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Verliebt in Transilvanien
My Castle is your Castle
Von Blonder Vampir - http://verliebtintranssilvanien.ws24.cc
So was Unverschämtes - was bildet dieser Herbert sich eigentlich ein! Als ob Alfred sein Eigentum wäre. Macht so einen Aufstand, bloß weil ICH Alfred gebissen habe. Ich hatte schließlich Hunger und bis zum nächsten Dorf ist es noch ein ganzes Stück hin. Er hätte mir ja wenigstens den Weg sagen können, immerhin kommt er von hier und kennt sich aus... Versteh einer diesen Mann... Mann? Das ist nicht lache!
Endlich sah ich in einiger Entfernung ein paar Häuser, in denen Licht brannte. Da war also das Dorf. Obwohl ich mich an Alfred bedient hatte, war ich immer noch sehr hungrig. Die Straßen waren jedoch wie ausgestorben. Ich würde also in eines der Häuser gehen müssen. Aber einem hübschen jungen Mädchen wie mir bleibt sicher keine Tür verschlossen...
Jedoch war es, wie ich soeben bemerkte, gar nicht nötig an eine der Türen zu klopfen. Nur ein paar Meter entfernt von mir sah ich eine Kutsche aus dem Dorf rollen - scheinbar in Richtung Schloss des Grafen! Schnellen Schrittes machte ich mich auf zu der Kutsche, zumindest so schnell es der Schneesturm zuließ...
„Entschuldigen Sie bitte?“, flötete ich mit meiner liebsten Stimme und meinem verführerischstem Augenaufschlag und legte dem Kutscher eine Hand auf sein Knie. Entzückt musterte dieser mich.
„Könnten Sie mich wohl vielleicht ein kleines Stück auf ihrem Weg mitnehmen?“, bat ich und drehte meine Haare um einen Finger. Er nickte nur stürmisch und half mir auf den Kutschbock herauf, wo er mich auch gleich in mehrere Decken einwickelte, die vorher um ihn geschlungen waren. Mir machte die Kälte zwar nur wenig - eigentlich ja überhaupt nichts - aus, aber trotzdem war es schön warm unter diesen Decken.
Tzz... wie naiv doch die Menschen sein konnten. Kaum machte man mal ein paar klimpernde Augenaufschläge, schon lagen einem die Leute zu Füßen. Zum Glück war der Herr Graf da ganz anders... Er wusste was er wollte - genau so, wie ich! Ich freute mich schon jetzt wieder auf ihn. Etwas macht mich jedoch stutzig: Warum war er nicht gekommen, um mich zu suchen?
Es traf mich wie ein Blitz! Der Professor und Alfred! Das Kreuz! Nur aus den Augenwinkeln hatte ich wahrgenommen, dass der Graf in sich zusammengesunken war. Dann hatte der Professor mich bereits aus dem Saal gezerrt...
Oh, mein Gott! Was war, wenn ihm wirklich etwas Ernsteres passiert war? Vielleicht hat ihn der Überfall ja sogar...
„Entschuldigung? Währe es wohl möglich etwas schneller zu fahren?“, bat ich und machte ein noch nicht mal gespielt besorgtes Gesicht. Wieder nickte der Kutscher, dessen Lippen schon bläulich angelaufen waren und schlug mit den Zügeln.
Da! Da waren sie! Die Zinnen des Schlosses! Ich konnte sie ganz deutlich erkennen, selbst durch den dichten Schnee, der noch immer stetig vom Himmel fiel.
Mein Durst gewann an Macht und drohte meine Selbstbeherrschung zu besiegen, aber, warum eigentlich nicht? Wenn ich jetzt das Blut dieses Mannes trinken würde, wäre ich wahrscheinlich mehr als kräftig genug die letzten hundert Meter alleine zu laufen. Also, gut! Ich packte den Kutscher bei den Schultern und riss ihn zu mir herum. Dann grub ich leidenschaftlich meine spitzen Eckzähne in seine Halsschlagader. Er wehrte sich nicht.
Oh, welch Wohltat den köstlichen roten Lebenssaft meine Kehle hinunter rinnen zu lassen... Doch ich hatte nicht die Zeit die ganzen Freuden, die das Trinken mit sich brachte voll auszukosten. Ich musste mich beeilen. Als ich den Körper leer gesaugt hatte ließ ich ihn achtlos in den Schnee fallen. Jetzt musste ich mich schnell auf den Weg zum Schloss machen!
Ob Herbert wohl schon mit Alfred dort angekommen war?
Nachdem ich endlich mit Alfred im Schloss angekommen war, brachte ich ihn in eins der Schlafzimmer, wo ich ihn erstmal aufs Bett legte. Er war noch immer ohnmächtig. Sarah hatte ihn wirklich ohne Rücksicht auf Verluste ausgesaugt - kein Wunder, dass er so schwach war. Ich zog ihm noch schnell Jacke und Schuhe aus und deckte ihn zu, bevor ich wieder in die Gruft zu meinem Vater eilte.
Wie befürchtet lag auch er noch immer besinnungslos in seinem Sarg. Seinen Gesichtszügen war allerdings zu entnehmen, dass es keinesfalls ein entspannter Schlaf war... Wenn ich ihm doch nur irgendwie helfen könnte.
Wie sollte das alles nur weiter gehen? Wie würde er reagieren, wenn er aufwachte und Sarah nicht da ist? Apropos Sarah - wo war die eigentlich? Sie wird doch wohl nicht wirklich versuchen, sich jetzt noch im Dorf ein Opfer zu suchen! Es dämmerte immerhin schon fast.
Ich beschloss, mich auch lieber auf den Weg in meinen Sarg zu machen, bevor es hell wurde. Aber vorher musste ich noch mal nach Alfred sehen. Wenn er so ganz allein in einem fremden Zimmer aufwachte, würde er es sicher mal wieder mit der Angst zu tun bekommen. Doch als ich Zimmer betrat, begegnete ich wider Erwarten keinem panisch kreischenden und fluchtbereiten, sondern einem friedlich schlafenden, in die Decken gekuschelten Assistenten. Er ist ja so süß, wenn er schläft... und nicht gerade vor mir wegläuft. Wie gern hätte ich mich jetzt zu ihm gelegt und ihn in den Arm genommen. Doch das traute ich mich nicht. Wenn er dann aufwachte, würde er sicherlich wieder versuchen wegzulaufen. Warum hatte er bloß solche Angst vor mir, ich hab ihm doch nichts getan. Na gut, ich hatte versucht ihn zu beißen - aber er sieht ja auch wirklich zum Anbeißen aus. ...Nein, so würde ich nie sein Vertrauen gewinnen. Ich zwang mich, den Blick von ihm abzuwenden und verließ das Zimmer. Leise schloss ich die Tür hinter mir.
In Gedanken versunken ging ich über die Korridore und durch die große Eingangshalle. Hoffentlich ging es meinem Vater bald besser. So geschwächt hatte ich ihn noch nie erlebt. Es kam wirklich nur sehr selten vor, dass ihn etwas so mitnahm...
Plötzlich flog die große Eingangstür auf und mit einem eisigen Windzug trat Sarah herein. Sie sparte sich jegliche Begrüßung und schleuderte mir nur ein „Wo ist der Graf! Was ist mit ihm?“ entgegen. Da ich nicht gerade in der Stimmung für eine Diskussion über Höflichkeit und Anstand und sowieso auf dem Weg in die Gruft war, nahm ich sie mit mir hinunter zu den Särgen. Auch wenn mir der Gedanke, dass Sarah „nebenan“ schlafen würde nicht gerade zusagte - für meinen Vater würde ich den Kompromiss eingehen.
Er führte mich also zum Sarg seines Vaters - des Grafen. Schweigsam gingen wir eine schmale, steinerne Treppe hinunter. Warum sagte er nichts? Stand es etwa so schlecht um seine Exzellenz? So, wie es schien musste ich mir davon wohl selbst ein Bild machen. Außerdem war ich sowieso nicht unbedingt auf ein längeres Gespräch mit Herbert aus.
Wir waren am Ziel angekommen. Ächzend wurde die eiserne Tür zur Gruft geöffnet und ich eingelassen - offensichtlich konnte Herbert doch wohl ein Gentleman sein, auch wenn er dies nicht sehr oft gezeigt hatte, seit ich ihn kannte.
Dann öffnete er vorsichtig einen Sarg - wohl den, seines Vaters - und deutete mir, dass ich zu ihm herkommen sollte. Ich kam; blickte in den Sarg. Der Graf lag darin, als ob er tot wäre - ich vergaß. Das war er ja bereits... Dennoch sah er nicht gerade sehr gesund aus. Ich wollte ihn wecken, doch schon, nachdem ich nur meine Hand gehoben hatte, fuhr Herbert mich an: „Lass ihn schlafen. Er braucht Ruhe.“
„Ja, aber...“, begann ich, war jedoch nicht mehr im Stande meinen Satz beenden zu dürfen. „Morgen.“, sagte Herbert dann noch und schob den Sargdeckel wieder über seines Vaters Ruhestätte. Dann deutete er auf einen etwas kleineren Sarg in der rechten Ecke der Gruft. In dieses DING sollte ICH mich zwängen? Nur über meine Leiche!... Ich sollte mich endlich einmal daran gewöhnen bereits tot zu sein... Aber schließlich wollte ich ja nicht als Häufchen Asche enden, also nahm ich vorlieb mit dem kleineren Sarg. Schon bald war ich fest eingeschlafen.
In der nächsten Nacht wurde ich unsanft von einem Aufschrei geweckt: „PAPA!“ - Moment! Papa? Hieß das etwa, dass...? Hastig stieß ich meinen Sargdeckel zur Seite und stieg heraus. Ja, tatsächlich. Der Graf war wach. Herbert stand neben ihm und hielt seine linke Hand. Auch ich ging nun langsam auf den steinernen Sarg seiner Exzellenz zu und strahlte ihn mit leuchtenden Augen an.
„Ich lasse euch wohl besser allein.“, murmelte Herbert, doch dies nahm ich nur am Rande wahr. Meine Aufmerksamkeit war in diesem Augenblick einzig und allein dem Mann gewidmet, der vor mir in seinem Sarg lag.
„Sternkind...“ Vorsichtig nahm ich seine Hand, die zuvor Herbert gehalten hatte und schmiegte meine Wange an sie. Eiskalt.
„Wie geht es Euch?“, fragte ich besorgt und küsste seine Handinnenfläche.
„Oh, bitte, lass diese Formalitäten.“, bat er und atmete nach diesen wenigen Worten ein paar Male tief ein. Er war wohl noch immer sehr schwach. Entschlossen legte ich seine Hand zurück und ritzte mir mit meinen scharfen Eckzähnen ein wenig meine Pulsader an. Dann ließ ich ein paar Tropfen auf seinen Mund fallen. Fragend musterte er mich. Ich konnte sehen, dass es ihn an Überwindung kostete nicht sofort das ganze Blut aus mir herauszusaugen.
„Trink. Damit es dir bald wieder besser geht.“, lächelte ich und hielt ihm mein Handgelenk hin. Zuerst trank er gierig einige Schlucke von dem kostbaren Lebenselixier, doch dann erwachte wohl seine innere Zurückhaltung und er ließ von mir ab.
„Ich danke dir, Sternkind.“, flüsterte er heiser und lächelte. Ein Zeichen für mich, dass er bereits wieder auf dem Weg der Besserung war. Meine kleine Wunde, die ich mir selbst zugefügt hatte, war bereits wieder vollständig verheilt. Nichts erinnerte mehr an den kleinen Riss, der sich vor ein paar Sekunden noch an meinem Gelenk befunden hatte.
„Darf ich?“ Ich deutete auf den Platz neben ihm in seinem Sarg und lächelte scheu. Er nickte und streckte den Arm ein wenig aus, damit ich meinen Kopf darauf betten konnte. Bevor ich mich jedoch an seine Seite schmiegte, hauchte ich ihm noch einen vorsichtigen Kuss auf die Lippen.
Ein leises Knarren. Wahrscheinlich eine Tür...
Normalerweise hätte ich jetzt die Augen geöffnet und wäre hochgefahren... Doch eigentlich war ich noch viel zu müde, um aufzuwachen. Also drehte ich mich noch einmal um und zog die Decke ein Stück höher über meine Schulter. Es war so schön warm und gemütlich hier.
Einen Moment mal - wo war ich hier überhaupt? Ein weiches Bett, ein Zimmer in ruhiger Lage. Ein Wirtshaus? ...nein, Wirtshäuser hatten nie so komfortable Zimmer.
Ich streckte meinen Arm aus. Hmm, das Bett schien groß zu sein. Aber außer mir war es leer. Wo war der Professor, mit dem ich mir sonst immer ein Bett teilte?
Auf einmal spürte ich, wie meine Hand von einer anderen sanft ergriffen wurde. Diese zärtliche Berührung, diese unglaublich weiche Haut... Sarah? Ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen. Langsam öffnete ich die Augen. Nur verschwommen konnte ich erkennen, dass dort jemand an meinem Bett saß.
„Sarah? Wo bin ich?“
„Du bist wieder im Schloss.“
...He, das war nicht Sarahs Stimme! Ich blinzelte, um erkennen zu können, mit wem ich da gerade sprach...
„Herbert!“ Reflexartig zog ich meine Hand an mich und wich zurück. „W-was machst du hier? I-ich meine... was mache ICH hier!“
Anstatt zu antworten sah mich dieser Vampir nur besorgt an. „Du solltest dich lieber wieder hinlegen. Du bist wirklich noch sehr blass.“ Misstrauisch beobachtete ich ihn. Das kam mir doch irgendwoher bekannt vor.
Plötzlich hörte ich im Unterbewusstsein Alarmglocken schrillen. Der Professor war nicht mehr da. Sarah war offensichtlich auch nicht da. Ich war also mit diesem ... diesem Vampir allein. Gleich würde er wieder über mich herfallen! Panisch warf ich die Decken zur Seite und sprang aus dem Bett, in dem ich bis eben noch gesessen hatte.
„Alfred, warte!“ Er war ebenfalls aufgestanden. Ich machte ein paar Schritte bis zur Tür. „Wo ist Sarah?“ Er kam auf mich zu. „Die ist unten bei meinem Vater...“ Er hielt sie gefangen! Ich musste so schnell wie möglich zu ihr und sie befreien. Gerade wollte ich die Tür öffnen und weglaufen - auch wenn ich nicht die geringste Ahnung hatte, wo genau ich mich befand - als der Raum anfing, sich zu drehen. Mir wurde schwarz vor Augen...
Eine süßliche Flüssigkeit strömte in meinen Mund. Wieder verspürte ich dieses starke Durstgefühl. Gierig trank ich einige Schlucke.
Allmählich kam ich wieder zu mir. Das war Blut, was ich da trank! ...Und es schmeckte gar nicht mal schlecht. Doch dann wurde mir die Quelle dieses köstlichen Blutes bereits wieder entzogen. „...Alfred?“
Erschrocken stellte ich fest, dass es sich um Herberts Handgelenk handelte, in das ich mich eben verbissen hatte. Ich sah mich um. Er musste mich zurück ins Bett getragen haben. Noch leicht benommen versuchte ich mich aufzusetzen, wurde jedoch festgehalten. „Dir muss man auch alles zweimal sagen, oder?“, lächelte mich Herbert an. „Keine Angst, ich tu dir schon nichts.“
Da schien was Wahres dran zu sein. Schließlich hätte er mich schon längst aussaugen können, wenn er nur gewollt hätte... Sogar das Gegenteil war der Fall gewesen. Ich merkte, wie ich errötete. „Na siehst du, es geht dir gleich besser.“, grinste er.
„Was ist jetzt mit Sarah? Und wo ist der Professor? Wie bin ich überhaupt wieder zurück ins Schloss gekom...- “ Herbert legte mir einen Finger auf die Lippen. „Kaum dass du wieder halbwegs bei Kräften bist, machst du dir auch schon Gedanken um Gott und die Welt.“ Dann stand er von der Bettkante auf. „Ruh dich noch ein bisschen aus.“ Erstaunt sah ich ihm hinterher. Er hatte nicht mal VERSUCHT mich zu küssen oder so was. Nicht dass ich damit ein Problem gehabt hätte, aber wundern tat es mich schon. Denn so, wie ich Herbert bisher kennen gelernt hatte - sofern man von kennen lernen sprechen konnte - ließ er nichts anbrennen.
...Noch bevor ich alle Gedanken entwirrt hatte, verabschiedete er sich mit einem „Ach, und Sarah geht es übrigens gut. Nur damit du beruhigt bist.“. Jetzt überschlugen sich die Gedanken endgültig. Mein Kopf schwirrte...
Wo war ich? - Ach ja, mein Sohn hatte mich in meinen Sarg gebracht, wo ich geschlafen hatte... Ich tastete mit den Händen meine linke Seite ab. Ich ergriff etwas Weiches und...Warmes... Sarah! Jetzt erinnerte ich mich wieder! Sarah hatte sich zu mir in den Sarg gelegt, aber was war es dann, was ich da berührte? - Oh, Gott! ...oder eher Luzifer! Zitternd nahm ich meine Hand beiseite. Zum Glück schlief sie und hatte nicht bemerkt, wo meine Hand sich noch vor wenigen Augenblicken befunden hatte...
Vorsichtig öffnete ich den Sargdeckel und schob ihn zur Seite. Dann stieg ich leise heraus, um Sarah nicht zu wecken. Sie würde die Ruhe gebrauchen können. Immerhin hatte sie mir ein wenig ihres Blutes gegeben. Ein paar schwarze Punkte tanzten mir vor den Augen herum. Ich ignorierte sie. Zwar war ich wohl noch nicht wieder ganz genesen, wie ich an meiner leicht verminderten Kraft feststellen musste, als ich den Sargdeckel wieder an seinen Platz zurückschob, aber ich konnte auch nicht die ganze Nacht tatenlos in meinem Sarg liegen bleiben! Ich beschloss also in die Bibliothek zu gehen, um mir einmal mehr irgendein philosophisches Werk von Goethe oder Schiller durchzulesen. Herbert las ja nur ununterbrochen diesen Schund, den er „Liebesgeschichten“ nannte. Derlei Dinge sollte man nicht lesen, man sollte sie erleben - wie ich fand.
Ich hatte bereits den oberen Treppenabsatz erreicht, als sich dieses Schwindelgefühl erneut in mir verbreitete. Vorsichtshalber stützte ich mich ein wenig an der steinernen Mauer links von mir ab, um zu warten, dass es wieder vorüberging. Scheinbar hatte ich Glück. Ein paar Sekunden später war er wieder verflogen, dieser Schwindel. Die Welt hörte auf sich zu drehen und ich setzte meinen Weg in Richtung Bibliothek fort. Hm... Goethe war doch für die heutige Nacht wohl ein bisschen viel. Aber, was würde ich dann lesen? Ich beschloss meine zahlreichen Regale in Ruhe einmal durchzusehen und mich dann zu entscheiden.
Uh! Was war das? Ich kam mir plötzlich vor, als wäre ein Schwarm tollwütiger Fledermäuse durch mich hindurch geflogen. Der Korridor, in dem ich mich befand, begann sich zu drehen. Immer schneller und schneller. Schweiß trat auf meine Stirn. Verzweifelt versuchte ich mich an der Wand abzustützen, darauf hoffend, dass es bald besser würde. Doch nichts dergleichen geschah - im Gegenteil. Alles wurde nur noch schlimmer. Eine schreckliche Übelkeit erfasste mich plötzlich und drohte mich zu Boden zu reißen. Mein Blick - und somit auch die Umgebung um mich herum - verschwamm und wandelte sich zu einem Meer aus Farben. Schließlich verlor ich auch noch das letzte bisschen Kraft und sank erschöpft an der Wand zu Boden. Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte ich nur noch, wie eine große Gestalt auf mich zu gerannt kam. War das etwa Herbert? - Ja. Eine kühle Hand legte sich auf meine Stirn. Ich lächelte. Manchmal konnte mein Sohn ziemlich herumwettern... Musste wohl an seiner weiblichen Seite liegen, beschloss ich, wurde aber sogleich für meinen Humor bestraft und zwar mit einer weiteren Welle der Übelkeit.
„Papa? ...Alles in Ordnung...?“ Ich vernahm nur einzelne Wortfetzen von dem, was mein Sohn mir sagte. Trotzdem verstand ich ihn und nickte schwach. Schwach... - wie sehr ich dieses Wort doch hasste! Aber es schien - wohl oder Übel - auf meinen momentanen Zustand zuzutreffen...
Vorsichtig legte mein Sohn dann erneut meinen Arm um seine Schulter, wohl, um mich wieder hinunter in meinen Sarg zu bringen. Wie konnte ich nur so töricht sein? Was wäre passiert, wenn ein neuer Tag angebrochen wäre und ich nicht die Kraft gehabt hätte, allein in meine Ruhestätte zurückzukehren? Verdammt! Was machte mich plötzlich so unvorsichtig und nachlässig?
Besorgt musterte Herbert mich hin und wieder. Er schien zu spüren, dass ich über irgendetwas gar nicht erfreut war. Nun, das war zur Abwechslung einmal ich selbst...
Laut stieß er die Türe zu meiner Grabesstätte auf und schwankte mit mir in den Raum. Mein Sargdeckel wurde zur Seite geschoben und eine völlig verdutzte Sarah sah mich an. Ich war froh, dass sich mein Blick wieder einigermaßen geklärt hatte, dass ich sie erkennen konnte. „Wieso hast du nicht auf meinen Vater aufgepasst?“, fuhr Herbert sie an und gestikulierte wie wild mit seiner freien Hand.
„Ich war eingeschlafen!“, verteidigte Sarah sich und stieg aus dem Sarg, um auf mich zuzukommen. Behutsam nahm sich mein Gesicht in ihre Hände und musterte mich besorgt. „Du hast doch bereits den ganzen Tag geschlafen! Du hättest wach bleiben müssen!“ Wütend stemmte Sarah daraufhin die Hände in die Hüften und funkelte meinen Sohn an.
„Das hätte ich ja gern getan, aber irgendjemand musste mich ja in dieses unbequeme Ding da hinten sperren!“, keifte sie. Ich konnte mir, obgleich meines Zustandes, ein kleines Grinsen nicht verkneifen. Vorsichtig half Herbert mir dabei, mich in den Sarg zu legen. Den Deckel jedoch, ließ er offen, wohl für Sarah, damit sie das nächste Mal besser auf mich acht gab. - Moment! Was redete ich da eigentlich? Man musste mir die Sinne vernebelt haben! Noch nie hat auch nur irgendjemand im Entferntesten auf mich „acht geben“ müssen!
„Du hast Recht, Sarah. Ich hätte dich vor dem Schloss stehen lassen sollen! Entschuldige!“ Hach, mein Sohn konnte ja so gemein sein... von wem er das wohl hatte? Es schien mir langsam wieder besser zu gehen... mein Humor kehrte zurück... Lautlos und ohne einen erneuten Konter stieg Sarah zu mir in den Sarg und schloss den Deckel. Sanft fuhr sie mir mit ihrer Hand durch die Haare und bedeckte mein Gesicht mit Küssen.
„Es tut mir leid.“, hauchte sie verführerisch und grinste - ja, das Grinsen war selbst in der Dunkelheit zu erkennen. Aber ich wüsste vielleicht eine Möglichkeit um das ganze wieder gutzumachen...“
(Fortsetzung folgt…)
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