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XI. Kapitel

Der Sturm

von Blonder Vampir

Ich glaube, ich hatte noch nie so früh ausgeschlafen wie heute Abend. Bequem wie ich war, drehte ich mich aber lieber noch einmal in meinem Sarg herum und kuschelte mich in die Kissen, als jetzt schon aufzustehen.

…Hmmm, sooo weich…

Es war noch sehr früh am Abend, sodass ich noch hätte ein paar Stunden schlafen können, doch ich war einfach nicht mehr müde. Eigentlich könnte ich ja auch aufstehen…

Erstmal frühstücken! Da sowohl Alfred wie auch mein Vater und Sarah noch in ihren Särgen lagen, hatte Koukol nun alle Zeit der Welt, zuerst mir mein Frühstück zu servieren, ehe er zu seinen alltäglichen Aufgaben überging.

Gemächlich ging ich die Korridore entlang. Die Sonne ging gerade unter, also beschloss ich, es mir auf der Westterrasse gemütlich zu machen.

Es gab doch nichts schöneres, als das letzte Leuchten der Sonne hinter den Bergen am Horizont zu beobachten… ein wunderschöner, rosafarbener Schein am Himmel, der allmählich ins Blaue überging…

Genüsslich schlürfte ich meinen Café au Laît, den Koukol mir eben gebracht hatte und versank weiter in den atemberaubenden Anblick der untergehenden Sonne. Wenn doch nur Alfred hier wäre und sich das ansehen könnte…

Mit ihm an meiner Seite wäre dieser Augenblick perfekt – für die Ewigkeit.

Alfred war bei Weitem nicht der erste Mann in meinem Dasein, doch der einzige bei dem alles viel komplizierter war als sonst. Meist hatte ich jemanden gesehen der mir gefiel und ihn dann für mich gewonnen, mit ihm Spaß gehabt… und fast immer irgendwann das Interesse verloren. Bei Alfred scheiterte es allein schon daran, dass ich ihn einfach nicht für mich gewinnen konnte. Nichts war wie sonst, jeder Schritt wollte überlegt sein, damit der Kleine mir nicht davonlief. Jede noch so banale Kleinigkeit erschien schrecklich diffizil und bereitete mir bei längerem Nachdenken Kopfschmerzen.

Er gehörte zu jenen komplexen Wesen, die nicht erobert werden wollten, sondern erst von ihrer Liebe überzeugt werden mussten.

Schwere Wolken waren aufgezogen und hatten den Himmel in ein melancholisch stimmendes Mauve getaucht. Ein leichter Wind kam auf. Es würde doch wohl nicht auch noch anfangen zu regnen? Wenig später war von der Sonne nichts mehr zu sehen. Nicht ein einziger Lichtschimmer. Der Himmel war schwarz wie jede Nacht, nur dass man heute nicht mal die Sterne sehen konnte… Kein Mond, der mit seinem kalten, fahlen Licht die Nacht aufhellte… Nichts… Nur ein leises Heulen des Windes, der zwischen Schlossmauern und Turmspitzen hindurch bließ.

Meine Kehle schnürte sich zusammen – wieder musste ich husten. Das ging nun schon den halben Tag so… Ständig dieses lästige Kratzen im Hals, das einen kein Auge zutun ließ. Langsam musste es Zeit zum Aufstehen sein und da ich ohnehin nicht mehr einschlafen würde, konnte ich ebenso gut in die Küche gehen, um mir einen heißen Tee zu machen.

Kaum glaubte man sich einmal allein im Schloss, weil die Anderen so kurz nach Sonnenuntergang für gewöhnlich noch schliefen, wurde man eines besseren belehrt.

„Alfred?“ Seit wann stand Herbert freiwillig so früh auf?

„ALFRED, komm doch mal her zu mir…“ Und was suchte er dann auch noch draußen auf der Terrasse? Vor allem, was sollte ich dort? Musste ich wohl mal nachsehen, bevor er noch das halbe Schloss aufweckte…

„Guten Abend, Chéri!“, flötete er mir entgegen. Um diese Uhrzeit schon so gute Laune?

„Jetzt setz dich doch.“, forderte er mich auf, platz zu nehmen, „…Muss ja auch nicht direkt neben mir sein, wenn du nicht willst.“, fügte er etwas leiser hinzu. Doch ich wollte mich hier nicht länger aufhalten, als unbedingt notwendig – es war schaurigkalt!

Ohne mich zu setzen antwortete ich, „Herbert, es ist viel zu kalt, um draußen zu sitzen! Du solltest auch lieber rein kommen, du verkühlst dich noch…“.

„Also mir ist nicht kalt hier! Und außerdem tut die frische Luft so gut.“, versuchte er mich zum Bleiben zu überreden.

„Jetzt komm endlich wieder mit rein! Ich frier hier sonst noch fest!“

„…Ist ja gut, ich komm ja rein…“

Ich hätte Herbert wohl besser nicht so angeschrieen, das war nicht sehr nett von mir. Sogleich wurde ich mit einem heftigen Hustenanfall bestraft… Er war doch so sensible, was das anging. Ständig musste man aufpassen, was man sagte oder tat. Und ich schaffte es selbstverständlich immer wieder, genau das Falsche zu machen.

Ich spürte Herberts Hand auf meiner Schulter, „Geht es dir nicht gut?“.

Langsam hatte ich meine Atmung wieder unter Kontrolle, „Danke, geht schon…“.

„Du hörst dich aber ziemlich heiser an.“, erwiderte er mit einem mehr als skeptischen Blick.

;#8222;Ich hab nur ein bisschen Halsschmerzen, weiter nichts.“, beruhigte ich ihn. Doch diese Aussage meinerseits bewirkte das genaue Gegenteil der erhofften Reaktion bei Herbert.

„Sag doch, dass du dich nicht wohl fühlst.“, eilig schob er mich wieder zurück auf den Korridor und schloss die Außentür hinter sich. Einen Arm um mich gelegt, ging er mit mir einige Schritte bis wir an der nächsten Kreuzung zweier Korridore ankamen.

„So, du gehst jetzt ins Kaminzimmer, setzt dich vors Feuer und machst es dir bequem! Ich bin gleich wieder bei dir!“, mit diesen Worten verschwand er in die andere Richtung.

Hätte ich bloß nichts gesagt! Herbert sollte doch nicht so viel rumlaufen. Aber wenn ich sowieso schon mal auf dem Weg war, konnte ich mich auch ins Kaminzimmer setzen.

Kaum dort angekommen, stand auch schon Koukol hinter mir, in den Händen ein Tablett mit heißem Tee. Beinahe hätte ich mich zu Tode erschreckt! …Wie konnte man Koukol bloß überhören?

Jedenfalls kam ich so doch noch zu meiner ersehnten Tasse Tee…

„Der hier dürfte genau richtig für dich sein!“, rief Herbert, der soeben zu Tür hereingekommen war, freudestrahlend. Fragend sah ich auf.

„Oh, Koukol war mit dem Tee schon hier… Stell doch mal deine Tasse weg.“, bat er. Was sollte das werden? Eifrig begann er, mir einen dicken Strickschal in seiner vollen Länge zu präsentieren, ehe er sich zu mir setzte.

„Und jetzt dreh dich mal etwas zu mir rüber.“ Ich tat wie mir geheißen, ohne weiter nachzufragen. Fürsorglich begann er, mir den Schal mit größter Sorgfalt um den Hals zu wickeln. Meine Güte, wie lang war dieser Schal denn noch? Das nahm ja gar kein Ende mehr…

„Schon fertig!“ Na das ging aber schnell…

„Und? Der ist schön weich, oder?“, strahlte Herbert. Angenehm weich war der Schal durchaus… Ich nickte, soweit mir das noch möglich war.

„Das ist mein Lieblingsschal…“, lächelte er, „Der ist so dick, der wärmt ganz toll.“. …Und bei Halsschmerzen hilft bekanntlich nichts besser als ein wärmender Schal.

Wenigstens hatte Herbert jetzt einen Grund endlich mal sitzen zu bleiben, wenn er mir Gesellschaft leistete.

Das Kaminfeuer war fast ebenso romantisch wie ein Sonnenuntergang. Jedenfalls, wenn man neben Alfred auf dem Sofa sitzen durfte. Ja – durfte – denn gerade mir war dieses Privileg bei Weitem nicht immer gestattet, wie ich des Öfteren feststellen musste. Aber das war jetzt vergessen… Es war fast schon niedlich, wie er dasaß – einen extralangen Schal um den Hals geschlungen, in die Ecke des Sofas gekauert – und sich schnäuzte.

Irgendwie schien er mit der momentanen Situation allerdings nicht halb so glücklich wie ich… Und sein Husten hörte sich auch alles andere als gesund an!

„Chéri, das hört sich wirklich nicht gut an…“, bemerkte ich mit sorgenvollem Blick.

Heiser wie er war, versuchte Alfred mich zu beruhigen, „Mach dir keine Sorgen, das ist nur einen leichte Erkältung…“.

„Du solltest dich trotzdem lieber ins Bett legen.“, beharrte ich. Diese Holzkiste von Sarg war mit Sicherheit das Letzte, was mein armer Schatz jetzt brauchte.

„Hier fühl ich mich auch ganz wohl.“ Na wenigstens das…

Wo blieben eigentlich mein Vater und Sarah? Die beiden hatte ich heute Nacht noch überhaupt nicht zu Gesicht bekommen. Konnte es sein, dass sie um kurz vor Mitternacht immer noch schliefen? Aufstehen, um nachzusehen wollte ich jedoch nicht. Ich wollte bei meinem Alfie bleiben. Ihn konnte ich doch so nicht allein lassen. Aber Koukol würde wissen, ob sie schon aufgestanden waren!

„Koukol!“ Wo steckte der denn wieder? „KOUKOL!“ Plötzlich spürte ich Alfreds Hand auf meinem Arm.

„Bitte ruf nicht mehr nach ihm, der wird schon kommen…“

„Ich will aber, dass er jetzt her kommt und nicht später… KOUKOL!!!“

Alfreds Hand umschloss meinen Arm etwas fester, „Herbert, bitte… Mir tut der Kopf weh.“.

„Entschuldige.“ Hätte ich das gewusst, wäre ich doch gleich still gewesen! Der Kleine gehörte wirklich ins Bett. Seine sonst so leuchtenden Augen waren ganz glasig. Besorgt legte ich meine Hand an seine Stirn… Hmm, ein bisschen heiß fühlte sie sich schon an. Aber vor allem: Er ließ es kommentarlos geschehen?

„Kann es sein, dass du Fieber hast?“

„Ich glaube nicht…“

„Aber du bist ganz heiß.“

„Das muss an dir liegen. …Also ich meine… du… ähm… Du hast kalte Hände.“

Ah jaaa…

Wie auch immer. Ich nahm Alfreds Hände in meine, nur um festzustellen, dass diese eiskalt waren - noch viel kälter als meine. Völlig entgeistert sah dieser mich nun an, „Das… Ich habe bestimmt nur etwas erhöhte Temperatur.“, und entzog mir seine Hände wieder. Warum sträubte er sich bloß immer noch gegen meine Nähe?

„Frierst du?“, erkundigte ich mich.

Mir schien es, als überlegte er sich die Antwort sehr genau, bejahte meine Frage aber dennoch. Dieser Anblick… Ich wollte den Süßen einfach nur in die Arme schließen und nie wieder loslassen – wenn er doch fror. Leise seufzte ich, „Alfie, so ungern ich das auch sage, aber ich fürchte du bekommst eine Grippe…“. Daraufhin sah er mich nur resignierend an.

Was gab es schöneres als mit meinem Sternkind im Arm aufzuwachen, nachdem man endlich einmal wieder seit langer Zeit ausgeschlafen hatte? Nicht mal Herbert oder Koukol waren zu hören, obwohl es nicht mehr so ganz früh am Abend sein konnte. Mit Sarah verging die Zeit wie im Fluge – da war eine Ewigkeit gleich nur noch halb so lang. Und so hatten wir den Ball in der gestrigen Nacht erst sehr spät verlassen; der Morgen graute bereits.

Doch nun war es an der Zeit, aufzustehen. Noch eine Weile mit Sarah im Sarg verbringen, hatte aber auch etwas für sich…

„Schaaatz?“ Sarah war also auch schon aufgewacht.

„Ja, Liebling?“

„Ich hab Hunger.“ War da etwa wieder dieses undefinierbare Funkeln in ihren Augen?

„Was hältst du davon, wenn wir kurz rauf gehen, um uns zu stärken, und dann hierher zurückkehren…?“, schlug ich mit meinem üblich charmanten Lächeln auf den Lippen vor. Sarah nickte nur und war bereits dabei, aus dem Sarg zu steigen.

Koukol konnte uns ja eine Kleinigkeit zubereiten, damit wir schnell wieder in der Gruft für uns sein konnten – um dort weiter zu machen, wo wir gestern Nacht aufgehört hatten…

Ein flüchtiger Blick auf meine Taschenuhr bestätigte meine Vermutung; es war bereits nach Mitternacht. Wo waren überhaupt mein Sohn und Alfred? Ihre Särge waren bereits geöffnet. Sicher waren sie noch irgendwo hier im Schloss, denn Herbert würde es ganz sicher nicht wagen, sich schon wieder auf irgendeinen Ausflug zu begeben…!

„Ah, Koukol! Hast du meinen Sohn gesehen?“ Wenn die beiden schon aufgestanden waren, hatten sie sicherlich auch gefrühstückt.

Aus Koukols Antwort entnahm ich, dass er meinem Sohn bereits Frühstück serviert und somit die beiden gesehen hatte. Jedenfalls ging ich davon aus, dass da wo Herbert war, auch Alfred nicht weit sein konnte.

Gerade gingen wir den Korridor entlang, als… „Ha – ha – HAAATSCHHII!“ …jemand nieste.

„Was war das?“, fragte Sarah erschrocken.

„Ich denke, da hat soeben jemand geniest.“, antwortete ich trocken, „Aber wenn es dich beruhigt, können wir gerne nachsehen, wer das war.“.

Schon öffnete Sarah die Tür, hinter der sie diesen Jemand zu hören geglaubt hatte. Wir traten ein und – „Paps! Gut, dass du da bist. Alfred ist krank!“, wurden von Herbert begrüßt.

„Guten Abend, Herbert.“

Neben ihm saß ein kleines, blond gelocktes Etwas, das sich gerade hinter einem Taschentuch verschanzte. Damit wäre auch geklärt, wer vorhin so laut geniest hatte.

Herbert war wohl meinem Blick gefolgt, „Es geht ihm wirklicht nicht gut.“.

„So schlimm wird es schon nicht sein.“, tat ich die Sache ab. Eigentlich wollten wir nur eine Kleinigkeit essen und dann gleich wieder verschwinden.

„Aber er hat Fieber!“, warf Herbert beunruhigt ein.

„Na dann soll er sich wieder hinlegen.“

Denn das würden Sarah und ich auch gleich tun… Wenn sie nicht gerade zu Alfred gehen würde. Mitfühlend strich sie ihm durchs Haar, „Herbert hat Recht, er hat Fieber.“. Und daran würden wir auch nichts ändern können.

„Das wird ihn schon nicht umbringen. Aber jetzt lass uns gehen, Koukol hat bestimmt schon aufgedeckt.“, versuchte ich Sarah zum Gehen zu bewegen. Offenbar erfolgreich – denn sie warf mir schon wieder so ein verschmitztes Lächeln zu…

Sarah und der Graf hatten den Raum kaum verlassen, da zog Herbert mich auch schon mit sich. Er meinte, ich gehörte ins Bett und da würde er mich nun auch hin bringen. Eigentlich war mir das sogar lieber als mein Sarg. Der war nämlich nicht nur unbequem, sondern bot auch keinerlei Schutz vor der Kälte.

„Hier, zieh den an.“, Herbert drückte mir einen hellblauen Flanell-Pyjama in die Hände, „Und dann ab ins Bett mit dir!“. Regungslos stand ich da und sah ihn an. Wie jetzt? ICH sollte einen von SEINEN Schlafanzügen tragen?

„Ach ja… Du kannst dich da hinter dem Paravent umziehen.“, er deutete in eine Ecke des Zimmers. Wäre ich nicht zu erschöpft für Widerworte – und hätte noch Stimme – würde ich mich weigern… Doch ich tat wie mir geheißen und begab mich hinter den Paravent. Ging ich einfach mal davon aus, Herbert besaß so viel Anstand, nicht über die Trennwand zu spähen.

…Und eigentlich war dieser Flanellstoff warm und sehr angenehm auf der Haut…

Mir war kalt, deshalb wollte ich nur noch so schnell wie möglich ins Bett. Gerade war ich fertig umgezogen, hatte mir meine Kleidung über dem Arm gelegt und war wieder hinter dem Paravent hervorgetreten, da nahm Herbert mir meine Sachen auch schon ab. Zielsicher schob er mich zu einem großen Himmelbett, auf dem neben mehreren riesigen Kissen auch ein dickes Daunenbettdeck lag. Neben dem Bett stand auf beiden Seiten ein kleiner Nachtisch aus filigran geschnitztem dunklem Holz. Dieses Zimmer war so schön eingerichtet…

Herbert zog die Decke ein Stück zurück, damit ich ins Bett steigen konnte, „Ich hoffe, du fühlst dich wohl in meinem Bett…“, und deckte mich dann bis zum Hals zu. Jetzt befand ich mich wahrhaftig dort, wo ich nie sein wollte – in Herberts Bett!

Angesichts der Tatsache, dass diese ganzen Kissen wunderbar weich waren, sodass ich fast darin versank und ich sehr müde war, machte mir das jedoch nur wenig aus. Solange Herbert nicht auf dumme Gedanken kam…

Oh, diese verdammte Grippe – ich hatte solche Kopfschmerzen; das ständige Husten machte es auch nicht gerade besser.

„Versuch zu schlafen…“, sanft strich Herbert mir ein paar Haare aus der Stirn, „Du musst dich ausruhen.“. Ich war immer noch der Meinung, er hatte kalte Hände.

Hoffentlich machte er sich nicht allzu viele Sorgen. So schlimm war eine Grippe nun auch wieder nicht. Außerdem war es nicht gut für ihn, wenn er ständig auf den Beinen war und irgendwas erledigen wollte. Völlig in Ordnung war sein Knöchel sicher noch nicht – auch wenn er gern etwas Anderes behauptete.

Zu meiner Erleichterung entschloss Herbert sich, auf dem Sessel direkt neben dem Bett, gegenüber des großen Fensters platz zu nehmen, „Ich werde natürlich bei dir bleiben.“.

Wenigstens war ich nicht alleine…

Von wegen Graf Breda von Krolock mag es nicht, gefüttert zu werden… Dafür ließ er es sich aber äußerst entspannt gefallen, wie ich ihn mit Weintrauben fütterte. Manchmal konnte er ein richtiger kleiner Chauvinist sein. Ich kicherte. Egal wie er sich gab – er war einfach liebenswert. Mein Breda eben. Er hatte von allem etwas, war vielseitig, männlich, eine ausgeprägte Persönlichkeit – nicht so schüchtern und unsicher wie Alfred.

Von einem Mann erwartete ich einfach mehr, als dass er nur süß aussah. Und Breda wusste mit Trauben nun mal mehr anzufangen, als sie zu essen oder eventuell vielleicht sogar Wein daraus zu machen…

Wie es Alfred wohl ging? Auch wenn es nur eine Erkältung war… Bei Fieber wurde die Sache langsam ernst. Konnte man ihn da mit Herbert allein lassen? Immerhin hatte Herbert unter Garantie keine Ahnung, was er zu tun hätte. Wahrscheinlich würde er es ausnutzen, dass Alfred seinen Annäherungsversuchen noch weniger entgegenzusetzen hatte als sonst.

„Schatz?“ Ach, Breda war doch noch wach…

„Was denn?“

„Kann es sein, dass du in Gedanken schon wieder wo ganz anders bist?“

„Hast du es denn schon wieder dazu kommen lassen?“ Das sollte genügen…

Er drückte mir einen leidenschaftlichen Kuss auf die Lippen, „Es wird nie wieder vorkommen.“. Ja ja, das sagen sie alle.

Man konnte Herbert ja nicht mal sich selbst überlassen, ohne dass ihm etwas passierte. Wie konnte man da zulassen, dass er die Verantwortung für Alfred bekam? Das konnte ich Alfred nicht antun.

„Breda?“

„Hmm…?“ Natürlich war er nicht wieder eingedöst…

„Wo hat Herbert Alfred hingebracht, sollten die beiden nicht mehr im Kaminzimmer sein?“

„…Wahrscheinlich in sein Zimmer…“

„Ich bin gleich wieder da.“

„Wieso willst du das wissen? Was hast du vor?“ Wenn ich im Begriff war, zu gehen, war er auf einmal wieder hellwach. Männer.

„Ich werde Alfred nicht deinem Sohn überlassen!“

„Was soll das heißen?!“

Zügigen Schrittes verließ ich meinen Liebsten ohne eine nähere Erklärung. Selbstverständlich war die Uneindeutigkeit meiner letzten Bemerkung beabsichtigt. Ich war mehr als nur ein Vorzeigefrauchen, über das man nach Belieben verfügen konnte, um es danach nicht weiter zu beachten!

Manchmal brauchte Breda so was anscheinend. Alfred hatte sicher nichts dagegen, wenn ich ihm einen Tee brachte. Herbert war mit solchen Aufgaben sicher schon überfordert – aber das wäre ja auch zu viel verlangt. Und so hatte ich all die Rezepte für Hausmittelchen nicht ganz umsonst lernen müssen. Ein paar Minuten Wartezeit würden Breda zum Nachdenken wohl ausreichen.

Da hatte es meinen kleinen Engel aber wirklich voll erwischt. Nicht nur, dass er total erkältet war und Fieber hatte, der Husten hielt ihn auch vom Schlafen ab. Dabei brauchte er doch gerade jetzt so dringend Ruhe.

Bis über die Ohren war er unter der Bettdecke verschwunden und hatte sich zusammengerollt. Eigentlich war von ihm nicht mehr zu sehen als ein blonder Lockenschopf, der gelegentlich durch ein raues Husten erschüttert wurde. Wenn ich ihm doch nur irgendwie helfen könnte…

Plötzlich klopfte es an der Tür. Wer konnte das sein? „Ja, bitte.“ Sarah… Die hatte mir gerade noch gefehlt. „Was willst du denn hier? Solltest du nicht mit meinem Vater beschäftigt sein?“

„Wie geht es Alfred?“, flüsterte sie.

„Beschissen. Wie sollte es ihm auch gehen?“ Was für eine blöde Frage.

„Nicht so laut, du weckst ihn noch!“, zischte sie.

„Er kann sowieso nicht schlafen…“, ich warf einen sorgenvollen Blick zu ihm rüber.

„Schon mal darüber nachgedacht, dass er vielleicht Kopfschmerzen haben könnte und dir darum trotzdem dankbar wäre, wenn du etwas leiser wärst?!“ Musste diese Frau auch noch Recht haben?! Schuldbewusst sah ich zu Boden.

„Könntest du mir dann bitte mal das Tablett abnehmen, anstatt nur dort rumzusitzen? Das ist nämlich schwer.“ Alfred zu Liebe tat ich, wozu Sarah mich aufforderte, ohne mit ihr zu diskutieren und stellte das Tablett auf dem Nachtisch ab. Puh, was stank denn da so? War das etwa dieses Gebräu in der Teekanne?

Sarah hatte sich zu ihm auf die Bettkante gesetzt, „Alfred? Bist du wach?“, und tatsächlich rührte sich was zwischen all den Kissen.

„Sarah.“, war ein heiseres Flüstern zu vernehmen.

„Ich hab dir Tee gemacht. Der ist gut bei Erkältung und hilft gegen den Husten.“, sie schenkte eine Tasse der übel riechenden Mixtur ein und reichte sie ihm herüber. Allein vom Geruch wurde mir schlecht. Ich wollte gar nicht wissen, was da alles drin war! Wie in aller Welt konnte man von jemandem erwarten, so etwas zu trinken?

…Es musste dem Kleinen ja wirklich dreckig gehen – kommentarlos trank er den gesamten Inhalt der Tasse in einem Zug aus ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Mir schauderte.

„Herbert.“, Sarah sah mich eindringlich an, „Sorg dafür, dass er den Rest des Tees in der nächsten Stunde trink. Er braucht viel Flüssigkeit. Außerdem solltest du darauf achten, dass sein Fieber nicht noch weiter ansteigt…“. Ich nickte. Warum kam ich mir auf einmal so ungebildet vor?

„Und ansonsten lässt du ihn in Ruhe, verstanden?“ Wieder nickte ich. Was wollte sie von mir?

„Er muss schlafen.“

„Ja, ich hab’s verstanden!“, raunte ich genervt. Sie hielt mich wohl für völlig begriffsstutzig. „Dann solltest du jetzt aber auch wieder gehen.“ Sie war schon lange genug hier. Als ob ich mich nicht selber um Alfred kümmern konnte.

Eine gute Stunde später war die Teekanne leer, ich todmüde und Alfred musste mal. Ganz toll. In der Zwischenzeit hatte Alfred zwar immer noch kein Auge zugetan, aber der Husten schien langsam nachzulassen. Etwas Gutes hatte Sarahs stinkendes Zeug also doch.

Ihm war anzusehen, dass er mindestens genauso müde war wie ich. Glücklicherweise befand sich das Bad direkt nebenan und war durch eine Seitentür schnell erreichbar. Auf dem Weg dorthin musste ich den Süßen sogar stützen, weil ihm schwindelig war – wohl vom Fieber – aber er wollte auf keinen Fall, dass ich ihn trage… Seufzend akzeptierte ich seine Bitte.

Während Alfred im Bad war, machte ich mich daran, Kissen und Decke aufzuschütteln. Draußen hatte es angefangen zu Regnen, dicke Tropfen prasselten gegen die Fensterscheiben und der Himmel verfinsterte sich zusehends. Es war tiefschwarze Nacht. Wenn mich nicht alles täuschte, zog da ein heftiger Sturm auf…

Noch nicht ganz sitzend hörte ich eine Tür klappen. Ich sprang reflexartig vom Sessel auf – da taumelte mir mein Alfie auch schon entgegen. Der blaue Pyjama stand ihm wirklich gut, er sah so niedlich damit aus… Hose und Hemd waren ihm ein Wenig zu lang, doch dessen ungeachtet fühlte Alfred sich offenbar wohl darin.

Auf dem direkten Weg brachte ich ihn ins Bett, wo er sich sogleich in die Kissen sinken ließ. Er sah mich dankbar an und zwang sich zu lächeln. Seine wunderschönen Augen waren glasig, sein hübsches Gesicht weiß wie Schnee. Man sah ihm an, dass ihm eigentlich überhaupt nicht nach einem Lächeln zumute war.

„Mein armer Schatz…“, prüfend legte ich meine Hand auf seine Stirn… Sie war ziemlich warm, um nicht zu sagen heiß.

Kurz darauf waren ihm auch schon die Augen zugefallen. Endlich bekam er seinen so wichtigen Schlaf. Gerade wollte ich aufstehen und mich rüber auf den Sessel setzten, als Alfred sich auf die Seite drehte. Ihn jetzt bloß nicht wecken… Vorsichtig zog ich ihm die Bettdecke wieder über die Schultern. Langsam stand ich auf…

„Bleib…“, hauchte er plötzlich und streckte seine Hand nach mir aus. Für einen Augenblick stand ich völlig perplex neben dem Bett – ergriff dann aber seine Hand, „Keine Angst, ich lass dich nicht alleine.“, und setzte mich wieder zu ihm.

Ja, Alfred hatte sich erkältet. Das hatte ich inzwischen mitbekommen. Und Sarah würde daran auch nichts ändern, wenn sie es noch zehn Mal erwähnte… Warum war das für sie nur so schlimm? Daran sterben würde er schon nicht.

Dann musste sie dem armen Jungen ja unbedingt noch einen Tee bringen… Dieser arme Junge war erwachsen! Als ob sich erwachsene Männer zu kleinen Kindern zurückentwickelten, bloß weil sie mal krank waren.

„Vielleicht sollte ich lieber bei ihm bleiben. Er sah wirklich nicht gut aus…“ Soweit kam es noch! Erst brachte diese Frau einen fast um den Versand und dann wollte sie so einfach verschwinden?!

„Mach dir um Alfred mal keine Sorgen. Der wird schon wieder. Er ist doch ein kräftiger junger Mann.“, wollte ich Sarah endlich davon überzeugen, dass ich wichtiger war und sie auf keinen Fall den Tag bei Alfred verbringen sollte.

„Aber ich glaube, er hat hohes Fieber…“ Frauen übertrieben so gern…

„Herbert wird sich schon um ihn kümmern, wenn es wirklich so sein sollte.“ …denn auch er hatte in dieser Hinsicht eindeutig weibliche Gene. Und so würde er uns auch nicht stören.

„Ich glaube nicht, dass Herbert…-“

„…das hinbekommt? Ich bin mir da auch nicht ganz sicher. Aber es wird Zeit, dass er lernt, Verantwortung zu übernehmen.“, fiel ich ihr ins Wort. Damit dürfte ich ihr den Wind aus den Segeln genommen haben. Zugegeben, das ist nicht die feine englische Art, aber ungewöhnliche Situationen erfordern nun mal ungewöhnliche Maßnahmen.

Außerdem wurde es wirklich langsam Zeit, dass mein Sohn Verantwortung übernahm – nicht nur für sich sondern auch mal für andere. Zudem er, Besitz ergreifend, wie Herbert einmal war, Alfred ohnehin als sein persönliches Eigentum ansah.

Diese Eigenschaft hatte er wiederum eindeutig von mir.

„Du kennst ihn länger als ich – wenn du meinst…“ Meine Argumente waren einfach überzeugend.

„Gut, dann lass uns doch jetzt schlafen gehen. Es ist schon spät und ich bin müde. Du nicht auch?“ Auf zur nächsten Runde. …Daran würde uns auch Alfred nicht hindern können. Innerlich lachte ich auf; wie ich das jedes Mal wieder hinbekam – genial.

Es musste schon in den frühen Morgenstunden sein, als ich aus einer Art Dämmerschlaf erwachte. Neben mir auf der Bettkante saß Herbert, der immer noch meine Hand hielt. Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal so froh und erleichtert sein würde, weil er in meiner Nähe war. Ich wollte seine Anwesenheit um nichts missen. Im Zimmer war es fast dunkel, nur das Feuer im kleinen Kachelofen neben der Tür und das trübe Licht einer kunstvollen Lampe auf dem Nachttisch erhellten die Finsternis.

Herbert sah müde aus. Er machte jedoch keine Anstalten zu gehen, wofür ich ihm sehr dankbar war. Ich fror nicht mehr, dafür war mir jetzt heiß – es schien sogar immer wärmer zu werden. Ich wollte die Daunendecke zurückwerfen, um mir so etwas Kühlung zu verschaffen… Doch Herbert deckte mich fast augenblicklich wieder zu. Er meinte es nur gut… Meine Sinne waren wie vernebelt. Irgendwas sagte er zu mir, aber ich verstand nicht was – ich war zu erschöpft.

Die Hitze stieg erneut in mir auf. Ich vernahm ein immer lauter werdendes Rauschen; Stimmen, die zu einem fürchterlichen Lachen wurden. Plötzlich hatte ich Angst. Angst vor nichts gegenständlichem, einfach nur ein intensives Gefühl von Angst. Dem Unbekannten schutzlos ausgeliefert…

Herbert war noch immer bei mir, was mich aber keines Falls beruhigte. Mir wurde schwindelig, ich verlor jede Orientierung. Alles, was ich wahrnahm war die Finsternis des Raumes. Sie schien uns förmlich zu überragen. Es war wie ein alles verschlingendes Dunkel, welches unaufhörlich empor quoll.

Auf einmal tauchte wie aus dem Nichts ein blendendes Licht auf, durchbrach die Dunkelheit. Helles Licht. So hell, dass ich nichts mehr sehen konnte.

Allein. Einsamkeit. Mitten im Wald.

Ein gigantischer, düsterer, urzeitlicher Wald. Mächtige Bäume – kahle Bäume. Es war Winter. Ein eisiger Wind fegte zwischen den riesigen Stämmen hindurch. Doch ich fror nicht. Angenehm frisch legten sich die schweren Schneeflocken auf Gesicht und Hände. Wie ein leichtes Prickeln auf der Haut. Denn die Sonnenstrahlen schmolzen den Schnee, wärmten mich auf. Der Himmel war strahlend blau, die Luft trocken, fast stickig. Unerträglich heiß, die Sonne brannte gnadenlos. Glühender Wüstensand unter meinen Füßen. Stundenlang lief ich durch ein Meer von Sand und Steinen, Dünen rauf und wieder runter, nicht das kleinste Fleckchen Schatten zu finden. Ich war durstig. Brütende Hitze. Doch ich musste weiter… Ich fiel zu Boden, glaubte ohnmächtig zu werden. Ein gleißendes Licht direkt über mir – weiß.

Weiße Wolken am Himmel. Eine sah aus wie ein Schäfchen, eine andere wie ein Hase. Nur ungern erhob ich mich von der saftigen Blumenwiese und streifte mir das nasse Gras von der Kleidung. Nur keine Müdigkeit vorschützen. Zielstrebig folgte ich dem Professor in den Wald. Was auch immer wir diesmal suchten, wir würden es finden.

Erst als sich der Tag dem Ende zuneigte bemerkte ich, dass ich den Professor schon wieder mal verloren hatte. Musste ich ihn also suchen gehen. Aber wo konnte er sein? Er war einfach nicht mehr zu finden! Und wo war ich hier überhaupt? Ich hatte mich verlaufen… in diesem großen, finsteren Wald… irgendwo in Transsilvanien. Wie sollte ich hier bloß wieder wegkommen? Alleine würde ich nie wieder zurückfinden… Niedergeschlagen hockte ich mich auf einen Stein. Warum musste auch immer mir so etwas passieren? Musste es denn unbedingt jetzt anfangen zu schneien? Ich schlang die Arme um meinen Körper, es war bitter kalt hier. Wie der Winter in den Karpaten eben war – gnadenlos. In der Ferne hörte ich die Wölfe heulen. Doch so fern konnten sie gar nicht sein, das Heulen wurde allmählich lauter. Ich rannte, immer schneller. Sie schienen mich einzuholen. Ihr Geheul war unmittelbar hinter mir. Ich rannte weiter, so weit meine Beine mich tragen würden. Plötzlich stolperte ich – fiel hin. Diese Wölfe hatten mich umzingelt. Gefährliches Knurren und lautes Gebell um mich herum. Aus dem Dunkeln sahen mich unzählige bedrohlich leuchtende Augenpaare an. Völlig wehrlos saß ich auf dem gefrorenen Boden im Schnee. Sie waren überall! Nur keine falsche Bewegung machen… Doch zu spät, der erste Wolf stürzte aus dem Unterholz auf mich zu. Weitere folgten. Ich war verloren…!