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DieZaubergeige...
Teil 4
Von Angelika
Erik erzählt: (Begegnung mit Raoul)
In den jungen Mann kehrte Leben zurück. Verwundert, aber ohne sie aufzuhalten, blickte er dem Objekt unserer beider Sehnsüchte (Christine) hinterher und sah sich schließlich, scheinbar angestrengt lauschend, in alle Richtungen hin um. Schließlich trat er an das hellerleuchtete Grab des verstorbenen Geigers heran und betrachtete es eine Weile mit weit aufgerissenen Augen.
Ich nutzte die Gunst der Stunde und glitt vom Dach der Kapelle herunter. Vernünftiger wäre es vielleicht gewesen dort oben zu bleiben, doch ich spürte, dass sich ein Krampf in meinem Rücken anbahnte und mich der eisige Wind langsam erstarren ließ. Wenn ich also nicht augenblicklich mein luftiges Versteck verließ, würde ich von allein herunterfallen und womöglich im Schnee liegenbleiben wie ein großer starrer Vogel. Obwohl ich immer lautlos operiere, verursachte die vermaledeite Geige, als ich hinter der Kapelle auf beiden Füßen sanft im Schnee landete, ein leises Geräusch als sie andie Mauer stieß. Obwohl das Geräusch wirklich nur leise war, erschien es mir wie ein Gongschlag in der Stille der Nacht.
Augenblicklich fuhr der Junge herum und starrte in meine Richtung. Augenblicklich auch, kochten in mir Hass und Zorn hoch! Doch Erik wäre nicht Erik, wenn er nun die Contenance verlöre...
Ich beschloss den Jungen ein wenig zu ärgern undduckte mich hinter einem Haufen alter, ausgegrabener Knochen. Ichgab einleises unverschämt spöttisches Kichern zum Besten in der Hoffnung, dass er vor Angst zunächst erstarrte um schließlich eine wilde Flucht in Richtung des Friedhoftores anzutreten...
Doch so einfach machte er es mir dann leider doch nicht. Er schien beschlossen zu haben den Helden zu spielen und kam langsam aufmeinen Knochenhaufen, eher eine Mauer aus säuberlich übereinandergestapelter uralter gebleichterGebeine und Schädel,zu.Man muss dazu sagen, dass es bretonische Tradition ist aus alten Knochen, diedie überwiegend kleinen Friedhöfeim Laufe der Jahrhundertezum Überquellen brachten, diese Kunstwerke zu errichten. Übrigens ganz nach meinem Geschmack...in Paris zieht man es allerdings vor sieunterirdisch zu stapeln.

Ich staunte nicht schlecht über den Mut des Jungen, sich bei Nacht und Nebel, auf einem scheinbar 'gottverlassenen' Friedhof, einem Haufen grinsender Totenköpfe zu nähern. Ich stieß hinter der Mauer gegen einen der Schädel.Dieser löste sich aus dem Haufen und rollte dem Jungen vor die Füße. Er sprang beiseite und stieß einen kleinen Schreckensschrei aus. Ich begann Spaß an meinem makabren Spielchen zu bekommen und stieß noch einen Schädel an...und noch einen. Ein ganzer Haufen rollte nun auf sein lebendiges Ziel zu. Ich ließ die Schädel kichern. In jeden einzelnen von ihnen integrierte ich meine Stimme und der Vicomte sprang entsetzt hin und her, doch er rannte nicht davon! Dieser verdammte Junge ließ sich einfach nicht einschüchtern, was mir umso mehr bewies, wie groß seine Eifersucht auf Christines heimlichen Verehrer und folgerichtig auch der Wunsch diesen zu entlarven, sein musste! Das er nicht wirklich an einen 'Engel der Musik' glaubte, war mir nun endgültig klar geworden und langsam reichte es mir...
Ganz kurz blitzte der Gedanke in mir auf ihn zu töten, doch gleichzeitig sah ich auch Christines leidendes Antlitz vor mir. Nein, auch wenn ich den Jungen hasste, so wäre es doch ein Fehler ihn jetzt zu 'beseitigen'. Es könnte Christines Gleichgewicht und somit ihre Karriere zerstören. Womöglich liebt sie ihn wirklich nicht so, wie ich manchmal glaube - in Perros zumindest hielt sie ihn hervorragend auf Distanz.
Das Spiel wurde also langweilig, und ich beschloss mich zurückzuziehen bevor der Junge noch auf die Idee kam, hinter dem Knochenhaufen nachzusehenund ich doch noch tun musste, was dann unvermeidlich gewesen wäre...
Ich schlich geduckt um die Kapelle herum um von der anderen Seite zum Eingang zu gelangen. Ich kam mir sehr schlau vor, denn der Junge starrte noch immer auf den Knochenhaufen, den ich längst verlassen hatte. In mich hineingrinsend näherte ich mich dem Eingang und huschte wie ein Schatten durch den Türspalt. Hinter mir vernahm ich ein leises Keuchen und sah mich um.
Der Junge folgte mir!
Er musste mich gesehen haben, und das machte mich wieder zornig! Er war auf einmal so schnell an den Eingang gelangt, dass es selbst mich stutzig machte...nein, Christines\' kleiner Held ließ sich nicht narren!
Ich trat die Flucht nach vorn an, durch den Mittelgang der Kapelle, mit dem Gedanken, durch die Sakristei, in der es einen zweiten Ausgang gab, zu verschwinden.
"He, Sie, bleiben Sie stehen, sofort!" rief der Junge und seine Stimme hallte viel zu laut in dem alten Gewölbe wieder! Es war wie eine Entweihung!
Außerdem hatte ich das schon einmal gehört; im Keller der Oper , als der dumme alte Buquet mich verfolgte!
Es ist immer dasselbe; dieses Menschgezücht berauscht sich an meiner Musik und dann jagt es mich zum Dank! Das macht mich zornig, außerordentlich zornig...und man weiß ja schließlich, was mit Joseph Buquet geschah! Dahin meine guten Vorsätze, auf und davon!
Ich überlegte schon, ob ich stehenbleiben und dem Vicomte gleich die Schlinge um den Hals legen sollte, als ich plötzlich einen kurzen harten Ruck verspürte, so als sei mein Umhang irgendwo hängengeblieben. Ob ich wollte oder nicht, ich musste stehenbleiben. Unter meinem Umhang umfasste ich bereits das Pendjab-Lasso und wandte mich langsam um...
(Fortsetzung folgt…)
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