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Die Zaubergeige...

Teil 6

Von Angelika

Christine erzählt:

Ich erwachte, weil dumpfes Gepolter und Stimmengewirr durch meine Träume drang. Als ich die Augen aufschlug, wußte ich im ersten Moment nicht wo ich mich befand und was Traum und was Wirklichkeit war; diese herrliche Musik auf dem Friedhof, war sie wirklich gewesen? Vor meinen Augen sah ich noch immer das beinah romantisch anmutende Grab meines Vaters. All diese Kerzen, dieser magische Schein, die Kapelle aus deren Innerem gleichfalls ein vielfältiges Licht erstrahlte...
Doch da war noch etwas gewesen...ich konnte mich kaum erinnern, wußte auch hier nicht ob ich nur geträumt hatte; eine dunkel verhüllte Gestalt zog durch das Licht, unscheinbar und irgendwie 'durchsichtig...'
Ich stand auf und trat an das Fenster meiner Kammer. Ein Blick nach draußen zeigte mir, dass es wieder geschneit hatte.
Mein Herz begann heftig zu schlagen, als ich erneut an jene geheimnisvolle 'Traumgestalt' dachte. Plötzlich war mir, als sei sie nicht durch den Lichterschein des Friedhofes gewandelt, sondern hatte direkt hier, unter meinem Fenster gestanden!
Natürlich sah man keine Spuren mehr, der Neuschnee hatte alles unter sich begraben.
Nur zur Tür des Gasthofes unter mir, führte eine frische Spur von mehreren Füßen. Sicher hatte Madame Tricard schon frühe Gäste, daher also die Stimmen und das Gepolter.
Nun gut, vielleicht hatte ich ja tatsächlich in der Nacht am Fenster gestanden, und vielleicht hatte ich mir ja, wie schon als Kind, eingebildet eine Fabelgestalt gesehen zu haben.
Einen 'Korrigan' vielleicht, oder einen jener 'schwarzen Reiter' aus der Welt der Mythen und Märchen.
Obwohl jene Gestalt vielleicht nur ein Traum gewesen war, so faszinierte sie mich doch, ließ mich leicht erschauern, weckte eine unbegreifliche Sehnsucht in mir. Ich wollte sie in mein Gedächtnis zurückholen und sie festhalten.

Da war sie wieder; eingehüllt in einen langen dunklen Mantel, der sich über den Rücken des großen, weißen Pferdes ausbreitete, und der im fahlen Mondlicht glitzerte und funkelte, so als seien tausende kleiner Diamanten, oder winzige Sterne darauf verteilt, was bewirkte, dass die ganze Gestalt von einer milchigen Aura, fast wie von einem Heiligenschein, umgeben war...! Kopf und Gesicht des Reiters waren von einer unheimlich anmutenden, großen Kapuze bedeckt gewesen.
Ja, nun glaubte ich mich deutlich daran zu erinnern, dass die verhüllte Gestalt langsam unter meinem Fenster entlanggeritten war, während sie zu mir hinaufsah. Mein Herz hämmerte nun vor Aufregung...warum nur?
Warum regte mich dieser fremde Reiter so auf?
Ich seufzte, wandte mich um und griff nach meiner Kleidung, als ich plötzlich erstarrte. Mein Blick fiel auf etwas, das vorher nicht da gewesen war...und das mir immer nur mein Engel hinterließ...!
Es stand in einem Wasserglas auf meinem Waschtisch und da erinnerte ich mich: So wie ich war, barfuß, im Nachthemd und mit wirrem Haar, war ich in der Nacht aus meiner Kammer gestürmt, die schwachbeleuchtete Treppe hinunter, hatte mit zittrigen Fingern versucht die schwere Haustür aufzuschließen, was mir auch schließlich gelang (den Schlüssel hatte Madame Tricard an einen Nagel neben der Tür hängen) und war so auf die Straße und in den Schnee hinausgestürzt.
Natürlich war der Reiter verschwunden, aber in der Ferne sah ich eine Wolke aufstiebenden Schnees und ohne die Kälte an meinen nackten Füßen zu beachten, tappte ich zu der Stelle, an der ich zuvor den geheimnisvollen Reiter gesehen hatte. Ich weiß nicht mehr ob ich in der schwach erhellten Mondnacht Spuren entdeckte, ich war viel zu aufgeregt, aber da lag etwas anderes, dunkles im Schnee: eine rote Rose...!
Wie ich zurück in mein Zimmer kam, weiß ich nicht mehr, ich konnte mich auch nicht daran erinnern, die Rose in ein Glas gestellt zu haben...aber eines wußte ich nun sicher: \'Mein Engel war mir erschienen...in Gestalt dieses nächtlichen Reiters!\'
Diese Tatsache erfüllte mich mit einer unangreifbaren Kraft und Selbstsicherheit, dass ich, als ich mich nun in die Gaststube zum Frühstück aufmachte, beinah treppab schwebte.
Nichts und niemand würde mir nun noch etwas anhaben können!

Mein Engel existierte wirklich, auch wenn er keine reale Gestalt war, so war er doch wirklich da und keine Einbildung, kein Hirngespinst! Kein Wunder also, dass Raoul ihn auch hatte hören können, als er in meiner Garderobe zu mir sprach!
Noch immer ganz hingerissen von meinem Erlebnis betrat ich wie in Trance die Gaststube.
Dort herrschte einiger Aufruhr und es dauerte eine Weile, bis ich begriff was dort vor sich ging. Einige Leute aus dem Dorf und eine aufgeregte Madame Tricard bildeten eine Traube um etwas oder jemandem der am Boden lag. Alle redeten durcheinander, Madame Tricard hockte neben der Gestalt, von der ich nur die Stiefel sah und tauchte ein Tuch in eine Schüssel mit dampfendem Wasser.
Dann rieb sie das Gesicht der Gestalt damit ab, während andere versuchten den scheinbar Leblosen aus seinem steif gefrorenem Mantel zu befreien.
Ich trat heran, ohne dass mich jemand beachtete und reckte den Hals um zu sehen was los war, wer dort lag.
Dann schrie ich auf.
„Raoul!!“ schrie ich, stürzte mich auf ihn und schüttelte ihn. Mein Freund mit dem ich mich am Vortag so hässlich zerstritten hatte, und an den ich, wohl aufgrund der nächtlichen Ereignisse, noch gar nicht gedacht hatte, lag wie tot inmitten dieser aufgeregten Menschen! Seine Lippen waren blau, sein Gesicht so bleich wie der Neuschnee draußen...



(Fortsetzung folgt…)