem Streit.
Obwohl ich mir keiner Schuld bewusst war, senkte ich nun doch leicht beschämt den Blick.
Sie wandte sich wieder Raoul zu und betrachtete ihn gleichfalls vorwurfsvoll, allerdings so,
wie eine Mutter ihren Sohn betrachtet.
„Sie haben gestern Abend ganz allein beinah zwei Flaschen Burgunder geleert!“ sagte
sie.
„Sie hätten tot sein können!“, stellte der inzwischen herbeigeeilte Dorfarzt fest, während
er Raoul untersuchte.
„Ja, ja, die Liebe...diese jungen Leute sind ihren Auswirkungen nicht gewachsen...“, sagte
jemand der Anwesenden zu einem anderen Anwesenden, während sie sich anschickten
die Gaststube wieder zu verlassen. Sie hatten ihre Aufgabe erfüllt und würden sich nun
wieder ihrem Tagesablauf zuwenden. Der andere lachte leicht amüsiert, stieß seinem
Nachbarn die Ellbogen in die Rippen und meinte, dass sie ja schließlich auch einmal jung
gewesen seien...
Obwohl mich die abwertigen Bemerkungen ärgerten, da sie zeigten wie wenig man uns
'junge Leute' ernst nahm, so entging mir doch auch nicht die Erleichterung im Verhalten
der Leute darüber, dass der junge Graf noch lebte und ausgerechnet sie ihn gerettet hatten.
Als sich der größte Teil von Raoul's Rettern wieder entfernt oder an den Tischen der Gaststube
Platz genommen hatten und sich nur noch der Arzt, der Pfarrer, Madame Tricard
und meine Wenigkeit um Raoul scharrten, fragte man diesen ob er denn wirklich gar nichts
mehr wisse, schließlich sei er auf dem Hochaltar 'aufgebahrt' gewesen, und das grenze
schon fast an Blasphemie.
Das konnte der Pfarrer, dem noch immer der Schrecken über seinen obskuren Fund deutlich
anzusehen war, nur mit heftigem Nicken bestätigen.
„Um Himmels Willen, nein! Ich würde mich niemals erdreisten...bei vollem Verstand auf
den Altar zu steigen!“, gab Raoul noch immer heiser und ehrlich entrüstet von sich.
„Sie sollten nicht so viel Wein trinken, wenn Sie es nicht vertragen, junger Mann!“, warf
ihm der Arzt vor.
Raoul starrte ihn verständnislos an.
„Ich war nicht betrunken, Monsieur!“ sagte er schließlich ernst.
„Waren Sie allein?“, bohrte der Arzt, der sich langsam zu einem Untersuchungsrichter zu
entwickeln schien, weiter. „Und was hatten Sie um Mitternacht auf dem Friedhof zu suchen?
Waren Sie allein?“
Raoul blickte mich an, wollte etwas sagen, blieb aber dann, wohl um mich zu schützen,
stumm und nickte zaghaft.
„Ich bitte Sie!“, warf ich peinlich berührt an den Arzt gewandt ein, während mir das Blut
zu Kopfe stieg.
„Sie sehen doch, dass Monsieur de Chagny noch ganz verwirrt ist, lassen Sie ihn doch
erst einmal zur Ruhe kommen!“
Madame Tricard warf mir abermals einen vorwurfsvollen Blick zu, dann stand sie auf,
wischte sich die Hände an der Schürze ab und entfernte sich leicht seufzend, da sie sich
um ihre Gäste kümmern musste.
Ich erhob mich gleichfalls, nahm all meinen Mut zusammen und sagte:
„Es ist meine Schuld Messieurs...ich...ging um Mitternacht zum Friedhof um...um ein Gelübde
am Grab meines Vaters zu erfüllen. Ich wußte nicht, dass Monsieur de Chagny mir
gefolgt ist, ich habe ihn nicht gesehen!"
Ich warf Raoul einen kurzen Blick zu und er antwortete mir mit einem gequälten Lächeln.
„Und was war dann?“, fragte der Arzt, der gleichzeitig Untersuchungsrichter war und sich
nicht weiter damit aufhielt, dass es schon eigenartig sei, wenn junge Mädchen nachts allein
zu einsamen Dorffriedhöfen pilgerten.
„Ich betete am Grab meines Vaters und ging wieder, aber ich sah weder den Vicomte
noch sonst jemanden.“
„Und Sie, Monsieur, sahen Sie noch jemanden?“, wandte er sich wieder an Raoul.
„Ich? Nein, ich...ich...“, Raoul unterbrach sich und rieb sich mit einer Hand die Stirn, so
als versuche er sich an etwas zu erinnern. Schließlich sah er auf und gab, scheinbar selbst
nicht ganz überzeugt von sich an, dass er wohl niemanden gesehen habe.
Madame Tricard kam mit einem Becher heißen Tees, den sie Raoul reichte und bemerkte
vorwurfsvoll, dass man den armen Jungen noch immer nicht vom Boden aufgeholfen hatte.
Doch Raoul beruhigte sie und meinte, dass er sich so am Boden und direkt am Ofen recht
wohl fühle. Madame Tricard seufzte und entfernte sich kopfschüttelnd wieder.
„Heißt das, dass Sie selbst nicht sicher sind, ob Sie nach Mademoiselles...“ der Arzt der
sein Verhör fortführte, warf einen kurzen Blick zu mir „...Weggang, allein auf dem Friedhof
waren?“
Raoul schaute unsicher drein, dann schien er all seinen Mut zusammenzunehmen und
räusperte sich:
„Nun, ich meine, dass da doch etwas war, zumindest bewegte sich plötzlich der
Knochenhaufen...Sie wissen schon, der an der Friedhofsmauer...“
Alle, einschließlich ich, betrachteten Raoul mit zunehmender Befremdung.
(Fortsetzung folgt…)
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