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Die Zaubergeige...
Teil 3
Von Angelika
Christine erzählt:
Das Wiedersehen mit Raoul verlief nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Er war ein anderer Mensch geworden. Er teilte meine Träume, so wie wir es in unserer Kindheit taten, nicht mehr mit mir. Ich hoffte, er würde meine Verbindung zum 'Engel der Musik' verstehen, so wie er immer alles verstanden und mit mir geteilt hatte. Zumal auch er 'die Stimme' gehört hatte...aber dennoch glaubt er mir nicht. Schlimmer noch, er nimmt mich nicht ernst, er macht sich sogar lustig über mich! Ich hatte ihn doch extra hierher bestellt, an diesen mystischen Ort unserer Kindheit, dachte, dass er den Zauber 'meines Engels' hier besser verstehen könne, als irgendwo anders...
Stattdessen gerieten wir in einen nicht enden wollenden Streit und vermieden es uns noch einmal zu begegnen.
Tief enttäuscht und entsetzt verbrachte ich den restlichen Tag in meinem Zimmer des Gasthofes und wartete sehnsüchtig auf Mitternacht; es gab jetzt nur noch Einen, der mich trösten konnte...
Die Zeit verging unerträglich langsam, und als es endlich soweit war, kehrte plötzlich so schnell Leben in mich zurück, wie es mich zuvor verlassen hatte. Ich verspürte weder Hunger noch Durst, griff erneut nach Mantel, Schal und Handschuhen und schlich durch das schwach beleuchtete Treppenhaus. Kurze Zeit später befand ich mich schon auf dem Friedhof, ohne recht zu wissen, wie ich dorthin gelangt war. Ich verspürte keine Angst, nur noch freudige Erregung...
Auf dem Grab meines Vaters brannten unzählige Kerzen und Lampen, deren goldener Schein wie ein Schleier über der Stätte des Todes schwebte und diese in ein verzaubertes Licht tauchte. Ich stieß einen kleinen Laut der Verzückung aus, sank, ungeachtet des Schnees, auf die Knie nieder und faltete die Hände.
Die kleine Glocke im Turm der Kapelle, schlug schließlich an und ihr, in der Stille der Nacht so durchdringend klingender Ton, ließ mich erschauern. Ich zählte heimlich die Schläge mit und als ich bei Elf ankam, hoben sich meine Arme wie zwei selbständig gewordene Wesen empor und streckten sich dem schwarzen, undurchdringlichen Himmel entgegen.
Ich weiß nicht wann es anfing, aber auf einmal war es da. Zuerst ganz leise, ganz zittrig, dann immer lauter und klarer werdend... Der ganze Friedhof, oder war es doch nur in meinem Kopf...war schließlich erfüllt, von jener zauberhaften, zarten Musik, die tatsächlich von der Geige meines Vaters herrührte. Ich glaubte, jeden einzelnen Ton wieder zuerkennen. Mein Vater hatte mir oft genug erklärt, dass kein Instrument klang wie das andere...ich glaubte sogar jenen kleinen, schleifenden Ton herauszuhören, der, verursacht durch eine schadhafte Saite stets das Instrument meines Vaters gekennzeichnet hatte.
Tränen der Rührung, liefen über meine Wangen und erstarrten sofort zu Eis. „Heute Nacht spielt er nur für dich, Papa...“ dachte ich, davon überzeugt, dass mein toter Vater mich und die Musik meines Engels hören konnte. Als die himmlische Musik schließlich verstummte, benötigte ich eine Weile, bis ich wieder zu mir kam. Wie in Trance stand ich auf und überquerte mit steifen Knien erneut den Friedhof. Ich wagte nicht, nach meinem Engel zu rufen, denn ich wusste irgendwie, dass er mir nicht antworten würde. Zumal hätte die Enttäuschung über sein Schweigen die ganze sinnliche Atmosphäre nur zerstört.
(Cimetiere de Montmartre, Paris)
Erik erzählt: ( Die Zaubergeige)
Ich saß in zugiger Höhe, auf dem rutschigen Dach der Kapelle, verborgen von der Dunkelheit, sowie dem Glockenturm. Es war ein anstrengendes Unterfangen, zumal mir die Kälte zunehmend zu schaffen machte. Ich konnte unmöglich mit Handschuhen auf der Geige spielen und obendrein befürchtete ich, dass die Saiten des Instrumentes zu kalt und hart wurden.
Andererseits aber, bereitete mir dieser ungewöhnliche Ausflug auch viel Freude; ich konnte Neigung und Liebe in obskurer Weise miteinander verbinden - und was bietet sich da Besseres an, als ein alter Dorffriedhof, auf dem Christine ein-und ausging...?!
Das Stück „La Resurrection de Lazare“, gelang mir wirklich außerordentlich gut; meine alte Violine ist wirklich noch Wertarbeit, sie hielt durch, und die Höhe in der ich mich befand, sorgte für ein Übriges...
Sogar der Vicomte de Chagny, der Christine wie ein Schatten heimlich gefolgt war und sich hinter einem Grabmal versteckte, schien in eine Art von Verzückung geraten zu sein und glaubte wie Christine, dass die Musik tatsächlich aus dem schwarzen Himmel auf sie herniederrieselte.
Es hatte zumindest den Anschein. Als ich seinen Schatten entdeckte, war ich zunächst zornig und wollte das ganze Unternehmen schon abbrechen - doch ein Blick auf Christine, die schon erwartungsvoll die Arme gen Himmel erhob, sagte mir, dass es ein Fehler sein würde, sie zu enttäuschen.
Sollte dieser dumme Junge doch denken, was er wollte, mir würde schon etwas einfallen um ihn loszuwerden, wenn er sich nicht so benahm, wie ich es mir wünschte.
Zu seinem Glück, verhielt er sich still. Zumindest solange die Musik erklang.
Als ich geendet hatte, beobachtete ich mit Genugtuung, dass Christine ihn gar nicht beachtete. Obwohl er, als sie sich zum Gehen wandte, aus seinem Versteck trat und mitten auf dem Weg stand wie ein Baum, wandelte sie an ihm vorbei und schloss sogar das Friedhofsgatter hinter sich.
Nun wurde es interessant.
...Fortsetzung folgt
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