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XIII. Kapitel
Rache ist Blutwurst
von Blonder Engel
Soeben aufgewacht reckte ich mich erstmal ausgiebig, bevor ich mich wieder unter der mollig warmen Bettdecke verkroch. Hach, was für ein Luxus – einfach so vor sich hin dösen…
Wie spät war es überhaupt? Und… – Ja, Herbert lag noch neben mir. Mittlerweile hatte er sich zusammengerollt wie ein kleines Kätzchen und beanspruchte die gesamte linke Betthälfte für sich. Wie friedlich er schlief…
Dann konnte ich ja nun in Ruhe ins Bad gehen, um mich frisch zu machen. Leise stand ich auf, bemüht, ihn nicht aufzuwecken. Plötzlich brummte er irgendwas völlig Unverständliches und drehte sich auf die andere Seite. Wie gut, dass ich gerade das Bett verlassen hatte – ansonsten hätte er mich unter sich begraben. Wie er so dalag, alle Viere von sich gestreckt, wurde die Ähnlichkeit mit den Schlafgewohnheiten einer Katze immer deutlicher. Lächelnd deckte ich ihn wieder zu und verschwand im Badezimmer.
Endlich fühlte ich mich wohler in meiner Haut. Noch immer nicht ganz fit, aber dennoch wieder im Besitz meiner Kräfte, war ich dabei mir die Haare zu trocknen, als ich Rufe aus dem Nebenzimmer vernahm. Ich senkte meinen Blick…
„Ich bin hier, Herbert!“ Man hatte wirklich keine zehn Minuten seine Ruhe. Dabei war ich mir so sicher gewesen, dass er fest schlief. Ich zuckte zusammen und wirbelte herum, als ich ihn die Türklinke herunterdrücken hörte. Mein Herz pochte – gut, dass ich noch abgeschlossen hatte!
„Was soll das? Mach die Tür auf und lass mich rein!“, rief Herbert lauter als nötig.
„Du bleibst wo du bist!“ Soweit kam es noch! Eilig bekleidete ich mich vollständig – soweit man bei einem Schlafanzug von vollständig reden konnte.
„Ja, aber – “ Was dachte er sich überhaupt?
„Nichts aber! Leg dich lieber wieder ins Bett.“
„Das ist mein Text!“
Als ich den Schlüssel im Schloss umdrehte, rechnete ich schon damit, Herbert würde mir den Türgriff aus der Hand reißen. Doch wider Erwarten stand dieser nur in einiger Entfernung im Zimmer mit einem Morgenmantel in den Händen.
„…Du hättest dir wenigstens was überziehen können, wenn du schon aufstehst.“, sagte er vorwurfsvoll und kam auf mich zu. Mir war es beinahe unangenehm, dass er mir beim Anziehen des Mantels half. Das Schlimmste war aber, ich konnte nicht mal genau sagen, warum das so war.
Plötzlich klopfte es an der Zimmertür. Sie wurde langsam geöffnet. Ich staunte nicht schlecht, als der Graf vor uns stand. Was wollte ausgerechnet er hier?
„Guten Abend, Alfred. Wie geht es dir?“
„Schon viel besser, danke der Nachfrage.“ Das war vielleicht wenig überzeugend angesichts der Tatsache, dass meine Stimme immer noch recht angeschlagen klang, aber zumindest war es höflich.
„Das freut mich zu hören.“ Ja, es ging hier ausschließlich um höfliches Geplänkel. „Ach, Herbert…?!“ Ich wusste doch, der Graf war nicht ohne Grund hier.
„Ja, Paps?“, fragte Herbert völlig unschuldig.
„Würdest du bitte a u g e n b l i c k l i c h dafür sorgen, dass das Chaos in meiner Bibliothek beseitigt wird!“, befahl eine gefährlich leise Stimme.
Gänsehaut pur! Noch nie hatte ich jemanden so Furcht einflößend um etwas bitten gehört. Auch wenn es sich hier höchstens um eine rhetorische Bitte handelte.
Nur Herbert schien das alles wenig zu beeindrucken. Just als der Graf erneut ansetzten wollte, nieste Herbert lautstark.
„Ich glaub mich hat die Grippe auch erwischt…“, stellte er mit übertrieben nasaler Stimme fest und setzte mit einem gekünstelten Husten noch einen drauf.
Der Graf stand nur da und zog eine Augenbraue hoch. Was auch immer Herbert sich erhofft hatte – es ließ ihn kalt.
Bereits auf das Bett zugehend murmelte er leidend, „Es ist wohl besser, wenn ich mich hinlege…“. Wenn ich nicht wüsste, dass es ihm gut geht, hätte ich mir spätestens jetzt Sorgen um ihn gemacht. Es war so… überzeugend.
Erst jetzt reagierte der Graf, „Sicher; gleich nachdem du die Bibliothek in Ordnung gebracht hast!“.
„Aber Paps…“, jammerte Herbert, „ ich fühl mich wirklich krank…“.
„Kein aber!“ Natürlich blieb der Graf eisern. Doch noch bevor er zu einer Moralpredigt ausholen konnte, hob Herbert eine Hand an die Schläfe, verdrehte die Augen und ließ sich unter theatralischem Seufzen fallen. Reflexartig trat der Graf auf seinen Sohn zu, um ihn aufzufangen.
An Herberts Stelle wäre ich mir nicht so sicher gewesen, dass er mich auffängt. Doch dieser hatte anscheinend die Ruhe weg. Nur langsam öffnete er die Augen und blinzelte ein paar Male, nicht sehend, wie der Graf seinerseits genervt mit den Augen rollte. Voller Sorge wendete selbiger sich nun in ernstem Ton an Herbert, „Mein Sohn, wirst du daran sterben?“.
Das überraschte Herbert offenbar. „Nein, …ich hoffe nicht!“, antwortete er verwirrt, „…und außerdem bin ich doch schon gestorben?!“.
Daraufhin wurde er wieder auf die Beine geschubst. „Gut, dann viel Spaß beim Aufräumen!“, befahl der Graf ihm nachdrücklich. Es hätte mich auch sehr verwundert, wenn Herbert mit der Nummer durchgekommen wäre…
Mit dem üblichen Bambiblick versuchte er seinen Vater zu erweichen – vergebens, der blieb hart. Wie auch immer er das schaffte.
Moment mal, was hatte Herbert überhaupt angestellt? Er war doch die ganze Zeit über hier bei mir gewesen.
Der Bambiblick glitt zu mir herüber – Mist! Nein, Alfred, diesmal bleibst du standhaft! Du bleibst hart, du wirst nicht wieder weich…
„Also ich finde, Herbert sieht wirklich recht blass aus heute…“ Verdammt, meine Beständigkeit war dahin.
Dankbar lächelte Herbert mir zu, setzte jedoch sogleich eine leidende Miene auf, als er erneut von seinem Vater gemustert wurde.
„…Und wenn er doch sagt, dass es ihm nicht gut geht…“ Was war eigentlich los mit mir?! Warum sagte ich so was?
„Ja ja, schon gut!“, stöhnte der Graf entnervt, „Aber sorgt dafür, dass die Unordnung schnell beseitigt wird.“. Kopfschüttelnd verließ er den Raum.
„Oh danke, Alfie!“, sprang mich ein langhaariges Etwas an.
„Keine Ursache, aber du hast doch gar nichts gemacht? Was wollte dein Vater denn…“
„Red nicht so viel und leg dich lieber ist Bett.“ Musste Herbert mir immer ins Wort fallen?
„Mir geht es aber wirklich schon viel besser und – “
„Bist du wohl endlich still!“, lächelte er streng. Für wen hielt er sich?
„Du kannst mir gar nichts…!“
Weiter kam ich nicht, denn plötzlich fanden sich Herberts Lippen auf meinen wieder und verhinderten so, dass ich weiter sprach. Ich wurde auf der Stelle knallrot und wich geschockt zurück. Wie konnte er nur? Sprachlos starrte ich ihn an.
„Und wie ich das kann!“, grinste er zufrieden. Mich mit seinem Blick fixierend schob er mich rückwärts zum Bett, was mir recht gelegen kam, da mir auf einmal ganz komisch wurde.
Hhmmm, wie lange hatte ich mich schon nach diesen zarten Lippen verzehrt?
Da wurde mein Kleiner auf der Stelle schwach! Ich wusste es! Jetzt musste ich ihm nur noch diese Zurückhaltung abgewöhnen… Wenngleich es durchaus seinen Reiz hatte, ihn so erröten zu sehen.
Da saßen wir nun also nebeneinander auf meinem Bett – Alfred in meinem Arm. Hach, es machte mich schier wahnsinnig, ihn so nah bei mir zu haben. Er raubte mir die Sinne, wenn er mich so ansah – mir tief in die Augen sah. Mir schien es fast wie eine Ewigkeit, in denen zwei Augenpaare versuchten, in die unendlichen Tiefen des jeweils anderen vorzudringen.
Hatte ich es etwa endlich geschafft? Langsam näherten sich unsere Gesichter…
„Du wirst dich noch anstecken…“
Mit diesen Worten rückte Alfred endgültig von mir weg und brachte den leider so gewohnten Abstand zwischen uns. Enttäuscht und irgendwie traurig ließ ich den Kopf sinken. Auch Alfred sah nur vor sich auf den Boden. Keiner sagte etwas – bedrückendes Schweigen.
Schlagartig fühlte ich mich total fehl am Platze. Warum saß ich noch neben Alfred auf dem Bett? Sicher wollte er viel lieber allein sein…
„Dann werd ich mal wieder gehen… Die Bibliothek muss noch aufgeräumt werden.“
„Nein… ähm… Ja, also wenn du gehen möchtest… es ist wohl besser so…“, druckste Alfred rum, meinen Blicken ausweichend. Was hatte ich davon zu halten?
„…Darf… Darf ich denn wieder kommen?“ Seit wann stellte ich so ungeschickte Fragen? „Entschuldige, ich werde dich nicht länger stören. Du solltest noch etwas schlafen.“ Entschlossen verließ ich zügigen Schrittes das Zimmer. Ich musste dringend meine Gedanken ordnen – und das ging nun mal nicht, wenn Alfred in meiner Nähe war.
Bevor mein Vater komplett ausrastete würde ich wohl oder übel seiner Aufforderung nachkommen. Die Bibliothek betretend traf mich fast der Schlag. Was war denn hier passiert? Meinen ersten Gedanken, dass mein Vater hier mit Sarah… verwarf ich schnell wieder, denn niemals hätten dann seine Bücher Schaden genommen.
Weiterhin darüber nachdenkend was hier wohl vorgefallen sein mochte, machte ich mich daran, Ordnung zu schaffen. Warum auch immer ausgerechnet ich dazu verdonnert war, den ganzen Dreck zu beseitigen, blieb mir zwar ein Rätsel, aber so kam ich wenigstens dazu, in Ruhe nachzudenken.
So gut wie fertig mit dem Aufräumen ließ ich mich auf den gerade gereinigten Sessel fallen. Alfreds Blick ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich konnte mich nicht ewig zurückhalten. Er war so verführerisch… und ich letztendlich auch nur ein Mann. Vermutlich war genau das immer noch Alfreds Problem. Zum Teufel mit diesen konservativen Moralvorstellungen!
Ich durfte nicht aufgeben – dafür war ich schon viel zu weit gekommen.
…Lagen da etwa meine Gedichtbände auf dem Boden verteilt?! Wer hatte es gewagt sich daran zu vergreifen?
Verärgert stand ich auf und ging auf die Regalwand zu. Sämtliche meiner Lieblingswerke aus dem Regal geworfen… Fassungslos besah ich mir das Durcheinander. Erstaunt über mich selber stellte ich fest, dass mich das alles nicht etwa wütend machte, wie es zu erwarten gewesen wäre, sondern viel mehr traurig. Ich wusste ja selbst nicht einmal, warum das so war. Mutlos glitt ich am Regal hinunter, bis ich auf dem Boden saß. Mein Mund verzog sich zu einem ironischen Lächeln, als ich das vor mir liegende Buch aufhob: ‚Ratgeber für Verliebte’. Melancholisch begann ich darin zu blättern.
Es mochte noch so viele Methoden geben, ein Herz zu gewinnen, doch würde ich jemals die richtige finden, um Alfreds Herz zu erobern? Warum fühlte ich mich jetzt so mies, wenn ich doch vor wenigen Minuten noch so zuversichtlich war? Mutlos legte ich den Kopf in den Nacken und schloss die Augen…
Ich erschrak fürchterlich, als es plötzlich neben mir raschelte. Mein Herz raste.
„Was liest du denn da?“ …Wie gut, dass ich schon saß. Anderenfalls wäre ich sicher in Ohnmacht gefallen.
„…Alfie…“, keuchte ich, „Wolltest du mich zu Tode erschrecken?“.
„Tut mir leid…“, schuldbewusst sah er zu Boden. Wie konnte ich nur nicht mitbekommen haben, dass Alfred hereingekommen war sich neben mich gesetzt hatte?
„Na ja, macht ja nichts. Ich bin ja schon tot.“, versuchte ich die Situation mit einem schiefen Lächeln zu retten. „Solltest du nicht im Bett liegen?“
„..Schon… aber… ich konnte nicht schlafen…“, druckste er.
„Soll ich dir noch einen Tee machen?“, bot ich an.
„Nein, lass nur…“, lehnte er dankend ab.
„Auf jeden Fall solltest du auch nicht hier auf dem Boden sitzen.“, tadelte ich ihn sorgenvoll. Etwas umständlich kämpfe ich mich durch den Bücherberg, um aufzustehen und anschließend Alfred aufzuhelfen. „Wenn du magst, können wir es uns ja nebenan vor dem großen Kamin gemütlich machen?“
„Gerne!“, strahlten mich zwei leuchtende Augen an. Alfred war so süß.
Kurze Zeit später fanden wir uns auf einem samtroten Sofa vor einem prasselnden Kaminfeuer wieder.
Mein Herz machte einen kleinen Hüpfer, als ich merkte, wie sich blonde Locken zurückhaltend auf meine Schulter legten. Ich konnte gar nicht anders, als meinen Liebsten in den Arm zu nehmen.
„Wenn ich ehrlich sein soll, hab ich mich ziemlich einsam gefühlt, nachdem du gegangen warst… Ich war so ganz allein…“, flüsterte der blonde Engel neben mir.
„Jetzt bin ich ja wieder bei dir…“, flüsterte ich zurück und legte Alfred eine Decke um. Selig lächelte ich vor mich hin.
Wenn der feine Herr es für nötig hielt, auswärts zu speisen, dann konnte ich das schon lange. Also begab ich mich kurzer Hand ins Dorf und betrat eine mir allzu bekannte Taverne. Es war zwar nicht das erste Hotel am Platz, aber auch hier verkehrte ähnliche Gestalten.
Unbemerkt hatte ich mich unter die Leute gemischt und beobachtete das Geschehen um mich herum. Es wäre doch gelacht, wenn ich hier nicht fündig wurde.
Da vorn am Tresen saßen drei Männer mittleren Alters, zwischen ihnen zwei junge Mädchen. An einem der Tische fand gerade eine Pokerrunde statt und direkt daneben saßen ein paar Frauen und unterhielten sich. Der Rest der Gäste war uninteressant: nur Waschweiber und Bauern. Beinahe wäre ich gegangen, um woanders nach einem geeigneten – und würdigen – Opfer zu suchen, als vor mir ein zierlich gebautes Mädchen mit wallenden schwarzen Haaren auftauchte und mich nach meiner Bestellung fragte. Mit meinem charmantesten Lächeln bat ich um ein Glas Wein und hoffte, dass sie bald wiederkommen würde. Sie gehörte mir.
Eine solche Schönheit würde Breda nie bekommen können! Mal abgesehen von mir natürlich. Mit wem auch immer er sich letzte Nacht vergnügt hatte, ich würde jemand besseren haben.
Nachdem ich das dritte Glas Wein bestellt und serviert bekommen hatte, war es längst gegen Mitternacht und die Reihen der Gäste lichteten sich zusehends. Der Wirt hatte sich bereits zurückgezogen und ließ das hübsche Mädchen für ihn weiter ausschenken. Als auch der letzte betrunkene Bauer gegangen war, wurde es ganz still im Raum. Kein Gläserklirren mehr, keine Stimmen… Nur das gedankenverlorene Summen der Bedienung.
„Ent… Entschuldigen Sie bitte. Wir schließen gleich.“, stammelte dieses schwarzhaarige Etwas mit der schneeweißen Haut, als es vor mir stand.
„Natürlich, ich hatte sowieso vor zu gehen… Aber sagen Sie… Wie man hört gab es hier letzte Nacht einen – wie soll ich sagen – Zwischenfall im Dorf?“, fragte ich ganz unwissend tuend.
Plötzlich kam die Bedienung wieder näher und flüsterte, „Sie haben also auch schon davon gehört? Seit gestern ist die Verlobte meines Bruders spurlos verschwunden.“.
„Achso? Weiß man denn schon Genaueres?“, fragte ich neugierig mit einer Unschuldsmiene.
Sich zu mir setzend antwortete sie, „Alles, was ich weiß ist, dass sie nach der Mitternachtsmesse mit ihren Freundinnen nach Hause gegangen ist. Sie ist nur die letzten paar hundert Meter allein gegangen… und da muss es passiert sein…“.
„Muss was passiert sein?“, wollte ich nun recht unvermittelt wissen. Hoffentlich wirkte ich nicht zu aufdringlich.
„Nun ja… Angeblich wurde in derselben Nacht ganz in der Nähe von dort ein großer, schwarz gekleideter Mann gesehen, der durch die Gassen schlich. Aber niemand kannte ihn… Jedenfalls ist das, was man von den Gästen hier hört.“ Sie tat gerade zu, als vertraute sie mir hier ein Staatsgeheimnis an.
Breda war also nicht unbemerkt geblieben. Versager. War nur zu hoffen, dass er die Reste seiner Mahlzeit weggeschafft hatte. Ich würde mich heute nicht so dilettantisch anstellen, da war ich mir sicher.
„Das ist ja schrecklich…!“, heuchelte ich Mitgefühl.
„Wenn Sie möchten, kann ich Sie ein Stück auf dem Heimweg begleiten?“, bot die Bedienung, deren Namen ich immer noch nicht kannte und der mich eigentlich auch nicht weiter interessierte, an.
„Das würden Sie tun? Das wäre wirklich überaus freundlich von Ihnen.“, tat ich erfreut. Fast zu einfach zu bekommen, dieses Mädchen. Aber so sparte ich Zeit bei diesem Racheakt.
So wartete ich also im Eingangsbereich, bis sie die letzten Tische gewischt und ausgefegt hatte, um dann mit ihr Richtung Schloss zu gehen. Denn wie sie mir erzählte, wohnte sie etwas außerhalb des Dorfes am Waldrand. Da ich rein zufällig auch ‚etwas außerhalb’ wohnte, kam mir das ganz gut zu pass.
Wirklich nett, die Kleine. Und hübsch dazu. Vielleicht wären wir Freundinnen geworden – unter anderen Umständen.
„Ab hier wirst du allein weiter gehen müssen. Da drüben wohne ich.“
„Schade, magst du nicht noch ein Stück mitkommen…?“, grinste – nein, lächelte ich auffordernd. Egal was sie jetzt sagen würde, sie hatte gar keine andere Wahl mehr.
„Das geht nicht, ich bin schon spät dran. Meine Eltern warten sicher schon auf mich und…“ Weiter ließ ich sie nicht kommen. Was hätte das auch für einen Sinn gehabt? Wenigstens wehrte sie sich, als ich ihr den Mund zuhielt und weg von der Straße hinein ins Dunkel des Waldes zog. Was nützten schon diese lächerlichen Versuche, sich loszureißen, wenn man nur ein schwächlicher kleiner Mensch war?
Blitzartig schlug ich meine Fangzähne in ihren Hals. Sie war jetzt mein Oper, meins ganz allein. Nichts und niemand konnte sie noch vor ihrem jähen Schicksal bewahren. Auch sie würde sich bald zu den heruntergekommenen Gestalten auf dem Friedhof hinterm Schloss gesellen. Eigentlich müsste sie mir dankbar sein, weil ich sie aus dieser miefigen Taverne und den Fesseln ihrer Familie befreit habe.
Schluck für Schluck genoss ich den herrlich aromatischen Geschmack von frischem Blut… bis zum letzen Tropfen. Dann ließ ich sie einfach fallen. Entweder sie folgte mir und fand den Weg zum Schloss, wo sie rechtzeitig Schutz vor der Sonne fand oder sie blieb hier liegen, bis der Tag sie begrüßte. Diese Entscheidung überließ ich ihr selber.
Jetzt wurde es Zeit, zurückzukehren. Mal sehen, was Breda zu dieser kleinen Revanche sagen würde…
Vor Wut kochend saß ich in meiner Bibliothek. Nicht nur, dass Herbert hier mal wieder ein heilloses Durcheinander veranstaltet hatte, nein, er hielt es nicht mal für nötig es zu beseitigen! Da hinten vor dem Regal lag immer noch ein ganzer Haufen Bücher auf dem Boden!
Was mich jedoch viel mehr ärgerte: Sarah war nicht in Schloss. Sie hatte es allen Ernstes gewagt, ungefragt das Schloss zu verlassen! Wo würde das denn enden, wenn hier jeder kam und ging, wie es ihm passte? Ich verschwand schließlich auch nicht einfach mal so… Okay, blödes Beispiel…
Aber Sarah konnte doch nicht…
„Hallo, Liebling!“ Wenn man vom Teufel sprach… „Wie war dein Abend?“ Stand er auch schon höchst persönlich vor einem.
„Hervorragend! Und deiner?“, lächelte ich überfreundlich.
„Das ist schön. Was hast du denn so gemacht?“ Was bitte sollte diese Frage?
„Ach, so dies und das… und was hast du heute Nacht schon so getrieben?“ Wenn wir auf dieser Ebene diskutieren wollten, bitte!
„Ich? Ich war nur ein bisschen an der frischen Luft, unten im Dorf.“ Das war ja wohl so was von klar!
„Achso? Wie war es denn unten im Dorf? Gab es da was Besonderes?“
„Nein, nichts Besonderes. Nichts, was du nicht schon gehabt… kennen würdest!“ Wie bitte?
„Was willst du damit sagen?“
„Nichts, nichts.“, grinste Sarah herausfordernd.
„Falls du darauf hinaus willst, dass ich gestern Nacht im Dorf war… Ja, ich habe mich an einem jungen Mädchen vergangen… Und, ja – es hat mir gefallen!“ Jetzt war es raus.
„Du kannst tun und lassen was du willst. Bist ja alt genug.“, sagte sie kühl. Und wie ich das war… alt. Verdammt!
„Wo hast du das Flittchen eigentlich gelassen, nachdem du ihr von der Kapelle gefolgt und deiner Gier erlegen bist?“ Woher wusste sie von ihr?
„Das tut nichts zur Sache – auf jeden Fall wirst du ihr nie begegnen…“
„Gut zu wissen – ob du dieser rassigen Schönheit von vorhin begegnen wirst, weiß ich allerdings nicht.“, sprach sie, als handele es sich um eine Nichtigkeit.
„Wem werde ich eventuell begegnen?“, fragte ich gleichgültig nach. Sarah hatte sich doch nicht etwa einen dieser umherreisenden Kaufleute geschnappt?! Das hatte sie nicht gewagt!
„Sie ist irgendein Mädchen, dass ich in der Dorfkneipe getroffen habe… sie war wirklich wunderschön, so etwas hast du noch nie gesehen…“, schwärmte Sarah ganz unverhohlen. Als ob Sarah eine Frau gehabt hätte, die ich nie hätte kriegen können. Frechheit!
„Entweder sie wartet im Wald auf die Sonne, oder du findest sie beim nächsten Ball in deinem Gefolge.“ Dieser Blick sagte alles!
Nein, ich würde nicht wütend werden… nein, ich würde Sarah nicht anschreien… ich würde ganz ruhig bleiben…
„Nun ja, das werde ich dann ja sehen.“, presste ich betont desinteressiert heraus.
„Ja, ich denke auch, das wirst du…“ Sarah konnte es nicht lassen.
„Du bist nicht meine Gefangene, auch du kannst tun und lassen, wonach dir beliebt.“ Sie war vielleicht nicht meine Gefangene im wörtlichen Sinne, aber immerhin meine Gefährtin. Als diese hatte sie loyal zu sein!
„Freut mich, dass du das so siehst.“, lächelte sie zuckersüß. Oh, diese Frau trieb mich zur Weißglut!
„Was hast du denn sonst noch vor heute?“, fragte sie, sich lasziv auf meinem Schoß niederlassend. Was sollte das denn jetzt werden?
„Ich… ähm…“ Werde einer aus dieser Frau schlau!
„Das trifft sich gut, genau das wollte ich auch gerade vorschlagen.“ Wie jetzt? Was machte sie denn da? Moooment!
„Sarah, was tust du da?“
„Ich?“, fragte sie mit Unschuldsmiene und fummelte weiter an meinen Hemdknöpfen rum. Wie konnte sie so einfach… Also DA hatten ihre Hände ganz sicher nichts zu suchen.
„Ja, du!“, fuhr ich sie an – meine Erregung verbergend.
„Jetzt tu nicht so, als wolltest du es nicht auch!“ Hatte ich hier was nicht mitbekommen?
„Wie kommst du überhaupt zu der Annahme – “ Und schon spürte ich ihre vollen, weichen Lippen auf den meinen. Fordernd küsste sie mich erst auf den Mund, liebkoste dann meinen Hals und wanderte schließlich weiter hinunter… Nur mühsam unterdrückte ich ein Keuchen. Wenn ich ihr jetzt nachgab, würde ich es immer tun. Mit sanfter Gewalt stieß ich Sarah zurück.
„Was ist?!“, knurrte Sarah enttäuscht.
„Nichts…“ Wie sollte ich ihr das erklären?
„Wie? Nichts? Du stößt mich doch nicht wegen nichts weg!“, zischte sie. Natürlich, jetzt wurde sie gleich sauer.
„Nein… es ist nur – “
„Ja ja, es ist immer ‚nur…’! Sag mir doch einfach, wenn dir was nicht passt!“
„Das will ich doch gerade – “
„Warum redest du immer um den heißen Brei herum?!“ Das musste ich mir wirklich nicht bieten lassen! Sarah fiel mir wirklich ständig ins Wort! Fast schlimmer als mit Herbert, diese Unterhaltung!
„Sag doch einfach, dass ich dir nicht genüge!“, schrie sie, in Tränen ausbrechend. Diese Unterhaltung WAR schlimmer als mit Herbert.
„Das stimmt nicht! Das habe ich nie so gemeint!“, versuchte ich sie zu besänftigen.
„Doch, das hast du so gemeint…“, schluchzte sie. Warum in drei Teufelsnamen ließen mich ihre Tränen jedes Mal schwach werden? Und ich dachte, ich wäre im Laufe der Jahrhunderte immun gegen Krokodilstränen – dank meinem werten Herrn Sohn; knurrte ich in Gedanken.
„Sarah, ich liebe dich doch! Es ist nur… manchmal brauche ich etwas Zeit für mich…“
„Ist schon in Ordnung…“, schniefte sie, „Du musst dich nicht rechtfertigen... Ich liebe dich auch und darum lasse ich dich gehen, wann immer du willst.“
Sie schaffte es wirklich in jeder Situation, einen Trumpf aus dem Ärmel zu ziehen…
Andächtig lauschten wir dem Knacken des Feuers, das seinen zart goldenen Schein auf alles im Raum warf – auch auf die Locken des geliebten Wesens in meinem Arm. Fast schon überrascht von der doch recht plötzlichen Zutraulichkeit, schwebte ich auf rosaroten Wolken. Wenn es doch nur immer so sein könnte wie jetzt. Eigentlich war es wieder mal viel zu schön, um wahr zu sein…
Neben mir regte sich etwas. „Du, Herbert…?“
„Was denn?“, bat ich Alfred, weiter zu sprechen.
„Wäre es möglich, dass wir ein bisschen raus gehen… an die frische Luft?“.
„Ist dir nicht gut?“, erkundigte ich mich alarmiert.
„Doch, doch. Mir geht es prima…“ An dieser Aussage zweifelnd legte ich meine Hand prüfend auf Alfreds Stirn.
„…Ich möchte heute nur gerne den Nachthimmel sehen…“, fügte er verlegen hinzu. Er hatte anscheinend kein Fieber mehr. Sollten wir es also riskieren?
Strahlend blaue Augen nahmen mir diese Entscheidung ab. Ich konnte ihm einfach keine Bitte abschlagen – nicht, wenn er mich so ansah.
„Also gut. Aber wir gehen nur kurz auf die Terrasse… und du ziehst dir was über!“ Alfies Blicke ließen mich jedes Mal erneut schwach werden.
Kurz darauf betraten wir gemeinsam die vom fahlen Mondlicht beleuchtete Terrasse und nahmen auf einer der Bänke Platz. Ein relativ wolkenloser Himmel gestattete uns eine freie Aussicht auf das Firmament. Die Luft war wirklich wunderbar, angenehm frisch, doch der Wind war noch recht kühl. Vielleicht hätte ich mir, nachdem ich meinen Schatz in zwei dicken Wolldecken gut verpackt hatte, auch etwas überziehen sollen.
„Ist das nicht wunderschön?“, schwärmte Alfred und sah in die Sterne. Und wie wunderschön das war…
„Und da – da ist der Orion!“, zeigte er begeistert auf einen der vielen leuchtenden Punkte am Himmel. Das war eben Alfred: Trotz aller Romantik kam der Wissenschaftler in ihm durch. Wie gebannt sah er weiter nach oben, als hätte er alles – und jeden – um sich rum vergessen…
Wie lang seine Wimpern doch waren… Seine Augen funkelten regelrecht, wenn er so in den Himmel sah. Ich glaubte die Reflexion der Sterne in ihnen erkennen zu können… Wenn er mich doch nur auch mal so ansehen würde wie diese Himmelskörper, so voller Hingabe… voller Sehnsucht…
Schließlich folgte mein Blick dem seinem zum Nachthimmel. In der Tat ein traumhafter Anblick… anscheinend greifbar nah und doch so unendlich weit weg… wie Alfred. Doch dann stahl sich auch auf meine Lippen ein Lächeln – eine Sternschnuppe!
Sieht man eine Sternschnuppe, kann man sich etwas wünschen. Aber man darf es nicht sagen, weil es sonst nicht in Erfüllung geht. Wenn ich mir jetzt wünsche, dass Alfred mich ganz unerwartet an sich zieht und mir über die Haare streicht, kann ich es nicht sagen. Denn wenn ich es sage würde und er es dann täte, wäre es überhaupt nicht, was ich mir gewünscht habe.
Himmel, war das alles kompliziert! Ob Alfred die Sternschnuppe wohl auch gesehen hatte? Was er sich wohl wünschte?
Ich seufzte schwer, senkte meinen Blick auf die vor uns liegende Landschaft und schlang meine Arme noch etwas enger um meinen Körper.
„Komm mal her, du frierst doch…“ Mit diesen Worten legte Alfred die Decken um uns beide und schmiegte sich an mich. Augenblicklich wurde mir ganz warm ums Herz. Als ob er Gedanken lesen konnte!
„Du bist ja halb durchgefroren! Warum sagst du denn nichts?“, entgegnete er bestürzt.
„So kalt kam es mir gar nicht vor… Aber jetzt wo du es sagst…“ …ließ ich mich natürlich gerne wärmen.
„Wir sollten besser wieder rein gehen.“ Gerade jetzt, wo es am schönsten war…
„Ja, da hast du wohl Recht.“, gab ich geknickt zu und stand zusammen mit Alfred auf, um zu gehen.
„Danke, dass du dir mit mir den Kometenschauer angesehen hast.“
Unter gegebenen Umständen hielt ich es für das Beste, Alfred zurück ins Bett zu bringen, damit ich anschließen in Ruhe meine wirren Gedanken sortieren konnte.
Allerdings war es mir vergönnt, in meiner Melancholie zu schwelgen, denn kaum hatte ich mein Zimmer – und somit auch Alfred – verlassen, stand wie aus dem Nichts Sarah vor mir.
„Hast du kurz Zeit?“
„Ähm, eigentlich nicht. Was willst du?“, antwortete ich ehrlich und ohne Umschweife. Ich wollte im Moment nichts anderes, als mich in meinen Sarg zurückziehen.
„Das wirst du schon sehen.“, gab sie knapp zurück und zog mich am Hemdkragen in eins der weiteren Schlafzimmer auf diesem Korridor.
Sarah machte mich schlicht weg wahnsinnig! Wie schaffte Sarah es nur immer wieder, mich dermaßen aus der Fassung zu bringen? Und wo steckte dieser Bengel von Sohn überhaupt?
Ich hätte schwören können, ihn eben auf dem Gang hier gehört zu haben – genau wie Sarah. Und jetzt war von keinem der beiden eine Spur? Hier stimmte etwas nicht…
Leisen Schrittes ging ich den Korridor entlang und lauschte… Nichts. Auch aus Herberts Zimmer drangen keine Stimmen. Bereits der Annahmen gehend, ich hätte mich getäuscht vernahm ich seltsame Laute aus einem der anderen Zimmer.
„…Uhh… Gnnn…“
„Entspann dich.“ Das war eindeutig Sarahs Stimme! Aber wer war da bei ihr?!
„Ahh…Versuch ich doch …uh…“ Herbert!
„Wow, du hast es wirklich bitter nötig…“ Was hatte er nötig?
„Ohh, jaaa… genau da!“ Bitte was taten die beiden da drin?!
„Bist wohl in letzter Zeit etwas zu kurz gekommen, was?“
„AAHHH! Nicht so fest!“ Du meine Güte, das hörte sich ja wild an…
„Entschuldige.“ Was machte Sarah mit ihm?
„…Gnghh… gnn… ahh…“ Oder besser: Was ließ er da mit sich machen?
Allmählich wanderte meine Augenbraue nach oben. Ich hoffte für die beiden inständig, dass sie nicht taten, wonach es sich anhörte.
„Aau… Vorsichtig, das ist eine ganz sensible Stelle!“
„…und bretthart!“ Da hatte ich mich wohl gerade verhört…
„Aahhh…jaa…ahh … hahhh…“
Leider täuschte ich mich nur sehr selten. Und diesmal befürchtete ich, vom Richtigen auszugehen.
„Oohhh… jaaaahhh… Das ist… der Wahnsinn…“
Von Herbert war ich vieles gewohnt, und so leicht konnte mich nichts mehr schockieren – aber DAS war definitiv ein Schritt zu weit!
„Uuhhh… Wo… hast du… das… Jaaa… gelernt? … Oooohhh, ja! …Das ist… guut… haahhh…“
„Ach, na ja… Hab ja nicht im Kloster gelebt.“ Durchaus nicht.
„…Aaaahhh … ahh … hhhaaahh …“ Wie konnte Herbert es überhaupt wagen?! Es dann auch noch so lautstark zu genießen war ja wohl die Höhe! Nicht mal Manieren hatte er! Dabei hatte ich ihn doch immer versucht, zu einem Gentleman zu erziehen…
„Oooohhhh … Ich bin Wachs in deinen Händen!“ Was auch immer Sarah JETZT gerade in den Händen hielt war ganz bestimmt NICHT aus Wachs!
„Uuuuhhh….“ Zumindest hoffte ich, sie würden die Kerzen aus dem Spiel lassen.
„Ahhh … Jetzt etwas tiefer … jaaahh…“
Sarah traute ich wirklich einiges zu, wenn sie sauer war, aber so weit würde sie nie von sich aus gehen. Ich rechnete nie damit, so einen Verräter zum Sohn zu haben… Anscheinend hatte ich mich in dieser Hinsicht schwerwiegend getäuscht.
„Ooooh … mein … Gooott! …“ Gott?! Das Maß war voll! „Hhhaaaaachh…“ Dass er sich auf etwas Derartiges einließ!
Am liebsten hätte ich jetzt die Tür aufgerissen und mir Herbert vorgeknöpft. Aber zum einen wollte ich mir dieses Szenario nicht auch noch von Nahem ansehen und zum anderen reichte es aus, wenn ein Teil der Von Krolocks jeglichen Anstand vergaß.
Vor Zorn bebend machte ich auf dem Absatz kehrt und begab mich in Richtung Gruft. Meine Schritte hallten in stechenden Lauten aus allen Richtungen wider. Es wäre wohl am besten, wenn ich erstmal ausführlich darüber nachdachte, bevor ich irgendjemanden… Bevor ich unüberlegt handelte!
Nur eins stand fest: Diese Nacht würde Herbert noch bereuen!
Es lief besser als ich gehofft hatte. In exakt dem Moment, in dem Breda um die Ecke kam, schaffte ich es, Herbert am Kragen zu packen und in dieses Zimmer zu drängen. Breda musste uns gesehen oder wenigstens gehört haben.
Herbert verzichtete offenbar gezwungenermaßen schon länger auf seine notwendigen Streicheleinheiten, sodass er sich nun bereitwillig darauf einließ. Wie standhaft konnte ein Mann schon sein? Zum meiner Überraschung machte er es mir auch noch erstaunlich leicht, indem er sogar unaufgefordert auf dem Bett Platz nahm, nachdem ich ihn recht schnell davon überzeugt hatte, wie gut im diese Sache tun würde.
Dass er dabei jedoch so laut war, damit hatte ich nicht gerechnet. Wenn er immer so hingebungsvoll war, dann sollte Alfred sich das vielleicht noch mal überlegen. Von seinem Vater hatte er dieses Temperament jedenfalls nicht geerbt – der war immer beherrscht und ganz der Gentleman, oder zumindest versucht, es zu sein. Schade eigentlich.
„Danke Sarah, ich fühl mich wirklich besser.“, hauchte Herbert, noch immer erschöpft auf dem Bett liegend.
„Ja ja, schon gut. Hab ich doch gern getan.“ Irgendwie hatte ich richtig Mitleid mit ihm gehabt… wenn ich ehrlich war. Okay, in erster Linie war ich darauf bedacht, Breda eins auszuwischen.
„Hey! Aber schlaf jetzt bloß nicht hier ein!“ Und sie waren doch alle gleich…
„Mmmoooaaa… immer wenn ich gerade so richtig schön entspannt bin, soll ich nicht schlafen…“, nörgelte er, „Außerdem bin ich todmüde…“. Mitleiderregend schwach tuend richtete er sich unnötig langsam auf und gähnte demonstrativ. Was sollte mir das jetzt bitteschön sagen…? Sollte ich etwa noch mit ihm kuscheln, oder was?! Tss, da war man einmal freundlich, und schon sollte man als gute Fee herhalten? Nicht mit mir! Besser, ich beendete diese Sache, bevor sie noch richtig anstrengend wurde.
„Was du machst, ist mir eigentlich egal. Ich werde allerdings verschwinden – mal sehn was dein Vater so macht.“ Hoffen wir mal, Breda war neugierig genug, um zu lauschen… Eindrucksvoll war die kleine Szene mit seinem Sohn allemal. Zufrieden grinsend ließ ich einen verdutzt dreinschauenden Herbert sitzen.
Vielleicht fehlt es ja nur an einem bisschen Eifersucht, wenn es um die Entfaltung Bredas Temperaments ging. Und eifersüchtig sollte er wohl werden, wenn seine Gefährtin sich nicht nur mit irgendeinem Jüngeren, sondern mit eben seinem Sohn in die Schlafgemächer zurückzog. Ich musste Breda ja nicht sagen, dass ich Herbert nur etwas die in der Tat völlig verspannten Schultern gelockert und den Rücken massiert habe. Nicht mal ein schlechtes Gewissen konnte ich mir einreden, denn ich log ja nicht. Ich ließ nur die eine oder andere Tatsache aus…
Mein Lachen hallte noch Minuten später durch sämtliche Gänge des Schlosses. In dieser Runde ging der Punkt eindeutig an mich und ich damit in Führung!
Es war schon einige Zeit vergangen, seitdem Herbert gegangen war… wohin auch immer. Und ich lag noch immer wach. Einerseits war ich müde und wollte schlafen, aber andererseits beschäftigte mich ständig ein und derselbe Gedanke: Warum stieg ich durch Herberts Verhalten noch weniger durch, als durch die ewige Querdenkerei des Professors?
Herbert mochte mich, das zeigte er mir oft genug. Ich mochte ihn ja auch, nur eben nicht auf die gleiche Weise, wie er mich mochte… Glaube ich… Wenn ich nur wüsste, wie genau er mich mag. Also das wollte ich eigentlich lieber nicht so genau wissen; obwohl mir gerade diese Frage schlaflose Stunden bescherte. Liebte er mich oder spielte er nur mit mir?
Was ich mich viel eher fragen sollte: Warum fragte ich mich das alles überhaupt?
Ich seufzte auf. Warum war auf einmal alles so kompliziert? Selbst wenn ich ihn mochte… Sarah mochte ich auch. Als ich mich in sie verliebt hatte, war es mir vom ersten Augenblick an klar gewesen. Dieses Kribbeln im Bauch. Die viel sagenden Blicke, wenn wir uns ansahen. Das flaue Gefühl im Magen, wenn sie mir nah kam. Doch Sarah hatte jetzt ihren Grafen, ich interessierte sie nicht weiter und würde auch nie wieder eine Chance bei ihr haben.
Bei Herbert war das anders. Immer, wenn er in meiner Nähe war, fühlte ich mich ganz komisch – nicht zu beschreiben. Wenn er mich ansah, war mein Kopf wie leergefegt und ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Und wenn er mich berührte… Dann liefen mir kalte Schauer den Rücken runter! Es war einfach nicht dieses überschwängliche Glücksgefühl, es war mehr, als würde ich zu Wachs zerfließen… völlig unkontrolliert und ungewollt. Außerdem wollte ich nicht sein Spielzeug sein.
Weitere endlos lange Minuten starrte ich grübelnd an die Decke.
Irgendwie mochte ich es trotzdem, in Herberts Nähe zu sein. Er war jedes Mal so nett zu mir. Seine Berührungen waren ganz sanft. Aber warum hatte ich dann solche Angst davor? Weil er mich damals im Badezimmer überfallen hatte? Vielleicht. Doch was hatte ich schon zu fürchten? Dass er mich biss? Davor brauchte ich wohl keine Angst mehr haben… DAS hatte Sarah schon auf viel grausamere Weise erledigt. Und SIE war dabei alles andere als nett gewesen.
Rein rational gesehen, gab es also keinen Grund mehr, sich vor Herbert zu scheuen.
Trotz allem blieb da noch eine unbestimmte Angst in mir. Der Professor hatte mich immer vor Leuten wie Herbert gewarnt. Nicht nur, weil sie Vampire waren… Nein, weil es Männer waren. Alle sagten mir, es sein unnormal, unmoralisch, unsittlich, pervers, wenn zwei Männer sich so nahe waren. Man könne sich schlimme Krankheiten einfangen. Kein normaler Mensch täte so etwas…
Aber musste ich mich noch vor Vampiren fürchten, egal ob vor männlichen oder weiblichen? Handelten Vampire, zu welchen nun auch ich zählte, moralisch? Interessierten uns die Sitten der Menschen? Konnten uns Krankheiten töten? Waren wir normal? Waren wir Menschen? War nicht allein die Tatsache unseres Daseins pervers?
Auch wenn ich bis jetzt nicht die geringste Ahnung hatte, was mir die Ehre verschaffte, von Sarah derart verwöhnt zu werden, genoss ich es dennoch. Fast hätte ich vergessen, wie gut es tat, mal so richtig schön massiert zu werden. Warum Sarah genauso schnell verschwunden war, wie sie auftauchte, konnte mir ja egal sein… Obwohl das eben wirklich lieb von ihr war.
Flüchtig knöpfte ich mein Hemd wieder zu verließ das Zimmer. Nun würde ich mich für diese Nacht endgültig im meinen Sarg verziehen und niemand könnte mich davon abhalten. Die Fülle an konfusen Gedanken hatte mich echt erledigt.
Gerade ging ich einen der unzähligen dunklen Flure des Schlosses entlang, als ich plötzlich eine Hand auf meiner Schulter spürte. Soeben wäre ich zum zweiten Male in der heutigen Nacht beinahe in Ohnmacht gefallen.
„A-Alfie…“, stotterte ich atemlos. Wie hatte er mich gefunden?
„Entschuldige. Seit wann bist du denn so nervös?“
„…Seitdem du mir im Dunkeln nachstellst…“ Im Hellen ginge das aus schlecht. Komisch, so leicht zu erschrecken war ich sonst wirklich nicht.
„Ich… ähm…“ Na was kam jetzt?
„Warum schläfst du noch nicht? In zwei Stunden geht die Sonne auf.“
„Ich kann nicht schlafen. Mir geht da schon die ganze Zeit etwas durch den Kopf…“ Das klang, als dauerte es länger – nichts, was man auf dem Flur bespräche.
„Und du möchtest mit mir darüber reden?“
„Ja und nein…“ Für so komplexe Erörterungen war es zu früh am Morgen…
„Wie meinst du das?“, bat ich dennoch zu wissen.
„Ich habe eingehend nachgedacht… und ich glaube, ich hab dich schon viel zu lange gequält…“ Bitte was?
Alfred trat mir gegenüber, sah mir tief in die Augen und legte seine Hände sanft an meinen halb offenen Hemdkragen. Unbeabsichtigt taumelte ich einen Schritt zurück, sodass ich mit dem Rücken zur Wand stehen blieb. So kannte ich ihn noch gar nicht.
„Du siehst blass aus…“, säuselte er verführerisch. Oh, da hatte ich mich so lange Zeit zusammengerissen und jetzt das. So sehr ich auch wollte, diesem Blick konnte ich keine Sekunde mehr standhalten. Worüber auch immer Alfred nachgedacht hatte, er war zu einem weisen Schluss gekommen. Einem inneren Drang nachgeben, zog ich den blonden Jüngling an mich.
„Alfie, wenn du dich nicht wehrst… werde ich…“ Verdammt, ich war kurz davor, die Kontrolle zu verlieren.
„Was wirst du dann?“ Dieses verwegene Grinsen war mir ebenfalls völlig neu an Alfred.
„…Dann werde ich… ich…“ Als er begann, seine Hand zärtlich unter mein mittlerweile geöffnetes Hemd zu schieben, setzte mein Verstand gänzlich aus. Schauer liefen mir über den Rücken. Wieder lächelte er mich nur an. Der Durst drohte mich zu überwältigen.
„Ist das… dein Ernst?“, brachte ich vor Erregung keuchend hervor. War es möglich, dass ich ihn die ganze Zeit über total unterschätzt hatte?
„Nur, wenn du es auch ernst meinst.“ Wie?
Erwartungsvolle Blicke. Zögern.
„Ich habe es vom ersten Augenblick an ernst gemeint.“, antwortete ich ehrlich. Ich meinte es immer ernst.
„Was hält dich dann?“, fragte Alfred fordernd. Irgendwas stimmte hier nicht… Doch das war mir reichlich egal, als ich seinen Atem ganz dich an meinem Ohr spürte. Er hatte immerhin Recht. Wie lange quälte mich schon diese verzehrende Gier, ihn zu schmecken – ein einziges Mal von ihm zu kosten? Warum sollte ich dann jetzt die Gelegenheit nicht wahrnehmen? Schließlich war ja er zu mir gekommen, nicht umgekehrt. Und gerade drängte er mich förmlich dazu, die Contenance zu verlieren…
Also tat ich, wozu die Natur der Vampire mich zwang. Ein letztes Mal sah ich meinen Alfie durchdringend an, um mich daraufhin langsam seiner Halsschlagader zu nähern. Genussvoll fuhr ich mit meiner Zunge über die weiche Haut. Auch wenn es kein frisches, menschliches Blut war, würde es seine köstlich erquickende Wirkung nicht verfehlen. Alfred im Arm haltend liebkoste ich mit meinen Lippen seinen Hals, während meine andere Hand durch seine gelockten Haare fuhr. Ich bemerkte, wie für einen winzigen Augenblick Unsicherheit in ihm aufloderte – es gab jetzt kein Zurück mehr. Vorsichtig bohrten sich meine Zähne in sein Fleisch.
Der süße Geschmack und das einzigartige Aroma seines Blutes vernebelten mir die Sinne. Wie im Rausch trank ich Schluck um Schluck ohne von ihm zu lassen. Trotzdem genoss ich jeden einzelnen Tropfen dieser wertvollen Flüssigkeit. Pure Glückseligkeit durchströmte meinen Körper.
Erst als Alfred zu wanken begann, wurde mir bewusst, dass ich es nicht übertreiben durfte. Widerstrebend hörte ich auf an ihm zu saugen und hatte mich gerade dazu durchgerungen, mich von ihm zu lösen, als mich ein reißender Schmerz erstarren ließ.
Dieser blond gelockte Blutsauger hatte eben ganz unversehens seine Fangzähne in meinen Hals gerammt! Mit letzter Kraft hielt er die Arme um mich geschlungen. Irgendwie gefiel mir die Vorstellung, dass Alfred jetzt den aktiven Part übernahm. Er trank gierig, noch gieriger, als ich es zuvor getan hatte. Sein Durst musste riesig sein. Willig ließ ich ihn gewähren. Zwar schmerzte es ziemlich, da er noch unerfahren und ungeschickt beim Trinken war, aber für meinen Liebling nahm ich das gern in Kauf.
Er trank wirklich schnell… zu schnell… und zu viel! Viel zu spät stellte ich fest, dass nun ich es war, der hilflos im Griff des Anderen hing. Meine Kräfte schwanden zusehends…
Natürlich – es war für Alfred das erste Mal, wie hätte er da einschätzen können, wie weit er gehen durfte? Klar war nur, dass er gerade zu weit ging, denn mir war bereits schwindelig und allein Alfreds feste Umarmung hielt mich noch auf den Beinen…
Völlig willenlos ließ ich geschehen, was Alfred tat. Ich hatte ohnehin keine Kontrolle mehr über die Situation… Da war nur noch dieses angenehm warme Kribbeln, das sich von unten herauf in meinen Körper ausbreitete… Mir wurde schwarz vor Augen.
Das letzte was ich wahrnahm war, wie wir beide allmählich zu Boden glitten.
XIV. Kapitel
Supergirls Don’t Cry
von Bolder Engel
Glücklich und rundum zufrieden öffnete ich meine Augen und blickte in die Dunkelheit. Noch nie zuvor hatte ich mich so wohl gefühlt wie jetzt. Es musste am Blut liegen, denn tatsächlich fühlte ich mich stärker und sicherer. Auch die Dunkelheit, welche mich früher verunsichert oder sogar geängstigt hatte machte mir nicht mehr das Geringste aus. Viel bedeutender war aber, dass diese innere Zerrissenheit verflogen war, dieser Drang nach etwas Unbekanntem und gleichzeitig die Angst davor. Ich glaubte zu schweben. Prüfend tastete ich nach dem steinernen Fußboden, auf dem ich immer noch lag.
Bald würde die Sonne ihre vernichtenden Strahlen über die Karpaten ausbreiten – höchste Zeit, endlich in der Gruft zu verschwinden!
Halt! Irgendetwas sehr wichtiges hatte ich vergessen… Gerade aufgestanden drehte ich mich noch einmal um. Der sich mir bietende Anblick ließ mich inne halten.
Ein wohlgeformter, schlanker Körper reglos auf dem Boden. Lange glänzende Haare die sich wie flüssiges Silber über Körper und Boden ergossen. Diese feinen Gesichtszüge, die sinnlich geschlossenen Augen… die lustvoll leicht geöffneten Lippen… die zarte, weiße Haut… die unscheinbare Blutspur am Hals…
‚Alfed!’, schalt ich mich. Wie konnte ich nur so verantwortungslos handeln? Was hatte mich dazu getrieben? Seit wann gestattete ich mir derartige Gedanken über Herbert? Noch immer durchpulste mich sein Blut. Nachdenklich fuhr ich mit der Hand über die Stelle an meinem Hals, an der sich Herberts Zähne in mein Fleisch gegraben hatten… Hieß das jetzt, wir… Nein, das hieß überhaupt nichts! Nur, dass ich ebenfalls dieser grausamen Gier erlegen war.
Wieder riss ich mich aus den Gedanken und sah dieses zerbrechlich anmutende Wesen zu meinen Füßen an. Er war immer noch bewusstlos. Besorgt kniete ich mich neben ihn und streichelte über seine Wange, „Herbert, wach auf!“. Er reagierte nicht. Da war sie wieder, diese Unsicherheit. Was hatte ich nur getan? Warum hatte ich mich so gehen lassen? Erkenntnis über mein vampirisches Dasein hin oder her. Ich musste töten, um zu überleben – aber durfte ich meinesgleichen so etwas antun?
Ängstlich rüttelte ich an Herberts Schultern in der Hoffnung, er würde endlich die Augen öffnen. Sein Körper war so leblos, seine Haut so kalt… Hatte ich… ich ihn womöglich… Meine Kehle schnürte sich zusammen. Nein, das konnte nicht sein! Er konnte doch nicht so einfach… Hastig wische ich mir die Tränen aus den Augenwinkeln. Was war in mich gefahren, so etwas Unüberlegtes zu tun? Zitternd strich ich ihm über die langen, glatten Haare, „Bitte, Herbert… komm wieder zu dir…“.
Erst als ich bemerkte, wie seine Lider anfingen zu flattern, löste sich der riesige Kloß in meinem Hals.
„Oh, Herbert! Du glaubst gar nicht wie froh ich bin…!“, völlig gegen meine Natur zog ich ihn in eine stürmische Umarmung. Unglaubliche Erleichterung machte sich in mir breit.
„…Und ich erst…“, hauchte Herbert, der nun versuchte sich aufzusetzen, „Der fleischgewordene Traum meiner unzähligen, einsamen Nächte… leibhaftig vor mir…“.
Sein strahlendes Lächeln ließ mich zu der Annahme kommen, dass es ihm wieder besser ging. Ohne weitere Umschweife machte ich ihn darauf aufmerksam, wie spät es bereits war. Als ich sah, wie es Herbert sichtlich Mühe bereitete sich aufzurichten, griff ich ihm ohne zu zögern unter die Arme und hob ihn auf die Beine. Es schien fast, als sei ich kräftiger geworden. Ein leicht benommenes „Danke“ murmelnd lehnte er sich an die Wand.
„Komm schon, wir haben nicht mehr viel Zeit!“, drängte ich ihn zur Eile. Kurz darauf merkte ich, wie Herbert seinen Arm schwer um meine Schultern legte, „Nur keine Hektik…“.
Wenn mein Süßer und ich erstmal im Sarg verschwunden waren, dann würden wir da weiter machen, wo wir aufgehört hatten.
Ich war so glücklich, dass er es endlich getan hatte. Endlich! Und es war schöner, als ich es mir je erträumt hätte! Innige Verbundenheit, intime Nähe… In der Tat, er raubte mir die Sinne.
„Herbert!“
Der Raum um mich herum flimmerte. Ich rieb mir über die Augen, um wieder klar zu sehen.
„Alles in Ordnung mit dir?“ Kurz musterte mich ein strenger und zugleich besorgter Blick.
„Ja, ja… mir geht’s gut.“, gab ich zur Antwort. Wenn Alfie in meiner Nähe war, ging es mir doch immer gut.
„Dann komm jetzt endlich!“, befahl mir mein Liebling und zog mich am Arm weiter Richtung Gruft.
Diese verdammten Stufen! Würde doch wenigstens alles aufhören sich zu drehen…
„Herbert, jetzt beeil dich!“
Alfred stand bereits ungeduldig wartend am unteren Ende der Treppe hinunter zur Gruft. Immer, wenn ich glaubte es ginge wieder, verschwamm die Welt vor meinen Augen erneut. Mich an der Wand entlang tastend machte ich langsam einen Schritt nach dem anderen. Allein der Gedanke daran, was Alfred und ich noch vor kurzem getan hatten, sorgte dafür, dass sich ein Kribbeln in meinem Bauch ausbreitete. Gerade als mir wieder schwarz vor Augen wurde, merkte ich wie mein Alfie mich auffing, noch bevor ich fallen konnte.
„Ich hätte das nicht tun dürfen…“, sagte Alfred reumütig.
„Sag doch so was nicht! …Ich bin dir sogar dankbar dafür.“, erwiderte ich. Ohne ein weiters Wort schleifte er mich in meinen Sarg, da ich selber nicht mehr in der Lage war irgendetwas zu tun.
Schon komisch, wie ein schüchterner junger Mann von einem Moment zum anderen die Führung übernimmt und im nächsten wieder unsicher ist. Aber war es im Grunde nicht genau das, was Alfred für mich so interessant machte? Sein unscheinbares und doch unglaublich komplexes, sensibles Wesen. Und sensibel war er auf alle Fälle, denn sonst würde er mich nicht schon wieder so besorgt ansehen.
„Hör auf dir Gedanken zu machen und komm in den Sarg.“, lächelte ich ihm aufmunternd zu, „Du hast doch selber gesagt, wir müssen uns beeilen.“.
„Stimmt.“, nickte er und begann nun auch zu lächeln, was mein Herz höher schlagen ließ. Nun würde er sicher nichts mehr dagegen haben, wenn wir uns einen Sarg teilten.
Als einige Minuten später die ersten Sonnenstrahlen auf die Zinnen des Schlosses fielen, lagen Alfred und ich selig schlummernd in meinem steinernen Sarg. Endlich, die langersehnte Tagesruhe…
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