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V. Kapitel
The Night After
von Blonder Vampir
Noch immer recht müde kroch ich aus meinem, mit vielen Kissen und Decken gut gepolsterten, warmen Sarg. Was auch immer Sarah vorhatte, die Drecksarbeit hatte sie mir überlassen. Genau das war auch der Grund, warum ich so früh schon wach war. Warum hatte ich ihr nur versprochen all diese Dinge für sie zu erledigen! Es war noch sooo früh. Ich gähnte herzhaft und rieb mit den Schlaf aus den Augen. Ach ja, ich hatte keine andere Wahl gehabt – womöglich hätte sie mich noch Stunden lang mit ihrem ohrenbetäubenden Gesang gequält. Missmutig tapste ich ins Badezimmer.
Alle anderen schliefen noch, jedenfalls war es noch ganz still im Schloss. Außerdem waren die Särge meines Vaters sowie Alfreds noch fest verschlossen. Alfred hatte den Tag in seinem eigenen, wenn auch lange nicht so komfortablen, Sarg verbracht. Wir hielten es für besser, den im selben Sarg verbrachten Tag als eine Ausnahme zu sehen; was eigentlich sehr schade war…
Ein eisiger Windzug, der durch den langen Korridor fegte, riss mich aus meinen Gedanken. Draußen musste es kälter geworden sein. Die Fenster und Türen in diesem uralten Schloss könnten auch mal ausgebessert werden. Ein Schauer jagte mir über den Rücken, ich fror. Nur gut, dass Alfred noch in seinem warmen Sarg lag und schlief – ich hoffte, sein Sarg würde warm sein…
Zum Glück war mein heißes Bad nicht mehr weit. Ich legte meinen Morgenmantel über einen Stuhl und ließ mich in die Wanne gleiten. Entspannt lehnte ich mich zurück und sah aus dem Fenster. Draußen war es wirklich ungemütlich, es stürmte und schneite ununterbrochen. Heute Nacht würden mich keine zehn Sarahs vor die Tür bekommen.
Nachdem auch ich im Bad fertig war machte ich mich daran, die mir aufgetragenen Arbeiten zu erfüllen. Also zu erst sollte ich das Kaminzimmer herrichten, das Feuer im Kamin entfachen und dafür sorgen, dass es die ganze Nacht brannte. Dann sollte ich in den Keller gehen, um einige – und das hatte sie mir mit Nachdruck gesagt – Flaschen Wein herauf zu holen. Außerdem verlangte Sarah von mir, ein ganzes Menü für sie und meine Vater zu kochen.
Nun gut, ich machte mich auf den Weg in Kaminzimmer, wo mich auch prompt der Schlag traf. Was war denn hier passiert? Hatte hier eine Horde wilder Affen gehaust! Nichts von der gründlichen Ordnung und Sauberkeit, die mein Vater sonst so schätzte, war mehr zu sehen. Die Sessel waren verrückt worden, auf dem kleinen Tisch, auf dem sich normalerweise eine Kerzenleuchter und manchmal ein Buch befanden, lagen einige Erdbeeren, die bereits rote Flecken auf dem darunter liegenden Deckchen hinterlassen hatten. Vor einer der Regalwände lagen ein paar heraus gefallene Bücher, auf dem Boden standen zwei leere Gläser… Ich ließ meinen Blick weiter durch den Raum schweifen. Da glitzerte etwas Kleines auf dem Bärenfell vor dem großen Kamin. Bei näherem Betrachten stellte sich heraus, dass es sich hierbei um einen von Sarahs Ohrringen handeln musste. Was war das dort drüben auf dem Sessel? Es sah merkwürdig aus…braun und schmierig. Leicht angeekelt wischte ich mit dem Finger drüber, zerrieb es ein wenig und roch zögerlich daran. Schokolade! …Aber was machte Schokolade hier auf dem Sessel? So langsam wurde mir klar, warum Sarah mich gebeten hatte das Zimmer herzurichten.
Eine gute Stunde später hatte ich das Chaos beseitigt, alles gereinigt sowie das Feuer angezündet. Erschöpft lies ich mich in einen der Sessel fallen. Jetzt musste ich nur noch den Wein besorgen und etwas zu essen machen… Bei dem Gedanken, allein in den riesigen dunklen und äußerst unheimlichen Keller des Schlosses gehen zu müssen, schauderte es mir. Wie es aussah, blieb mir jedoch nichts anderes übrig. Obendrein sollte ich auch noch Kochen! Alles was ich je gekocht hatte, war Schokopudding. Ich in der Küche – mein Vater bezeichnete so was immer als Sicherheitsrisiko. Aber mir würde da schon noch etwas einfallen. Unwillig machte ich mich auf in den Keller. Auf dem Weg dorthin begegnete mir Alfred, er war gerade aus dem Badezimmer gekommen. Seine Haare waren noch feucht und hingen ihm ins Gesicht, in sein wunderschönes Gesicht. Ich weiß nicht, ob er mir aus Höflichkeit oder dem Wunsch in meiner Nähe zu sein anbot, mir zu helfen, nachdem ich ihm kurz erläutert hatte, warum ich so früh schon wach war. Aber eigentlich was das ja auch egal, er war bei mir und nur das zählte.
Wir betraten die alte Kellertreppe. Es war stockdunkel dort unten. Ängstlich sah mich Alfred an, als ich ihm bedeutete, mir zu folgen. Ich war froh, nicht der einzige zu sein der Angst hatte, doch ich ließ mir nichts anmerken und nahm eine Fackel, die am Eingang zu den Kellergewölben an der Wand hange, um uns den Weg leuchten zu können. Minuten lang irrten wir durch die Gänge auf der Suche nach den Weinregalen. Gelegentlich kam uns ein Schwarm Fledermäuse entgegengeflattert, den ich mit der Fackel aufgescheucht hatte. Für gewöhnlich hasste ich es, hier unten zu sein. Doch angesichts der Tatsache, dass ich nicht allein war, sondern in bester Gesellschaft, machte es mir nur noch wenig aus, durch diese unheimlichen Gewölbe zur gehen. Jedes Mal, wenn einer dieser Fledermausschwärme auftauchte und über uns hinweg zog, klammerte Alfred sich furchtsam an mich und versuchte, sich hinter mir zu verstecken, was mich immer wieder lächeln ließ.
Nach einer ganzen Weile hatten wir so viele Weinflaschen mit herauf gebracht, wie wir tragen konnten. Keine Ahnung, was Sarah damit vorhatte, aber diese Mengen sollten wohl ausreichen. Wir brachten unsere Ladung in die Küche. Nun musste ich nur noch etwas kochen, aber was? Als Alfred mich einige Minuten lang dabei beobachtet hatte, wie ich in der Küche unbeholfen rumhandtiere, begann er zu kichern, „Du hast wohl noch nie etwas gekocht, oder?“. „Nein, außer ein paar Mal einen Schokopudding noch nie.“, gestand ich etwas kleinlaut. Glücklicherweise hatte Alfred da mehr Erfahrung. „Wie wäre es, wenn wir dann Spaghetti für die beiden machen? Das ist einfach und geht schnell.“, schlug er vor. Eine gute Idee, denn wenn ich ehrlich war, hatte ich auch Hunger. „Wenn wir uns beeilen, können wir selber auch noch etwas davon essen. Wir müssen nur genug davon kochen.“, zwinkerte ich ihm zu und lächelte.
In Windeseile waren die Nudeln im kochenden Wasser und die Soße im Topf. „Hmmm, das duftet aber lecker…“, schwärmte Alfred und leckte sich über die Lippen – über die sehr sinnlichen und samtzarten Lippen. Er war so unglaublich süß, wenn er mit großen leuchtenden Augen dastand. „Ja, das riecht wirklich köstlich. Das war eine gute Idee von dir.“, lächelte ich im zu und legte meine Hand auf seine Schulter.
Schon bald war das Essen fertig und servierbereit. Zuvor hatten wir noch den Tisch im Kaminzimmer gedeckt und Kerzen darauf gestellt. Auch wenn es mir widerstrebte, ein Candle-Light Dinner für meinen Vater und Sarah vorzubereiten, es war eine Chance einmal ungestört mit Alfred zusammen sein zu können.
Langsam schlug ich meine Augen auf. Ich blickte zur Seite – gut – Breda schlief noch. Innerlich kichernd stahl ich mich also klammheimlich aus unserem Sarg und schloss den Deckel so leise es ging, wieder hinter mir.
Hoffentlich hatte Herbert schon alles fertig, was ich ihm aufgetragen hatte! Macht über jemanden zu haben, war wirklich…unbeschreiblich! Auf leisen Sohlen tapste ich den Weg zur Grufttür entlang. Immerhin durfte ich Breda ja nicht wecken. Sonst wäre die ganze Überraschung zunichte gemacht. Vorsichtig zog ich die schwere Tür hinter mir wieder zu, als ich aus der Gruft getreten war und machte mich auf den Weg in Richtung Küche. – Aus der ich bereits lautes Scheppern und Fluchen vernahm. Ich grinste und öffnete die Tür.
Ein süßes Lächeln auf den Lippen erkundigte ich mich nach der momentanen Lage. Auch Alfred war anwesend und half Herbert mit dem heutigen Mahl – Spaghetti, wenn mich nicht alles täuschte.
„Alles in Ordnung so!“, brummte Herbert und rührte die Nudeln nochmals um. Ich besah mir alles ausführlich und stellte fest, dass tatsächlich alles bestens war.
„Sehr schön, ihr beiden. Ich wusste gar nicht, was alles so in euch steckt.“, grinste ich und öffnete wieder die Türe, um mich vom Kaminzimmer zu überzeugen, das Herbert ebenfalls hatte gemütlich herrichten sollen.
Als ich es betrat, traf mich fast der Schlag! Herbert hatte wirklich einen außerordentlichen Geschmack! Überall standen Kerzen und auch ein Feuer im Kamin loderte. Unmittelbar davor stand ein kleiner, runder Tisch mit zwei Stühlen. Auch auf dem Tisch standen zwei Kerzen, ebenso zwei Teller und zwei Weingläser. Ich grinste. Es war alles wunderbar, das musste ich schon sagen. Diesmal hatte er sich wirklich selbst übertroffen.
„Wo willst du den Wein hinhaben?“ Erschrocken fuhr ich zusammen. Herbert! Hatte er mich erschreckt! Ich deutete auf den Tisch.
„Und was willst du mit den ganzen Flaschen?“, fragte er und stellte sie unter den Tisch.
„Das, mein Lieber, lass mal meine Sorge sein…“, flötete ich und bat ihn, das Essen aufzutragen, damit ich wieder in die Gruft gehen konnte, um Breda endlich zu wecken. Er nickte grummelnd und verschwand noch vor mir wieder aus dem Zimmer. Bevor auch ich ging, sah ich mich noch einmal um. Ich konnte mich gar nicht von diesem Anblick losreißen…
Schließlich machte aber auch ich mich auf den Weg.
Wieder unten angekommen öffnete ich den Sarg erneut und beugte mich über den noch immer schlafenden Breda. Ich lächelte. Wie süß er doch aussah, wenn er schlief, regelmäßig ein- und ausatmete… Sanft strich ich über seine Wange und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen. Seine Lider flatterten und er schlug träge die Augen auf.
„Sarah…?“
„Gute Nacht, Liebster…“, säuselte ich und gab ihm erneut einen zärtlichen Kuss. Fragend sah er mich daraufhin an. Ich grinste.
„Komm mit. Ich habe eine kleine Überraschung für dich.“ Noch immer ein wenig verschlafen ließ er sich schließlich von mir aus dem Sarg ziehen.
„Überraschung?“, murrte er fragend und fuhr sich mit einer Hand über die Augen. Ja, ja… er war ein Morgenmuffel… durch und durch…
„Ja, eine Überraschung…“
Was meinte sie damit: Eine Überraschung? Meinte sie damit etwa! Nein! Herbert und Alfred waren im Schloss… es musste also etwas anderes sein… obwohl… die beiden hatten sie noch nie von so etwas abhalten können…
Sie öffnete die Türe zum Kaminzimmer und hielt mir die Augen zu.
„Nicht mogeln!“, befahl sie sanft und geleitete mich ins Zimmer. Sie half mir dabei, mich auf einen Stuhl zu setzen und nahm dann langsam die Hände von meinen Augen.
Ich stockte. Wann hatte sie das alles hier gemacht? War sie etwa so früh aufgestanden, oder hatte ich so lange geschlafen? Nein. Ein Blick auf die große Standuhr verriet mir, dass es erst 22 Uhr war. Also musste sie ziemlich früh aufgestanden sein, um dies hier alles herzurichten. Verwundert sah ich sie an, doch sie lächelte nur, goss ein wenig Wein in mein Glas und reichte es mir dann.
„Danke…“, brachte ich hastig hervor und nahm das Glas an mich. „Habe ich irgendwas verbrochen?“, fragte ich vorsichtig, nachdem ich einen Schluck des Weines – der übrigens vorzüglich schmeckte – getrunken hatte. Lächelnd schüttelte sie den Kopf und nahm auf dem Stuhl gegenüber von mir platz. Darauf entfernte sie die Essensglocken von unseren Tellern und ein wohliger Geruch stieg mir in die Nase… Pasta. Wann hatte ich das letzte Mal Pasta mit Tomatensauce gegessen! – Ich konnte mich nicht daran erinnern. Also genoss ich den Anblick in vollen Zügen – den Geruch natürlich auch! Sarah war wirklich immer für eine Überraschung gut, das musste ich schon sagen… - Oh, und eine gute Gastgeberin war sie ebenso. Kaum hatte ich mein Glas geleert, da schenkte sie mir schon wieder nach.
„Guten Appetit, Liebster.“, flüsterte sie und griff elegant nach einer Gabel. Ich trank noch einen Schluck des Weines, bevor ich meine Sprache wieder fand.
„Ja…dir auch, Sternkind…“, stammelte ich und nahm ebenfalls die Gabel neben meinem Teller auf. Sie musterte mich, während sie ein paar der langen Nudeln auf ihre Gabel wickelte und diese danach genüsslich in ihrem Mund verschwinden ließ. Ich war fasziniert.
Wir legten das Besteck zur Seite, als wir fertig waren. Es hatte wirklich vorzüglich geschmeckt! Sarah hatte sich selbst übertroffen! Sie faltete ihre Hände und stützte ihr Kinn darauf. Dann sah sie mich kokett an. Fragend tat ich es ihr gleich.
„Hat es dir…geschmeckt, Liebster?“, hauchte sie und schenkte mir einen Augenaufschlag, den ich sicherlich so schnell nicht vergessen würde. Ich nahm einen weiteren Schluck Wein, bevor ich antwortete. Sanft nickend sagte ich: „Ja, sehr gut. Danke.“ Plötzlich stand sie auf und ging um den Tisch herum, auf mich zu, mit der Hand den Tisch streifend. Vor mir, sah sie auf mich herab und ließ sich dann auf meinem Schoß nieder. Ich erschrak. Es gehörte sich nicht für eine Dame, sich auf den Schoß eines Herrn zu setzen! Nun, Sarah schien dies nicht sonderlich zu interessieren…und wenn ich ehrlich bin… mich auch nicht!
Sie gab mir mein Weinglas in die Hand und führte es an meine Lippen. Ich trank…
Nach und nach hatten wir es dann doch noch geschafft, alles zu erledigen was Sarah Herbert aufgetragen hatte. Es war aber auch wirklich gemein von ihr gewesen, die Situation dermaßen auszunutzen. Sarahs Stimme war schön – zweifellos – aber doch recht hoch… Ich wollte mir gar nicht ausmalen, welche Qualen Herbert hatte erleiden müssen.
„Wow, das ist wirklich sehr lecker! Du kochst echt ausgezeichnet, Alfred.“, lobte mich Herbert während er von neuem Spaghetti auf seine Gabel drehte. Beinahe wäre ich wieder rot geworden. Der Professor hatte mich nie für etwas gelobt, schon gar nicht für etwas so banales wie ein Abendessen. „Ohne deine Hilfe wäre das Essen nie so gut gelungen.“, erwiderte ich, verlegen auf meinen Teller blickend. „Ach komm schon, ich hab doch so gut wie nichts dabei gemacht!“, grinste er mich – ebenfalls etwas verlegen – an.
Wann hatte ich das letzte Mal so viel gegessen! Ich war papp satt. Vielleicht hatten wir uns da mit der Menge der Nudeln doch etwas verschätzt. Keinen Zentimeter könnte ich mich mehr bewegen – an aufstehen war gar nicht zu denken. Aber wir mussten das Chaos hier in der Küche noch beseitigen… das konnte eigentlich auch noch warten, bis Sarah und der Graf mit dem Essen fertig waren. Wir wollten ja nicht zweimal abwaschen müssen. Auch Herbert sah nicht so aus, als ob er sich in nächster Zeit rühren wollte. Er hatte sich auf dem Stuhl zurückgelehnt und die Arme hinter dem Kopf verschränkt.
„Oh man, bist du auch so voll wie ich?“, fragte Herbert und hielt sich den Bauch. Daraufhin nickte ich nur und ließ mich auf meinem Stuhl noch etwas weiter nach unten rutschen. Diese Holzstühle waren aber auch unbequem…
Umso freudiger bejahte ich Herberts Angebot, es sich in einem der zahlreichen Schlafzimmer gemütlich zu machen. Immerhin war das Kaminzimmer von Sarah und dem Grafen belegt, hier in der Küche waren die Sitzmöglichkeiten nicht länger als eine Stunde ertragbar und in den meisten anderen Zimmer im Schloss war es kalt und zog. Vielleicht sollte man das Schloss mal renovieren und die Fenster- und Türdichtungen – sofern überhaupt vorhanden – ausbessern?
Nachdem wir uns mühevoll von unseren Stühlen erhoben hatten, schleppten wir uns durch die Korridore in das nächstgelegene Schlafzimmer. Für den Augenblick war es mir völlig egal, was Herbert dachte, wenn er mit mir in einem Schlafzimmer verschwand, Hauptsache ich würde nicht noch länger stehen oder gar laufen müssen. Wir ließen uns auf das riesige Bett in der Mitte des Raumes fallen und blieben so erst einmal reglos liegen. Ich schloss die Augen. Wir würden die ganze Nacht nichts weiter zu tun haben als hier rum zu liegen und später vielleicht noch die Küche aufzuräumen und den Abwasch zu erledigen, aber das hatte noch Zeit – viel Zeit.
Ich musste eingedöst sein. Jedenfalls wurde ich von einem unterdrückten Stöhnen geweckt. Widerwillig öffnete ich die Augen, um zu sehen, woher dieses Geräusch kam. Ein Blick zur Seite bestätigte meine Vermutung – Herbert. Er lag noch immer neben mir, hatte sich aber zur anderen Seite gedreht. Wieder vernahm ich ein leises Stöhnen. „Herbert? Alles in Ordnung?“, fragte ich leicht irritiert. „Mhmmhmm…“, kam es von der anders Seite. Zwar keine richtige Antwort, aber mir sollte es recht sein. Erneut ließ ich mich in die Kissen fallen und schloss meine Augen… Dieses Bett war wirklich viel komfortabler als die maroden Holzstühle in der Küche. Wenn ich ehrlich war, war es sogar besser als mein Sarg. Ach ja, mein Sarg… schlafen… das einzige was ich jetzt noch tun wollte. Mit vollem Magen schlief es sich noch leichter…
„Duuu, Alfie?“ Herbert schien da irgendwie andere Meinung zu sein… Wieder sah ich zu ihm rüber. „…Ja, Herbert?“, brachte ich etwas verschlafen über die Lippen. „…Ich hab Bauchweh…“, klagte er und rückte ein Stück näher zu mir rüber. „Du hast zu viel gegessen, das ist alles.“, gab ich trocken zurück und war im Begriff wieder einzuschlafen… „Aber ich kann nicht schlafen, wenn mir der Bauch so weh tut…“, quengelte er weiter. Diesmal machte ich mir nicht die Mühe, die Augen zu öffnen, „Leg dich einfach hin und entspann dich…“.
Toll, jetzt konnte ich auch nicht mehr schlafen. Ich fühlte mich beobachtet – zu Recht. Herbert hatte seinen Dackelblick fest auf mich geheftet und zog einen – zugegeben wirklich süßen – Schmollmund. „Und was soll ich deiner Meinung nach gegen deine Bauchschmerzen tun?“, fragte ich ihn etwas genervt. „Nun ja… du könntest mir den Bauch ein bisschen massieren…“, schlug er vor und sah mich dabei erwartungsvoll an. Also gut, wenn das die einzige Chance war, seine Ruhe zu haben und endlich ein kurzes Nickerchen zu machen.
Mal kurz alle Körperteile koordinieren – und jetzt zur Seite drehen… Lag Herbert eben auch schon so dicht neben mir? …Auch gut, so brauchte ich meinen Arm nicht in der Luft zu halten, während ich ihm über den Bauch streichelte. Herbert hatte sich auf den Rücken gelegt und schnurrte jetzt wie ein kleines Kätzchen. So schlecht schien es ihm also doch nicht zu gehen.
„Oh, du hast dir also die Mühe gemacht und den Nebiolo aus dem Keller geholt!“, sprach Breda mit schon etwas belegter Zunge und trank einen weiteren Schluck seines Weines. Ich fragte mich, wie viel er wohl vertragen würde… - Ich könnte aber auch einfach testen, wie viel er vertrug…dann hätte ich die Antwort!
Ich hatte DIE Idee! Ich würde ein kleines Spiel mit ihm spielen…
„Breda?“
„Ja, Liebes?“, fragte er und stellte sein leeres Glas zurück auf den Tisch. – Sehr schön… noch ein Glas mehr, das er intus hatte…
„Du kennst dich doch mit Weinen aus, oder?“
„Oh, das will ich doch hoffen.“, lachte er.
„Gut. Wie wäre es dann mit einem kleinen Spiel?“, schlug ich schließlich vor und stand von ihm auf.
„Ein…Spiel?“
„Ja. Ich schenke dir aus verschiedenen Weinflaschen etwas ein und du musst erraten, was für ein Wein es war.“, lächelte ich. Es war eine Herausforderung – und Herausforderungen schlug er NIE ab, soviel wusste ich.
Er willigte ein – ich machte innerliche Luftsprünge!
„Dann mach bitte die Augen zu.“, bat ich und schenkte derweil sein Glas ¾ voll. Ich las das Etikett: 1366 Temprallino. Ich war ja wirklich gespannt, ob er es herausfinden würde… Also ging ich wieder zu ihm herüber und gab ihm das Glas. Er roch daran und trank einen Schluck. Währenddessen hatte ich mich auf den Boden gekniet und stützte meine Arme auf seinem Schoß ab.
„Temprallino, eindeutig.“, sagte er und ich war angenehm überrascht. „Jahrgang… 1366.“, fuhr er fort und trank daraufhin auch noch den Rest aus dem Glas. So ging es einige Weine weiter, bis schließlich alle Flaschen angebrochen waren. Also fing ich wieder von vorne an – beim Temprallino – und, so wie er dachte, waren es wohl verschiedene Weinsorten. Nun ja, man konnte es ihm auch nicht verübeln. Er riet trotzdem fleißig weiter und erklärte mir zur einen oder anderen Weinsorte ein paar Einzelheiten. Ich tat so, als würde ich interessiert zuhören, doch in Wirklichkeit galt meine Aufmerksamkeit eher Bredas Zustand, der sich nach jedem weiteren Glas ein wenig mehr veränderte…
„Liebes… den Wein hatte ich doch schon mal…“ – Na endlich war er drauf gekommen…
Ich grinste. „Nun, dann sollten wir den Wein nicht verkommen lassen.“
„Ich…denke, ich habe langsam genug getrunken… mir ist schon ein wenig schwummrig…“, seufzte er, während er sich den Kopf hielt und ein paar Mal irritiert blinzelte. Bald hatte ich ihn da, wo ich ihn haben wollte.
Auch wenn es eine ganze Zeit brauchte, bis ich endlich Alfreds Aufmerksamkeit hatte – meine Penetranz lohnte sich wieder mal. Wir lagen eng aneinander, Alfreds Hand auf meinem Bauch. Ein wahnsinnig gutes Gefühl. Könnte dieser Moment doch ewig andauern…
Mein Liebster hatte wirklich ein sehr gutes Einfühlungsvermögen. Mit ruhigen, gleichmäßig kreisenden Bewegungen liebkoste er meinen Bauch. Jedes Mal, wenn sich meine Bauchmuskulatur anspannte, hielt er ganz still und übte mit seiner Hand einen sanften Gegendruck aus, was gut tat. Und das alles, obwohl er schon ziemlich müde war.
Irgendwann merkte ich, wie sein Kopf auf meine Schulter rutschte. Er war eingeschlafen. Langsam zog ich meinen Arm zwischen uns raus und legte ihn behutsam um Alfred. Anfangs hatte ich Bedenken, er würde sich mir hastig entziehen. Doch als er sich daraufhin an mich kuschelte, seinerseits den Arm um meine Taille gleiten ließ und dabei zufrieden lächelte, waren meine Bedenken verflogen. Vielleicht sollte ich meine Annäherungsversuche immer dann wagen, wenn er so müde war? Wie es aussah, fühlte er sich durchaus wohl. Auch ich musste lächeln. Alfred war noch viel niedlicher, wenn er schlief.
So beobachtete ich ihn fast eine geschlagene Stunde, bevor auch mir die Augen zufielen. Er war so wunderschön… seine großen Rehaugen, sein schüchternes Lächeln, seine zarten Lippen… die seidigen Locken… Es war wie ein Märchen, mit Alfred im Arm einzuschlafen.
Ich träumte, Alfred hätte sich auch in mich verliebt. Wir waren draußen, eine laue Sommernacht. Bei Vollmond lagen wir zusammen auf einer Blumenwiese und zählten die Sterne. Alfred zeigte mir einige Sternbilder, die er während seiner Studienzeit bei Professor Abronsius kennen gelernt hatte. Davon gab es viele verschiedene. Weiter erklärte er mir, dass man aus den Sternen die Zukunft lesen könne und, dass jeder einem dieser Sternzeichen zugeordnet wäre… Interessiert lauschte ich dem, was Alfred aus der Konstellation der Sterne zu lesen meinte… Schlussendlich war sein Fazit, dass wir beide das ideale Paar wären, woraufhin er mir einen leidenschaftlichen Kuss gab…
Plötzlich wachte ich auf. Alfred hatte sich bewegt – nein, noch enger an mich geschmiegt! Erstaunt und zugleich erfreut lächelte ich…
Dann bemerkte ich, dass er lediglich fror. Er zitterte sogar ein bisschen. Ich zog die Bettdecke ein Stück über seine Schultern. Warm war es hier drin aber auch nicht gerade…
Ich glaube, so langsam war Breda nicht mehr Herr seiner Sinne. Er hatte schon sichtlich Mühe seinen Blick auf einen Punkt zu fixieren, oder aber ohne irgendwelche Versprecher mit mir zu reden. – Er war schon ziemlich süß in diesem Zustand, dass musste ich zugeben!
Obgleich er Mühe hatte, sich auf den Beinen zu halten, forderte er mich galant zum Tanzen auf. Natürlich willigte ich ein – hätte ich es doch nur bleiben lassen!
„Und du bist sicher, dass du dazu noch in der Lage bist, Breda?“, fragte ich grinsend und nahm seine dargebotene Hand um mit ihm zusammen in die Mitte des Raumes zu gehen.
„Wieso nicht?“, erwiderte er und geleitete mich, wenngleich auch ein wenig unsicher, zur Raummitte.
Zwar hatten wir keine Musik, aber das störte weder ihn, noch mich. Sanft legte er seine Hand an meine Taille. Mit der anderen Hand, nahm er die meine.
So gut, so schön – doch jetzt hieß es: Tanzen.
Einen langsamen Walzer. Und Breda konnte mir nicht weismachen, dass er auch nur noch im Entferntesten Nüchtern war…
Autsch! DAS war mein Fuß! Ich unterdrückte einen lauten Aufschrei, weil ich die Stimmung nicht ruinieren wollte und beherrschte mich. Vielleicht sollten wir lieber etwas machen, das weniger Feinmotorik erforderte… Allmählich fragte ich mich, wer hier überhaupt führte… Als Breda dann über seine eigenen Füße stolperte und mich mit sich zu Boden riss, wurde es mir endgültig zu bunt! Allerdings konnte ich mich auch sehr gut mit dem Boden anfreunden, wenn man bedachte, dass dieser mit warmen Teppichen ausgelegt war. Zudem beugte Breda sich plötzlich über mich und noch bevor ich mich versah hatte er mir einen zärtlichen Kuss auf die Lippen gedrückt. Verdattert sah ich ihn daraufhin an. Er lächelte nur.
Hm… wenn ich es mir recht überlegte… vielleicht sollte ich ihm jeden Abend ein paar Liter Wein einflößen… Dann würde er sich wenigstens nicht immer so zieren und auch mal die Initiative ergreifen… aber auf die Dauer wäre das sicherlich auch langweilig für mich, entschied ich.
„Ähm… Breda? Wollen wir uns nicht lieber aufs Sofa setzen?“, fragte ich, in der Hoffnung, er würde einwilligen – zu früh gefreut…
„Nun…ich liege recht gut hier… du nicht auch?“, lallte er und umfing mich mit seinem rechten Arm. Ich verneinte seine Frage und stand auf. Ein leises Seufzen von ihm war zu vernehmen.
„Kannst du allein aufstehen, oder soll ich dir helfen, Liebling?“
„Natürlich kann ich allein aufstehen! Ich bin doch kein Kind mehr!“ – wenn er wüsste, wie wenig das mit ‚Kind sein’ zu tun hatte…
Ich konnte mir ein breites Grinsen nicht verkneifen, als der mächtige und ach so Furcht einflößende Graf Breda von Krolock verzweifelt versuchte sich vom Boden zu erheben. Schließlich – und sehr zu meiner Verwunderung – schaffte er es doch (mit Hilfe der Tischkante) sich aufrecht hinzustellen; was man halt so als aufrecht bezeichnete… Er schwankte zwar ein wenig, aber darüber sah ich, großzügigerweise, noch einmal hinweg.
Vorsichtig, einen Fuß vor den anderen setzend, taumelte er hinüber zu seinem Lieblingssessel und ließ sich seufzend in diesen sinken. Ich ging lächelnd auf ihn zu und ließ mich auf seiner Lehne nieder. Verträumt strich ich ihm durchs Haar.
Plötzlich jedoch, öffnete sich die Türe und Herbert trat mit den Worten, „Ich bin nur gekommen, um die Teller zu holen.“, ins Zimmer. Doch, als er die ganzen leeren Weinflaschen erblickte, hielt er geschockt inne und drehte sich zu uns um. Wie er sicherlich erkennen konnte, war es keinesfalls ich, die den Hauptteil des Weines geleert hatte. Stumm kam er auf mich und Breda zu und wedelte einmal kurz mit der Hand vor dem Gesicht seines Vaters. – Keine Reaktion seinerseits, wie auch nicht anders zu erwarten war.
„Was hast du mit ihm gemacht?“, keifte er mich an und fuchtelte wie wild mit den Armen herum.
„Ich? Er hat doch den Wein getrunken!“, verteidigte ich mich und erhob mich von der Sessellehne um Herbert – wenn auch nur annähernd – in die Augen sehen zu können.
„Er ist Sturz betrunken!“
„Na und? Das warst du letzte Nacht doch auch!“
„DAS ist etwas völlig anderes! Er ist mein Vater, mein VORBILD!“
Gerade, als ich zu einem weiteren Satz ansetzen wollte, stand Breda plötzlich schwerfällig auf und öffnete den Mund, um etwas zu sagen. Doch noch bevor auch nur eine einzige Silbe seinen Mund verließ, sank er zu Boden. Zum Glück hatte Herbert gute Reflexe und fing seinen Vater noch im letzten Moment auf.
„Papa!“, rief er panisch aus und versuchte ihn wieder in seinen Sessel zu verfrachten.
„Irgendwie ist mir der Boden unter den Füßen weggesackt…“
Da lässt man Paps einmal mit Sarah allein und schon hat sie nichts Besseres zu tun, als ihn abzufüllen! Diese Frau war wirklich gemeingefährlich. …Obwohl ich immer dachte, er würde so viel vertragen… Er war also doch nicht besser als ich – und seine Standpauke kann er sich bei mir das nächste Mal auch sparen.
Wäre es nicht schon relativ spät gewesen, hätte ich Sarah noch mal so richtig die Meinung gegeigt, anstatt ihr zu helfen, Paps in die Gruft zu bringen.
„Oh, man. Dein Vater ist aber wirklich schwer! …Vielleicht solltest du mal Diätküche einführen?“, nörgelte Sarah.
„Jetzt hör aber auf! Hättest DU ihn nicht so schamlos abgefüllt, könnte er noch selber laufen!“, gab ich wütend zurück.
„DU hast doch den ganzen Wein angeschleppt!“, protestierte sie.
„Doch nur, weil du mich dazu gezwungen hast!“, keifte ich zurück.
„…die Gelegenheit war halt günstig…“ Sie grinste – war es denn zu fassen!
Warum war Sarah eigentlich dauernd am rummeckern, wie schwer mein Vater doch war! Schließlich war ich es, der das meiste Gewicht stützte… Zugegeben, wenig war es wirklich nicht. Aber wir konnten uns auch nicht ewig hier in den Gängen aufhalten, also musste ich zusehen, dass wir vorankamen. Lange konnte ich Alfred doch nicht allein lassen – auch wenn er tief und fest schlief.
Würde Sarah mal mit anpacken, wäre es wesentlich leichter, meinen Vater in seinen Sarg zu bringen. Doch sie hielt es für besser, ihm seelischen Beistand zu leisen, wenn er mal wieder das Gleichgewicht verlor. So langsam reichte mir ihr ständiges Rumgenörgel. „Sarah! Jetzt hör mir mal zu! Wenn du nicht nur hier rumstehen und mich anmeckern würdest, dann wären wir sicher schon lange in der Gruft!“, schrie ich sie an. Ganz besonders bei dieser Frau fiel es mir außerordentlich schwer, die Fassung zu bewahren… Woran das nur liegen mochte?
Scheinbar hatte dieser kleine Ausbruch ihren Verstand erreicht. Entschlossen packte sie den anderen Arm meines Vaters, zog ihn sich um die Schultern und marschierte drauf los. Ich musste mir ein lautes Lachen verkeifen, als dieser sich voll auf sie stützte um sie zu küssen. Fast wäre Sarah unter dem Gewicht meines Vaters zusammengebrochen – doch ich wollte nicht noch mehr Zeit verlieren und so fing ich die beiden ab.
„In Ordnung Paps, wir gehen jetzt alle zusammen in die Gruft…“, grinste ich. Doch bevor wir unseren Weg wieder aufnehmen konnten begann mein Vater zu protestieren,
„Wie? Was? In die Gruft? Aber warum…?“, lallte er kaum noch verständlich.
„Weil du total betrunken bist – darum!“, erwiderte ich. Keine Chance…
„Ich und betrunken? Das glaubst du doch selber nicht!“, er hielt inne, um sich zu sammeln, „Bloß weil du nichts verträgst…!“. Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen. Was hatte er da eben behauptet?
„Wenigstens lasse ich mich nicht von einer kleinen Göre abfüllen!“, knurrte ich. Sarah mischte sich ein.
„Wen hast du hier gerade als ‚kleine Göre’ bezeichnet!“, fauchte sie.
„DU solltest lieber still sein – diese Situation hast du zu verantworten…!“, fauchte ich zurück. „Hey, wo bringt ihr mich hin!“, fragte mein Vater – jetzt noch verwirrter als zuvor.
„…In deinen Sarg – zum hundertsten Mal!“, auch Sarah verlor allmählich die Geduld.
Als wir meinen Vater trotz einigem Widerstand in seinen Sarg gebettet hatten – er war noch immer fest der Überzeugung, kein bisschen betrunken zu sein – machte ich mich schnell auf den Weg zu Alfred. Im Schlafzimmer angekommen, erblickte ich einen noch immer fest schlafenden, aber offenbar ebenfalls noch immer frierenden Alfred. Er hatte sich zusammengekauert und die Bettdecke bis über die Ohren gezogen. Irgendwie tat es mir Leid, ihn so lange allein gelassen zu haben… Aber wer weiß, was Sarah dann mit meinem Vater alles angestellt hätte – ich wollte es mir gar nicht ausmalen! Schnell zog ich die schweren Vorhänge zu, damit wir den Tag in diesem Zimmer auch unbeschadet überstehen konnten. Dann beeilte ich mich, zu Alfred ins Bett zu kommen und ihn zu wärmen. Ich ließ mich hinter Alfred im Bett nieder, zog die dicke Daunendecke über uns und legte meinen Arm um ihn. Auch er schien erfreut, endlich nicht mehr allein in dem großen Bett zu sein, denn diesmal war er es, der ein Stück näher rückte.
Na das war ja ein ganz toller Abend… Warum waren Männer nur immer so anstrengend! Obgleich mein Plan voll aufgegangen war, hatte ich weniger Spaß als erhofft – aber immer hin hatte ich Spaß! Wäre bloß Herbert nicht so früh dazwischen gegangen. Aber das konnte man nicht mehr ändern, jetzt hieß es das Beste draus machen.
Ein letztes Mal drehte ich mich im Sarg um und sah zu Breda rüber… er war eingeschlafen. Bevor der nächste Anflug von Langeweile kam, beschloss ich auch besser zu schlafen. Denn wenn Breda Alkohol genau so wenig vertrug wie Herbert, dann würde die morgige Nacht noch besser werden, als die vergangene. Mit einem leisen Lachen schloss ich die Augen.
Ich wusste nicht, wie lange ich geschlafen hatte oder wie spät es war. Den halben Tag musste ich wach gelegen haben. Breda hatte einfach zu laut geschnarcht, damit hätte er meinem Vater Konkurrenz machen können! Etwas genervt, aber trotz des Schlafmangels keines Wegs müde, öffnete ich den Sargdeckel. Es war bereits stock dunkel draußen.
Ich drehte mich wieder zu Breda um. Grinsend sah ich auf meinen noch immer schlafenden Liebhaber herab. Er sah richtig unschuldig aus, wie er so dalag. Als könne er kein Wässerchen trüben – nun, er vielleicht nicht, aber ich!
‚Sanft’ rüttelte ich an seiner Schulter und versuchte so, ihn aus seinem kleinen Delirium zu wecken. Ein leises Stöhnen seinerseits ließ mich wissen, dass er erwacht war.
„Gute Nacht, Liebster!“, tönte ich mit lauter Stimme, die mindestens eine Oktave höher als sonst lag. Er verzog daraufhin das Gesicht. „Geht es dir nicht gut, Liebling?“, fragte ich, gespielt besorgt und beugte mich zu ihm hinunter.
„Doch, Liebes…Alles in…Ordnung…“, brachte er – zusammen mit einem gequälten Lächeln – schließlich hervor.
„Dann können wir ja jetzt Frühstücken gehen!“, rief ich fröhlich und stieg aus dem unbequemen Sarg. Bildete ich mir das nur ein, oder warf Breda mir einen Hilfesuchenden Blick zu? Ich grinste innerlich.
„Soll ich dir helfen, Schatz?“, fragte ich – natürlich wieder eine Oktave höher als nötig gelegen – und reichte ihm meine Hand. Er jedoch winkte ab.
„Ich habe doch gesagt, dass es mir gut geht.“, murmelte er in seinen nicht vorhandenen Bart und zog sich an der Sargwand hoch. Hach… es war doch zu schön zu sehen, wie er sich mit aller Kraft zusammenriss, nur, um sich nichts anmerken zu lassen… Aber ob er diese Fassade die ganze Nacht über noch aufrechterhalten konnte! – Ich würde es schon herausfinden, sagte ich mir und ging voraus zur Türe. Hinter mir hörte ich plötzlich leises Poltern. Ich drehte mich um.
„Breda?“ Fragend musterte ich ihn. Scheinbar versuchte er gerade, sich wieder aufrecht hinzustellen. Er jedoch murmelte nur etwas von: „Auf den Umhang getreten…“
ER und auf seinen Umhang TRETEN! So lange ich hier war, war ihm das noch nicht passiert! Dies hier konnte in der Tat noch eine sehr interessante Nacht werden!
Gerade lag ich entspannt im Bett, neben mir lag Alfred. Er war wirklich wunderschön. Versunken in seinen Anblick spielte ich mit seinen seidig blonden Locken, während er mich einfach nur anlächelte. Es schien im zu gefallen, oder zumindest wehrte er sich nicht.
Auf einmal hörten wir Schritte vor der Tür – Stille – wieder Schritte. Dann konnten wir ein, durch die Tür gedämpftes „Nein, Schatz. Es ist wirklich alles in Ordnung…“ vernehmen. Das war mein Vater, ganz eindeutig. Aber was zum Teufel machte er da draußen? Genervt sah ich auf die Uhr. Nun ja, es wäre wirklich Zeit aufzustehen… Allein der Blickkontakt zu Alfred sagte mir, dass auch er eigentlich frühstücken wollte. Ich musste grinsen – wir waren schon etwas verfressen – woraufhin wir beide anfingen zu lachen.
Als wir uns schließlich auf dem Weg in die Küche befanden, machte ich eine interessante Entdeckung auf dem Flur: meinen Vater. Ich musste an mich halten, um nicht laut loszulachen. Es sah doch ganz so aus, als hätte Sarah ganze Arbeit geleistet. So verkatert hatte ich ihn noch nie gesehen. Natürlich konnte ich es mir nicht verkneifen, das auszunutzen. Schnell flüsterte ich Alfred meinen Plan ins Ohr und schlich mich dann von hinten an meinen Vater heran. Der hatte noch immer nicht mitbekommen, dass wir direkt hinter ihm standen. Mit einem enthusiastischen „Guten Abend, Paps!“, klopfte ich ihm auf die Schulter. Die Reaktion darauf war ein schreckhaftes Zusammenzucken und ein kaum hörbares Stöhnen.
„Guten Abend, Herr Graf!“, johlte jetzt auch Alfred – auch wenn das eigentlich nicht seiner Natur entsprach, aber für mich schien er diese Ausnahme gern zu machen.
„Guten Abend, ihr beiden…“, brachte mein Vater schließlich heraus, nachdem er sich wieder gesammelt hatte. Hach ja, das war wieder eine dieser Situationen, in denen er um jeden Preis den harten Mann raushängen lassen musste. Aber auch das könnte noch lustig werden; wenn auch nicht für ihn…
Als erstes weckte Sarah mich mit extrem hoher Stimme, DANN begrüßte mich mein Sohn und sein… scheinbar zukünftiger Gefährte lautstark… WAS würde als nächstes kommen?
Oh, Sarah sah zu mir herüber. Immer schön lächeln, damit die anderen bloß nicht mitbekamen, wie…ungut es mir ging…
Mein Kopf drohte zu explodieren und mir war schrecklich schwindelig… Umso dankbarer war ich dann auch, als ich Sarah ihren Stuhl zurechtrücken konnte, um wenigstens dort ein kleinwenig Halt zu finden. Anschließend ließ ich mich – innerlich seufzend – ebenfalls auf einen der Stühle nieder.
Ich fühlte, wie eine schreckliche Übelkeit in mir emporstieg, als ich das reichlich angerichtete Frühstück erblickte. Sarah sah mit einem süßen Lächeln zu mir herüber. – Halt! DAS konnte nichts Gutes bedeuten. Und ich sollte Recht behalten… Fluchs griff sie nach einem – ziemlich fettigen – Hähnchenschenkel und hielt ihn mir unter die Nase. Angewidert verzog ich das Gesicht und drehte meinen Kopf zur Seite weg.
„Ich…habe keinen Hunger, Liebes…“, versuchte ich lächelnd hervorzubringen und schob ihre Hand beiseite. Schmollend sah sie mich daraufhin an. Ihre Miene erhellte sich jedoch sogleich wieder, als sie die Amarenakirschen entdeckte. Ich ahnte Schreckliches…
Herbert tat es mir nach einiger Zeit gleich und rückte Alfred seinen Stuhl zurecht – leider nur wesentlich lauter, als ich es getan hatte. In mir zog sich alles zusammen. Nach außen hin musste ich allerdings meine Maske aufrechterhalten… auch, wenn es schwer fiel.
Oh… Luzifer… ich glaube… ich sterbe ein zweites mal…, dachte ich, als Sarah mir – ohne Vorwarnung – eine der Kirschen in den Mund steckte. Qualvoll würgte ich sie hinunter, setzte aber ein dankbares Lächeln auf.
„Alfred? Gibst du mir mal bitte die ERDBEERMARMELADE!“, rief Herbert quer über den Tisch und auch halb in mein linkes Ohr. Warum schrie er bloß so? Oder kam mir das lediglich so vor?
Plötzlich öffnete sich quietschend die Küchentür. Mein Kopf wurde von erneuten Wellen des Schmerzes durchzuckt. Ich drehte meinen Kopf schwerfällig in Richtung Tür und erblickte Koukol, der humpelnd eintrat. Zu meinem großen Unglück stieß er dabei ein paar Töpfe um, die danach natürlich scheppernd zu Boden fielen. Meine Hand schnellte zu meinem Kopf – wurde aber gleich wieder auf den Tisch gelegt. Immerhin durfte ich nicht auffallen… Wer weiß, was die anderen – und ganz besonders Herbert – mir vorhalten würden…
„Besuuuuchhh…“, keuchte er, nachdem er die Töpfe wieder auf die Ablage gestellt hatte.
Besuch? Wer konnte das sein? Und warum ausgerechnet heute Nacht! Hätte das nicht bis morgen warten können?
Vielleicht war ich ja auch verflucht! – Ja, genau, DAS musste es sein!
„Komm schon, Richard. Er ist bestimmt da drin. Siehst du. Die Türe steht offen.“
Diese…Stimme…
Ich kannte diese Stimme… das war… Richard! – Oh nein… Jetzt war es offiziell… Ich war tatsächlich verflucht…
WARUM…WARUM mussten meine Eltern immer in solchen Momenten aufkreuzen!
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