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Die Zaubergeige...

Teil 2

Von Angelika

Christine erzählt: (Begegnung in der Friedhofskapelle)

Die Zaubergeige - Phatom der Oper Als ich am Morgen den Friedhof betrat, um in der kleinen Kirche die Messe zu besuchen, lag neben den roten Rosen, die ich am Vortag auf dem Grab meines geliebten Vaters hinterließ, ein Strauß weißer Rosen. Niemand vermag sich wohl vorzustellen, was ich in diesem Augenblick verspürte; ich ging nicht mehr, ich schwebte auf die Kirche zu. Unsichtbare Flügel trugen mich, mein Herz hämmerte wild vor Freude: mein Engel war da! Ich hatte nicht den geringsten Zweifel, dass dieser zweite, geheimnisvolle Strauß von IHM auf das Grab meines Vaters niedergelegt worden war. Ich fragte mich nicht, wie ein Engel, der doch eigentlich in anderen Sphären „lebte“, es fertig brachte weiße Rosen auf ein Grab zu legen, mein Engel war ja auch ein besonderer Engel. Er war da und doch nicht da...eine seltsame Mischung aus Traum und realer Gestalt, wobei letzteres eher ein Wunschtraum zu sein schien...
Außer mir befanden sich noch einige alte Leute, Dorfbewohner, in der Kapelle. Doch sie zerstreuten sich schon bald nachdem die Messe geendet hatte. Ich blieb allein zurück und betete lautlos. Tapfer bemühte ich mich jenes seltsame, aufregende Kribbeln in meinem Innern zu ignorieren, doch es wurde stärker und stärker und ich kannte es genau; es erfüllte mich immer wenn mein „Engel“ in der Nähe war... wenn er... ja wenn er mich ganz ausfüllte...Schließlich blickte ich auf, sah mich in der düsteren alten Kapelle, deren rußgeschwärztes Gewölbe mit den verblichenen Wandmalereien nur durch einige brennende Altarkerzen erhellt wurde, um.
„Bist du hier?“ flüsterte ich zaghaft und viel zu leise.
Als keine Antwort kam, wiederholte ich meine Frage, nicht ohne mich vorher zu vergewissern, dass die Kirche auch wirklich leer war, etwas lauter:
„Bist du hier, mein Engel?“
Diesmal durchfuhr mich jenes Gefühl des unfassbaren Glückes noch stärker als je zuvor, als die bekannte und geliebte Stimme plötzlich, so als säße ihr Besitzer neben mir auf der Holzbank, direkt in mein Ohr raunte:
„Natürlich bin ich da, Christine, zweifelst du denn noch immer daran, dass ich bin wo du bist?“ Natürlich saß niemand neben mir..
Ich zuckte zusammen, denn obwohl eindeutig mein Engel zu mir sprach, so klang seine Stimme an diesem fremden Ort doppelt so intensiv in meinen Ohren. Benommen starrte ich auf den Altar und erwartete fast, dass ER aus seinen Gefilden herabstieg und mir erschien...
Doch nichts geschah.

Die Kerzen flackerten weiter ruhig vor sich hin, durch ein rundes kleines Fenster in der Mauer hinter dem Altar fiel ein schmaler Lichtstrahl, der in einem weißen Kringel auf der Altardecke endete, ein unbestimmbarer Luftzug bewegte leicht einen schweren Wandbehang aus rotem Samt.
„Ich...ich habe die weißen Rosen gesehen...sie sind von dir...nicht wahr...?“ stammelte ich ehrfurchtsvoll.
Als keine Antwort kam, fuhr ich mutig fort: „Ja, sie sind von dir, ich weiß jetzt, dass du in Erscheinung treten kannst...“ wieder keine Antwort. In meiner Verzückung merkte ich kaum noch, was ich sprach und was ich tat, ich war vollkommen erfüllt von dem Gedanken, mein Engel könne mir vielleicht erscheinen, hier, an diesem heiligen, mystischen Ort, weitab von Lärm und Trubel, überhaupt war diese Kirche hier plötzlich ein Ort in einer anderen Welt.
Ich erhob mich von meinem Platz und teilte meinem Engel meine Gedanken mit. Ich merkte kaum, dass ich die Stufen zum Altar hinaufstieg, stehen blieb, die Arme ausbreitete und das Gesicht in Richtung des kleinen runden Fensters hob. Ich war sicher, wenn mein Engel mir erscheinen würde, dann hier. An diesem Lichtstrahl, der durch das Rund fiel, würde er hinab gleiten um sich mir schließlich über dem Altar schwebend zu präsentieren.
„Erscheine mir...hier und jetzt!“ betete ich, nein bettelte ich fast. Ich glaubte, es kaum noch aushalten zu können, alles in mir schien kurz vor dem Zerbersten zu sein.
„Nein!“ erklang hohl und eine Nuance dunkler als zuvor seine Stimme.
„Warum nicht?“
„Du bist noch nicht bereit, Christine!“
„Doch, ich bin bereit, bitte..jetzt...bitte!“
„Nimm vorerst hiermit vorlieb...“
Ich erzitterte und erbebte als seine Stimme erneut die ganze Kirche auszufüllen schien, obwohl sie doch eigentlich in meinem Kopf war; sie sang das \'Agnus Dei\'.
Ich schloss die Augen und lauschte ergriffen; die Stimme meines Engels hatte auf mich die Wirkung einer Droge...sie war wie immer; so hoch, so zart, und doch gleichzeitig so kraftvoll. Als alles wieder still war und ich aus meiner Trance erwachte, dachte ich, dass kein Raoul der Welt zwischen mir und dieser Stimme stehen durfte!
Mein Engel...der wie so oft meine Gedanken zu lesen schien, sprach nun genau dieses Thema an und alle Romantik und Euphorie schwand mit einem Seufzer meinerseits.
„Vielleicht interessiert es dich, dass der Vicomte heute angekommen ist...“ dröhnte seine Stimme hohl in meinem Kopf „...und er wohnt in demselben Gasthof wie du!“
Konnte es sein dass die Stimme lauter geworden war? Trotzdem horchte ich erregt auf und konnte mich nicht des Gedankens erwehren „Raoul ist da!“ Doch im gleichen Moment wurde mir bewusst, dass ich nicht einmal atmen durfte, um meinen Engel nicht wieder zu erzürnen. Warum nur hasste er meinen lieben Freund so?
Ich dachte an die Worte meiner Ziehmutter, Mama Valerius: „Die Stimme ist eifersüchtig!“
„Vielleicht solltest du jetzt gehen und ihn begrüßen,“ empfahl mir mein Engel in plötzlich sanfterem Ton. „Und denk daran, dass ich heute um Mitternacht am Grab Deines Vaters auf seiner Geige spielen werde... und ich würde es begrüßen, wenn du deinen jungen Freund nicht mitbringst!“
„Aber, ich fürchte mich, wenn ich um diese späte Stunde allein hierher kommen soll...“ wandte ich ein und fand die Aussicht, bei Eiseskälte und beinah undurchdringlicher Finsternis allein zu einem verlassenen Dorffriedhof stolpern zu müssen, nicht gerade reizvoll.
Die Zaubergeige - Phatom der Oper
„Du bist nicht allein, ich werde bei dir sein, auch wenn Du mich nicht siehst!“ antwortete die Stimme und das ließ keinen Widerspruch mehr zu. Benommen verließ ich schließlich die Kirche und in einer Anwandlung von Kühnheit, versuchte ich sie auf dem Weg zum Gasthof noch einmal dazu zu bewegen mit mir zu sprechen, aber sie schwieg...

Erik:


Einige Minuten verharrte ich noch in meinem Versteck, dann zwängte ich mich aus der Wandnische hinter der Gipsstatue der Maria Magdalena hervor. Genau gegenüber verharrte Maria, die „Mutter Gottes“ und lächelte mich sanft an. Ich hatte bewusst die andere gewählt, denn sie war keine Mutter, sondern „eine Braut“
Allerdings war mir das in diesem Augenblick herzlich gleichgültig, denn ich beschäftigte mich erfolglos damit den weißen Kalkstaub der Wand aus meinem Mantel zu klopfen. Wie ärgerlich, was man nicht alles auf sich nehmen musste
Durch meinem Kopf schwirrte ein beängstigender Gedanke, der ständig wuchs; ich wusste, dass ich Christine nicht mehr allzu lange hinhalten konnte. Das arme Kind! Was stellte ich nur mit ihr an?! Wie konnte ich Unseliger sie so hinters Licht führen?! Ich seufzte und das Echo in dem leeren Kirchenraum prallte mit erschreckender Intensität zurück, so dass sogar ich zusammenzuckte. Ich eilte zum Ausgang, öffnete vorsichtig das knarrende Portal und spähte hinaus. Schon weit weg von Kirche und Friedhof, sah ich die einsame, zarte Silhouette Christines gerade am Horizont verschwinden.
Gut, sie war fort, Zeit für eine kleine Pause. Ich begab mich gleichfalls eilig auf den „Heimweg“.
Unterwegs kam ich nicht umhin mir Gedanken über meine Gastgeber, die guten einfachen Bauersleute zu machen. Ihre Ehrfurcht war selbst mir fast unheimlich; sie wichen mir aus, blickten mich nie direkt an und duckten sich fast, wenn ich den Weg zu meiner Kammer durch ihr Haus einschlug. Ich konnte mir lebhaft vorstellen,dass sie seit meiner Ankunft kaum noch ein Auge zutaten und nachts bei Kerzenschein nebeneinander auf ihrer Bettkante hockten und überlegten, wie sie mich wieder los wurden...
So war es dann auch; mit tiefdunklen Ringen um die Augen, teilten sie mir bei meiner Ankunft mit, sie bräuchten doch dringend meine Kammer für erwartete, neue Gäste und wären dankbar für meine baldige Abreise. Zur Entschädigung wollten sie mir sogar mein Geld zurück geben! Sehr seltsam...
Ich beschloss, keine Energie auf diese Diskredition zu verschwenden und beruhigte sie damit noch in der selbigen Nacht abzureisen, mein Geld ließ ich ihnen und sie verneigten sich eine Spur zu dankbar vor mir.
Eine weitere warme Malzeit bekam ich trotzdem noch und sie fiel sogar noch reichhaltiger aus als zuvor. Ich wußte, dass ich sie gebrauchen konnte, eine anstrengende Nacht stand mir bevor...

...Fortsetzung folgt