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VII. Kapitel

Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Vampire zur Paarungszeit

von Blonder Vampir Wer war eigentlich auf die Idee gekommen, so früh aufzubrechen?! Die Sonne war noch nicht einmal ganz untergegangen und man konnte noch einen hellen Schein am Horizont sehen.

Noch leicht verschlafen trank ich meinen Kaffee. Richard und der Graf hatten schon damit begonnen, die letzten Teile ihrer Ausrüstung zusammenzutragen, während Sarah und Marie noch mit mir am Tisch saßen und ebenfalls Kaffe tranken. Nur Herbert war schon ungewöhnlich wach für diese Uhrzeit. Er lief pausenlos durchs Schloss, um alle paar Minuten zu fragen, wann es endlich losging. Außer Marie waren alle sichtlich genervt von Herberts pausenlosem Gequengel und Rumgehüpfe. Marie hatte wahrscheinlich schon zu viel Erfahrung mit ihrem Enkel, als dass es sie hätte wirklich aufregen können – ganz im Gegenteil zu Richard, der sich bereits zum wiederholten Male vernehmlich über Herberts ungebührliches Betragen äußerte.

Kurze Zeit später hatten wir unseren Kaffe ausgetrunken und Herbert seinen Willen; wir machten uns auf den Weg. Bevor wir jedoch den Schlossplatz verließen, ergriff Richard noch einmal das Wort.

„Ich gehe der Annahme, jeder der hier Anwesenden hat seine vollständige Ausrüstung bei sich, die er für diese Exkursion benötigt?! …Des Weiteren schlage ich vor, wir bilden Zweierreihen, da die Wege stellenweise recht schmal sind und so auch keiner verloren gehen kann. Ich werde mit Marie gehen!“

Nur mit Mühe und unter höchster Konzentration konnte ich Richards Ansage verstehen, da Herbert – welcher natürlich rein zufällig mal wieder direkt neben mir stand – vor Aufregung auf der Stelle hüpfte und irgendetwas völlig unverständliches quiekte.

„Nun gut, sei dem so. Ich werde mit Sarah gehen!“, warf der Graf ein, bevor wir endgültig die Wanderung antraten. Moment mal, hieß das etwas? …Oh, nein… Und schon wurde ich von Herbert am Arm weggezerrt.

„Bist du auch schon so gespannt wie ich, Alfi?!“, jauchzte Herbert mir ins Ohr.

„Ähm, ja. Ist ganz toll. Aber könntest du mich bitte trotzdem wieder loslassen? Ich kann alleine laufen.“, versuchte ich ihn abzuschütteln.

„Aber Richard hat gesagt, wir sollen in Zweierreihen gehen!“, erwiderte er.

Das war wohl das erste und einzige Mal, dass Herbert erfreut war über eine Anweisung Richards. Wie es aussah blieb mir wirklich nichts anderes über, als den Rest der Nacht an Herberts Seite zu verbringen… Aber nicht SO! „Herbert, bitte! Wir können ja gern nebeneinander laufen, aber dann doch bitte mit einem angemessenen Abstand zueinander!“, fuhr ich ihn nun schon etwas genervter an.

„Also ICH finde diesen Abstand durchaus angemessen!“, grinste Herbert.

„Aber ICH nicht! Und ich denke auch nicht, dass man noch von ABSTAND sprechen kann!“, entgegnete ich wobei ich mich von ihm losriss. Das fing ja gut an. Bei meinem Talent würde er jetzt die ganze Nacht schmollen und mir mein untotes Leben zur Hölle machen.

Doch überraschender Weise schmollte er nicht – und er brach auch nicht in Tränen aus. Kein Streit, keine Diskussionen. Er ging einfach nur auf seinen Vater zu, der mit Sarah vor uns ging. Richard und Marie gingen ganz am Anfang der Gruppe.

Auch gut, ging ich eben allein. Schließlich war es Herbert, der so viel von diesen Zweierreihen hielt. Jetzt tippte er dem Grafen von hinten auf die Schulter, welcher sich auch sofort umdrehte. Anscheinend wollte Herbert ihm etwas vorschlagen, doch es schien nicht gerade auf Zustimmung zu treffen. Ein müdes Lachen war zu vernehmen und mit einer abwertenden Handbewegung des Grafen und einem giftigen Blick Sarahs wurde Herbert zurück auf seinen Platzt in der Reihe verwiesen. Sichtlich enttäuscht ließ er sich wieder zurückfallen, bis er abermals neben mir ging.

„Tut mir leid, Alfred. Mein Vater ist nicht bereit, Sarah an meiner Stelle mit dir gehen zu lassen.“, berichtete Herbert, versucht dabei zu lächeln, „Du wirst demnach mit mir vorlieb nehmen müssen.“ Das war es also, worum er seinen Vater gebeten hatte.

Was sollte ich jetzt davon halten? War Herbert doch eingeschnappt?! Vor allem hätte ich vielleicht lieber etwas erwidern sollen, statt das ganze so im Raum stehen zu lassen…? Welcher Raum eigentlich?!

Wie kam mein Sohn nur immer auf so absurde Ideen? Sarah und Alfred… Und ich sollte mich dann die liebe lange Nacht mir ihm rumärgern? Niemals!

Es war doch viel schöner, zusammen mit Sarah die kühle Nachtluft zu genießen und dabei die einmalige Landschaft zu bewundern. Nur der Anblick meiner Geliebten, wenn ihr der Wind durch die braune Lockenpracht wehte, war noch schöner…

„He, Paps! Wo gehen wir eigentlich hin?!“, ertönte es von hinter uns. Mein Sohn hatte aber auch einen siebten Sinn dafür, mich im richtigen Moment aus den Gedanken zu reißen.

„Zur Fledermaushöhle – das weißt du doch.“, antwortete ich knapp.

„Nein, das wusste ich nicht…-„

„- Jetzt weißt du es!“

Wenn man dieser Fragerei nicht frühzeitig Einhalt gebot, konnte das ewig so weitergehen, wie ich aus leidvoller Erfahrung wusste.

„Wie weit ist es denn noch?“, wollte Herbert nun wissen.

Ich seufzte innerlich, „Wir sind doch gerade erst aufgebrochen.“.

„Ja, und wann sind wir da?“, fragte er jetzt beinahe im Tonfall eines kleinen Kindes.

„Das wird noch eine Weile dauern…!“, knurrte ich, in der Hoffnung er würde endlich aufhören dumme Fragen zu stellen.

Fehlanzeige – „Und wohin müssen wir jetzt?“, kam es von Herbert, noch bevor wir die Weggabelung erreicht hatten. So langsam reichte es mir, „Herbert, du gehst doch direkt neben Alfred. Frag ihn doch einfach! Er wird es wissen, immerhin war er dabei, als wir die Route ausgesucht haben…!“.

Funkstille. Endlich, er hatte Ruhe gegeben. Nichts zu hören außer Schritten und dem Rauschen des Windes in den Tannen. Entspannt legte ich einen Arm um Sarah, die sich sogleich an mich schmiegte. „Eine schöne Nacht heute…“, flüsterte sie, um die wohltuende Stille nicht zu stören. Ich nickte nur bestätigend und lächelte sie an.

Schon viel zu lange war ich nicht mehr aus dem Schloss gekommen, um mir der märchenhaften Natur bewusst zu werden. Es ging doch nichts über einen ausgedehnten Spaziergang mit der Liebsten im Arm… wenn sie mit ihrer Hand unter meinen Umhang fuhr. Wenn nur Richard nicht vor uns gehen würde…! Unmerklich verlangsamte ich meinen Schritt und der Abstand zu den anderen beiden vergrößerte sich allmählich. Als Sarah bemerkte, dass wir uns immer weiter von Vater und Mutter entfernten, sah sie mich zuerst fragend an, verstand dann aber, lächelte und gab mir einen leichten Kuss auf die Wange.

Wie hatte ich diese angenehm ruhige Gesellschaft in der letzten Zeit doch vermisst, immer war irgendetwas dazwischen gekommen… und für gewöhnlich in genau solchen Momenten… doch es geschah nichts – rein gar nichts. Außer, dass Sarahs Lippen zu meinen fanden und sich in einen leidenschaftlichen Kuss vertieften, den ich erwiderte.

Es kam mir vor, als wäre die Zeit stehen geblieben. Langsam beendeten wir widerwillig den Kuss und lösten uns etwas voneinander. Erstaunt bemerkte ich den doch beachtlichen Abstand, den wir nun schon zu dem vor uns gehenden Paar hatten. Wie ich Vater bisher kannte – und ich kannte ihn schon eine ganze Weile – hätte er sich postwendend eingemischt, hätte er Sarah und mich gesehen… Ein Grinsen huschte mir über das Gesicht. Wahrscheinlich hatte Mutter uns gesehen und meinen Vater schnell davon abgelenkt, damit wir ungestört waren. Manchmal konnte sie durchaus nett sein, wenn sie es nur wollte.

Trotzdem beeilten wir uns nun, damit der Rückstand nicht noch größer wurde – auch wenn es doch recht entspannend war, Vater außer Reichweite zu wissen…

Jetzt latschten wir schon eine halbe Ewigkeit nebeneinander her durch die Wildnis – ohne dass jemand auch nur ein Wort sagte.

Dabei wollte ich doch nur nett sein und etwas gute Laune verbreiten… und auf Alfred aufpassen, damit er nicht verloren ging! Mein kleiner süßer Alfred… Nur schade, dass er das offensichtlich anders sah. Nicht eines Blickes hatte er mich in der letzten Stunde gewürdigt, nur stur auf den Boden vor sich gesehen.

Wollte man ihm einen Gefallen tun, machte mein Vater natürlich wieder einen Strich durch die Rechnung. Obwohl ich nicht ernsthaft erwartet hatte, dass er freiwillig Sarah mit Alfred gehen ließ. Na ja, einen Versuch war er wert gewesen.

Noch immer herrschte Schweigen… Schritte… So konnte das nicht weiter gehen. Dafür war die Nacht noch zu lang – und der Weg wahrscheinlich noch viel zu weit.

Zögerlich wandte ich mich nach einigem Überlegen dann doch an meinen Weggefährten, „Du, Alfred?“.

„Was denn, Herbert?“, fragte er ohne vom Boden aufzusehen.

„Von was für einer Fledermaushöhle hat mein Vater vorhin eigentlich gesprochen?“, versuchte ich es weiter.

„Ach stimmt, dir hat davon sicher noch keiner was erzählt…“ Endlich sah er mich doch noch an… mit seinen großen runden Augen und den wunderschönen, langen Wimpern…

„Richard wollte sich mal so eine Höhle ansehen, in der es angeblich ganz seltene Fledermäuse gibt, weil er sich irgendwie dafür interessiert.“, unterbrach er meinen Gedankengang.

„Doch nicht dieses schreckliche Gewölbe, von dem er mir früher immer Schauermärchen erzählt hat?!“, fragte ich, mich an die gruseligen Geschichten erinnernd.

„Weiß nicht… So schlimm wird es schon nicht werden.“, war Alfreds Reaktion. Plötzlich begann er zu kichern, als er mich ansah.

„Was ist denn bitte so komisch, dass du jetzt kicherst?!“, bat ich leicht irritiert zu wissen.

„Du hast doch nicht etwa Angst, nur weil dir früher mal jemand Schauermärchen erzählt hat?!“, grinste Alfred.

„Ach, Quatsch! Ich hab doch keine Angst! …Ich finde lediglich die Atmosphäre an solchen Orten… nicht gerade einladend.“, versuchte ich mich aus der Affäre zu ziehen. Außerdem hatte Alfred doch wohl mindestens genau so viel Angst vor Fledermäusen, wie ich!

„Ja, ja…!“, murmelte er nur zur Antwort. War es denn die Möglichkeit, er machte sich doch wirklich über mich lustig!

„Was sollte das denn jetzt schon wieder heißen?!“, hakte ich nach.

„Ach nichts…“, kicherte Alfred.

„Und warum kicherst du dann schon wieder so blöd?!“, fragte ich leicht gereizt.

„Was denn?! Du hast damit angefangen… mit deiner Fledermaushöhle!“, lachte Alfred. Na klasse, da lachte er mich auch noch aus!

„Na wenn du keine Angst vor diesen Viechern hast, kannst du ja auch ganz allein in diese Grotte steigen!“, gab ich beleidigt zurück und sah ihn böse an, woraufhin Alfred vollends in Gelächter ausbrach.

So langsam wurde mir die Sache zu dumm… Ich machte mich doch hier nicht zu Clown! Was glaubte er, wen er vor sich hatte?! Ich war immer noch der Sohn des Grafen! Empört verschränkte ich die Arme vor der Brust, blieb stehen und sah beton in die andere Richtung.

„Jetzt komm schon, sei doch nicht gleich eingeschnappt!“, lachte Alfred immer noch.

Ich, eingeschnappt…?! Tze, sollte der sich erstmal bei mir entschuldigen, bevor er von mir ne Antwort erwartete! War es denn die Möglichkeit?! Er machte keine Anstalten, sich wieder einzukriegen!

„Alfred! Lass das!“, rief ich wütend.

„Was soll ich lassen, Herbert?“, fragte Alfred scheinheilig.

„Hör endlich auf mich auszulachen!!!“, schrie ich ihn an.

Auf einmal sah er mich mit großen Augen an, „Entschuldige… Du bist nur so niedlich, wenn du wütend wirst!“.

DAS hatte mir ja gerade noch gefehlt. Warum nur hatte ich das Gefühl, dass sich alle gegen mich verschworen haben?! Ich war enttäuscht, zutiefst enttäuscht – besonders von Alfred.

„Jetzt hör schon auf zu schmollen – sonst gehe ich wirklich noch allein!“, scherzte er noch. Ob ihm schon aufgefallen war, dass die anderen nicht mal mehr zu sehen waren?

„Wenn du jetzt nicht kommst, gehe ich…!“, drohte er. Pah! Er drohte mir… dass ich nicht lachte. Sollte er doch! Ich würde mich hier nicht wegbewegen…

„In Ordnung, ich hoffe du kennst den Weg…“, hörte ich ihn noch sagen.

Nach einer kurzen Weile wagte ich einen kleinen Blick über die Schulter… Er hatte es tatsächlich gewagt zu gehen! Er hatte mich hier ganz allein gelassen…! Dabei wusste er doch ganz genau, dass ich nicht die geringste Ahnung hatte, wie man zu dieser Höhle kam… Beunruhigt sah ich mich um – nichts! Da war niemand zu sehen, nirgends!

Auf ein Mal fand ich mich völlig alleingelassen in mitten eines riesigen Waldes wieder. Und ich hatte wirklich keine Ahnung, welchen der Wege ich einschlagen musste!

Ich zog Sarah enger in meine Umarmung, als ich merkte, dass sie fröstelte. Sie dankte es mir mit einem Lächeln und einem Kuss. Langsam aber sicher näherten wir uns meinen Eltern wieder. Mich kurz bei meiner Frau entschuldigend, wandte ich mich nach hinten um, um zu sehen, wo mein Sohn und Alfred blieben. Doch ich sah weder den einen, noch den anderen.

Fragend drehte ich mich wieder zu meiner Frau um.

„Hast du eine Ahnung, wo Herbert und Alfred sind?“ Sie drehte sich ihrerseits nun auch nach hinten um und schüttelte nur den Kopf.

„Vater, Mutter?“

Sie blieben stehen und drehten sich zu uns um.

„Wisst ihr zufällig, wo sich mein Sohn und Alfred momentan aufhalten? Haben sie sich von euch abgemeldet?“, schrie ich zu beiden herüber, hielt jedoch sogleich inne, als ich das verdächtige Knirschen des Schnees über uns vernahm. Ich zog meine Frau mit mir und ging zu beiden herüber. Diese jedoch wussten auch nicht, wo die beiden abgeblieben waren.

„Das sieht deinem Sohn ja mal wieder ähnlich! Immer muss er Schwierigkeiten machen!“, wetterte mein Vater aufgebracht, da seine Erkundung gestört wurde – was ihm ja auch irgendwie nicht zu verübeln war. Dennoch konnte ich dieses Mal meinen Sohn auch ein bisschen verstehen... Wir waren wohl alle nicht besonders nett zu ihm gewesen... Naja... um genau zu sein, waren wir sogar fast unausstehlich gewesen...

Ich beschloss die Worte meines Vaters zu ignorieren; Schlug stattdessen vor, Herbert und Alfred zu suchen. Mehr oder minder stieß ich auf Zustimmung. Meine Mutter machte sich auch sichtlich Sorgen um ihren Enkel und seinen Gefährten, wohingegen mein Vater nicht sehr angetan schien. Warum auch? Es lag ihm schließlich nicht viel an seinem Enkel.

Ich beschloss, mich auf die Suche nach meinem Sohn zu konzentrieren und die bissigen Kommentare meines Vaters zu ignorieren. Also gingen wir den Weg, den wir zuvor hinaufgestiegen waren, wieder hinunter, in der Hoffnung, beide Jünglinge wiederzufinden.

Als wir nach ein paar Stunden noch immer Erfolglos blieben und die Frauen langsam aber sicher müde wurden, schlug ich vor – gegen meines Vaters Willen – eine kleine Pause einzulegen. Ich holte meine Uhr aus meiner Westentasche heraus und stellte erschrocken fest, dass wir es heute wohl nicht mehr rechtzeitig zurück zu meinem Schloss schaffen würden. Ich berichtete den anderen von meiner Erkenntnis.

„Heißt das, wir müssen heute Nacht hier schlafen?!“, fragte meine Frau wehmütig und deutete auf eine Höhle, die sich rechts von uns in den Berg erstreckte. Ich nickte, bedauernd, ihr dies sagen zu müssen.

„Schlagt das Lager hier auf. Ich werde die Gegend auskundschaften. Vielleicht sehe ich ja deinen missratenen Sohn und diesen Alfred.“

Ich nickte, bemüht um Fassung.

Wie ich es hasste, wenn er derart abwertend über meinen Sohn sprach! Natürlich hatte Herbert seine Macken... wenn man genau drüber nachdachte, hatte er sogar ziemlich viele... aber auch mein Vater war nicht ohne!

„Sarah, Mutter? Wo seid ihr?“, rief ich und wandte mich zu allen Seiten um – und fand sie schließlich am Eingang der Höhle. Sie winkten mich zu sich herüber. Noch während ich auf beide zuging, drang plötzlich ein gellender Schrei an meine Ohren.

Das war Sarah! Oder Mutter? Oder vielleicht gar beide zusammen?!

Sie standen noch immer vor der Höhle, über der sich der Schnee langsam selbstständig machte und herunterzurollen drohte.

Ich beschleunigte mein Tempo und rannte auf beide zu, in der Hoffnung, sie vor den herunterfallenden Schneemassen noch bewahren zu können.

Vergebens...

Gerade hatte ich sie erreicht und schaffte es gerade noch, sie weiter in die Höhle hinein zu stoßen, als der Schnee mir die Füße unter den Beinen wegriss und mich unter sich begrub.

Dann war alles schwarz um mich herum.

Was war passiert? Wo waren Breda und Marie?

Oh, nein! Waren wir etwa von dem Schnee verschüttet worden? Hatte der Schrei von mir und Marie tatsächlich diese Schneemassen in Wallung gebracht?

Das konnte doch alles nicht wahr sein!

Ich versuchte mich durch den Schnee durchzugraben. Zum Glück konnte ich kein zweites Mal sterben, stellte ich erleichtert fest, machte mir aber dennoch Sorgen um meinen Geliebten und meine fast Schwiegermutter.

Meine Finger waren bereits bläulich angelaufen und schmerzten höllisch. Aber ich grub trotzdem weiter. Plötzlich hörte ich eine Stimme.

Das war Richard! Ohne Zweifel!

Ich antwortete ihm. Versuchte, mich durch Klopfzeichen und Ähnliches bemerkbar zu machen und schien es tatsächlich geschafft zu haben, denn auf einmal streckte sich mir eine Hand entgegen, die nur die Richards sein konnte. Er sprach mir beruhigend zu, bevor er das Loch vor mir vergrößerte, um mich anschließend herausziehen zu können.

Ich sah ihn zugleich verdutzt und dankbar an.

„Wo sind Breda und Marie?“, bat er hektisch zu wissen und besah sich nebenbei meine Hände. Tränen liefen mir vereinzelt die Wangen hinunter, als ich auf den Schnee deutete.

„Im...im Schnee...“, schluchzte ich und vergrub das Gesicht in den Händen.

Plötzlich wurde ich von zwei Händen an den Schultern gepackt.

„Hör mir zu, Sarah. Ich habe hier ein Feuer gemacht. Wärme dich daran auf. Ich suche die beiden anderen. Ich werde sie schon finden.“ Er musterte mich durchdringend.

Ich schüttelte den Kopf.

„Ich werde mit dir kommen.“, sagte ich mit einigermaßen gefestigter Stimme und erhob mich vom Boden.

„Also gut. Dann komm.“

Wir gruben uns also weiter voran und achteten gar nicht darauf, dass unsere Hände mittlerweile bluteten, bis wir schließlich auf blonde Haare stießen.

„Marie!“, rief Richard plötzlich aus und grub schneller. Ich tat es ihm gleich und im Nu hatten wir sie freigebuddelt.

„Marie, kannst du mich hören?“ Behutsam tätschelte Richard seiner Frau die Wangen, um sie so wieder zu Bewusstsein zu bringen.

Nichts.

„Schnell! Hilf mir, sie ans Feuer zu bringen!“

Ich nickte wortlos und ergriff Maries linken Arm, während Richard den rechten fest umschloss.

Wieder in der Höhle angekommen breitete Richard eine Decke auf dem Boden aus und bettete seine Frau darauf.

„Bleib du bei ihr. Ich werde nach Breda suchen.“

„Aber –“, wollte ich einwerfen, wurde jedoch von Richard unterbrochen.

„Kein aber. Ich schaffe das wohl auch allein. Lass du nur meine Frau nicht aus den Augen.“ Mit diesen Worten küsste er Marie noch einmal und verschwand dann wieder im Schnee.

Hatte ich mich wahrhaftig so in ihm getäuscht?

Ich hatte ihn für einen kalten, gefühlslosen Klotz gehalten, aber gerade stellte sich heraus, dass er das eigentlich überhaupt nicht war...

Ich strich Marie durchs Haar und versuchte so, die Schneereste irgendwie herauszukämmen.

Ihre Augen flatterten. – Sie kam zu sich!

„Sarah...Wo... wo sind Breda und Richard...?“, flüsterte sie und versuchte sich zu orientieren.

„Richard sucht ihn. Wir waren alle vom Schnee verschüttet. Er hat uns ausgegraben.“, lächelte ich. Sie setzte sich vorsichtig auf und sah sich um.

„Wo sind wir?“

„In der Höhle. Richard muss hier irgendwie hineingekommen sein. Vielleicht hat die Höhle zwei Eingänge...“, vermutete ich. Marie nickte.

Auf einmal hörte ich schleifende Geräusche aus Richtung Schnee.

Sekunden später: Schwarzes, langes Haar.

Breda!

Ich stand auf und lief zu ihm hin.

Auch Richard stieg nun wieder aus dem Schneeloch heraus und hob seinen Sohn auf seine Arme.

„Breite eine zweite Decke neben dem Feuer aus.“, wies er mich an. Ich tat, wie mir geheißen.

„Wie geht es Marie?“, fragte er hektisch und legte Breda auf die soeben von mir ausgebreitete Decke.

„Mir geht es wieder gut, Liebling. Aber was ist mit unserem Sohn?“ Besorgt strich sie ihrem Sohn durchs Haar.

„Nichts, Liebes. Er ist nur ohnmächtig. So, wie du es warst.“

Durch Zufall bemerkte ich den besorgten Blick, den Richard Breda zuwarf, als dieser auch nach mehreren Weckversuchen die Augen nicht aufschlug.

Ich küsste ihn auf die mittlerweile wieder normalfarbenen Lippen. Dies ließ ihn schließlich aufwachen, wie ich nicht unbelustigt feststellte.

„Breda!“, rief Richard aus und kniete sich sofort zu ihm. „Ist alles in Ordnung mit dir, mein Sohn?“ Völlig perplex starrte Breda seinen Vater an, als dieser ihn plötzlich an den Schultern ergriff und in eine stürmische Umarmung zog.

„Mit mir...ist alles in Ordnung, Vater...“, stotterte er verwirrt und legte nun auch seinerseits den Arm um seinen Vater.

Ich hatte mich in der Zwischenzeit zu Marie gesetzt und beobachtete mit ihr nun lächelnd das Schauspiel. Scheinbar war Richard wirklich nicht so hart, wie ich anfangs gedacht hatte, stellte ich fest und grinste. Na, das konnte ja noch eine interessante Nacht geben.

Herbert konnte aber auch eine richtige Zicke sein… Sonst war er es doch, der sich einen Spaß daraus machte, wenn man vor etwas Angst hatte.

Seltsam, ich war der festen Überzeugung, Sarah und der Graf wären direkt vor uns gewesen. Hatte ich möglicherweise eine falsche Abzweigung genommen, nachdem wir… nachdem Herbert… Jedenfalls waren die anderen nicht in Sicht und so entschied ich mich umzukehren, zudem auch Herbert noch nicht nachgekommen war. Wo steckte der eigentlich? So schnell war ich ja auch wieder nicht abgehauen. Konnte es wirklich möglich sein, dass er soo lange schmollte?! Na ja, es handelte sich um Herbert…!

Einige Minuten und etliche Meter weiter zurück war von ihm noch immer keine Spur. Diesen Baum kannte ich… Nein, auch wenn Herbert noch eingeschnappt war, hatte er sich dennoch von hier wegbewegt, wie ich feststellte. Aber wohin war er gegangen? Hier gab es nur drei Richtungen, in die man gehen konnte: die, aus der wir gekommen waren; die, in die ich den anderen – höchstwahrscheinlich – gefolgt war; und einen schmalen Bruchweg quer durch den Wald. Herbert würde doch wohl nicht so dumm gewesen sein, zu glauben, wir wären tatsächlich diesem Bruchweg gefolgt?! Außerdem hatte er doch gesehen, wohin ich gegangen war… oder etwa nicht?

Es kostete mich einiges an Überwindung, dem Bruchweg in den Wald zu folgen. Die großen, dichten Tannen ringsherum tauchten so gut wie alles in ihren Schatten. Ich hatte Mühe, überhaupt zu erkennen, wohin ich lief. Zuvor hatte der Vollmond, der heute in seiner ganzen Fülle am Nachthimmel stand, uns den Weg geleuchtet, doch je tiefer ich in den Wald hinein kam, umso dunkler wurde es.

So schlug ich mich bestimmt eine Stunde lang weiter durch auf diesem schmalen Pfad, bevor ich etwas abseits des Weges im Halbdunklen jemanden auf einem umgefallenen Baumstamm sitzen sah. Herbert! Schoss es mir durch den Kopf. Langsam näherte ich mich der Person, die mich nicht zu bemerken schien. Auch als ich näher kam und erkannte, das es sich wirklich um Herbert handelte, der dort saß, bemerkte er mich noch immer nicht. Was in aller Welt machte er da?

„Herbert?“

Erschrocken fuhr er zusammen, „Alfred?!“.

„Was machst du hier?“, bat ich zu wissen.

Er musste sich kurz sammeln, doch dann antwortete er, „Ich, also…ich hab nach dir gesucht! Du bist einfach abgehauen…!“.

Na klar, und ohne ihm bescheid zu sagen… Ich hoffte, er würde mein Augenrollen bei diesen Lichtverhältnissen nicht bemerken. Wahrscheinlich würde er mir gleich auch noch sagen, er hätte nicht gewusst, wohin ich gegangen bin...

„…Und außerdem wusstest du genau, dass ich keine Ahnung hatte, wohin wir überhaupt wollten!“

Na bitte… Ich seufzte innerlich, „Zur Fledermaushöhle. Das habe ich dir doch erzählt!“.

„Woher sollte ich denn bitte wissen, wie man dahin kommt?!“

Es war doch nicht zu fassen… Allmählich verstand ich, warum sein Vater so oft genervt von ihm war und es bevorzugte, seine Ruhe zu haben.

„Du hast doch deine Karte im Rucksack!“, erwähnte ich beiläufig.

„Rucksack? Nee, der war mir zu schwer.“, kam es etwas leiser von Herbert.

Am liebsten hätte ich mir mit der flachen Hand vor die Stirn geschlagen, unterließ es aber, da das Herbert nicht gerade kooperativer stimmen würde.

„Okay, aber wie bist du die auf die Idee gekommen, wir hätten diesen Trampelpfad genommen statt dem Hauptweg zu folgen?!“, fragte ich mit gereiztem Unterton.

Keine Antwort. Sicherlich war er aus Trotz in eine andere Richtung gegangen, ihn der Hoffnung alle würden nach ihm suchen.

„Dann komm jetzt wenigstens weiter… Laut dieser Karte kommen wir zurück zum Schloss, wenn wir da vorne Rechts abbiegen…“, kombinierte ich, während ich meine Landkarte studierte. Ich war bereits wieder auf dem Weg als ich hinter mir einen leisen Aufschrei vernahm.

„Was ist, Herbert?“, fragte ich verwundert und drehte mich um.

„Ach nichts…“, er humpelte ein paar Schritte auf mich zu, „Ich bin vorhin nur über irgendwas gestolpert, es war so dunkel…“.

Das war bei den Schuhen ja auch nur eine Frage der Zeit…

„Ist es schlimm?“

„Nein, das geht schon.“, versicherte er mir und humpelte weiter.

Auf den folgenden Metern bis zum nächsten Hauptweg blieb er hinter mir, der Abstand vergrößerte sich stetig. An der Wegkreuzung blieb ich stehen und wartete auf ihn.

„Soll ich mir das mal ansehen?“, bot ich an.

„Nicht nötig, das ist halb so schlimm… aber könnten wir vielleicht etwas langsamer gehen?“

Noch langsamer? Dabei war ich noch nicht mal schnell gegangen – der Professor hätte mich ermahnt, nicht so zu trödeln.

„Natürlich.“, stimmte ich gezwungenermaßen zu. Da der Weg jetzt wieder breit genug war, war auch Herbert gezwungen neben mir zu gehen. Seine Anstrengung, mit mir Schritt zu halten wurde immer deutlicher. Aber wenn er meinte, das ginge schon, dann sollte er sich auch zusammenreißen.

Plötzlich blieb Herbert stehen, „Können…können wir bitte eine kurze Pause machen?“.

Soviel dazu. Völlig außer Atem stützte er sich an einen Baum am Wegrand. Wenn ich ihm meine Hilfe anbieten würde, würde er sie sicher wieder ablehnen. Immer dieser falsche Stolz…

Ich war mit meinen Kräften am Ende. Krampfhaft klammerte ich mich an einen Baum, um mich auf den Füßen halten zu könne. Mein rechter Fuß tat höllisch weh, ich glaubte bei jedem Schritt laut aufschreien zu müssen. Aber das alles interessierte Alfred sicher herzlich wenig, er wollte nur möglichst schnell wieder zurück zum Schloss. Er hatte nicht mal gefragt, warum ich dort saß, anstatt weiter nach ihm zu suchen.

Dabei war es ihm nicht zu verdenken, es war schon spät und in wenigen Stunden würde die Sonne aufgegangen sein… Doch ich hatte keine Ahnung, wie ich es vor Sonnenaufgang noch bis zum Schloss schaffen sollte.

„Können wir dann wieder, Herbert?“, unterbrach Alfred meine Gedanken.

„Ja.“, antwortete ich einsilbig.

Mir kam es vor, als würde Alfred vor mir her rennen…jeder Schritt wie eine Meile. Bereits nach einigen Metern musste ich wieder stehen bleiben. Ich konnte einfach nicht mehr. Die Schmerzen wurden immer schlimmer. Wenn ich Alfred jetzt bitten würde mich zu stützen, würde er mich wohl nur auslachen und sagen, ich hätte selber Schuld. Also zwang ich mich, einen Fuß vor den anderen zu setzen, auch wenn es sehr an meinen kaum noch vorhandenen Kräften zehrte.

„Ich glaube, wir sollten uns besser ein Quartier für den Tag suchen. Vor Sonnenaufgang werden wir es wohl nicht mehr zum Schloss schaffen.“, stellte Alfred fest, „Auf dieser Karte ist eine kleine Höhle eingezeichnet, die müsste hier gleich in der Nähe sein. Dort können wir den Tag verbringen.“.

Ich nickte nur. Ob er wohl die leiseste Ahnung hatte, welche Qualen ich litt?! Wahrscheinlich nicht, und wenn, dann schien es ihn nicht sonderlich zu beeindrucken oder davon abzuhalten, mich weiterhin hinter sich her zu schleifen.

Entgegen aller Befürchtungen waren es wirklich nur noch wenige Meter bis wir einen Höhleneingang entdeckten. Alfred ging als erster hinein. Ich folgte ihm und ließ mich auf dem Boden nieder, als er an der Stelle stehen blieb, die er für einen geeigneten Schlafplatz hielt. Es war mir im Moment völlig egal, wo ich schlafen würde… Wahrscheinlich würde ich eh kaum ein Auge zubekommen, wenn mein Fuß weiterhin so verdammt wehtat.

Als ich so an die Felswand gelehnt dasaß, das linke Bein eng an den Körper gezogen und fest umklammert, das rechte lang ausgestreckt, fiel mir erst auf wie kalt es hier war. Und es wurde auch nicht wirklich wärmer, als Alfred ein kleines Lagerfeuer in der Mitte der Höhle anzündete, dessen Knacken an den Wänden widerhallte... Ich fröstelte.

„Ist dir immer noch kalt?“, fragte Alfred auf einmal, der sich neben mich gesetzt hatte. Wie lange hatte ich schon so in die Flammen gestarrt? Ein paar Minuten? Oder schon Stunden? Ich wusste es nicht. Ich versuchte nur, irgendwie den Schmerz zu verdrängen. Doch es wollte mir einfach nicht gelingen.

„Es ist schon etwas wärmer hier, seitdem du das Feuer gemacht hast.“, brachte ich trotz zusammengebissener Zähne heraus. Allem Anschein nach, war es wirklich schon etwas länger her, dass er Feuer angezündet hatte. Nur noch eine einzige schwarze Masse war vom Feuerholz zu sehen…

„Aber du zitterst…“, bemerkte Alfred. Er hatte Recht, ich zitterte in der Tat ein wenig. Zum einen, weil ich schrecklich fror, zum anderen, weil der dumpfe Schmerz in meinem Fuß noch immer nicht erträglicher wurde. Außerdem war ich todmüde. Immer wieder verdrängte ich die Tränen aus meinen Augen. Schließlich sah ich vom Feuer auf und Alfred an. Er musterte mich ernst, ja fast schon besorgt. Ich bemühte mich um ein Lächeln, „Ich bin nur müde…“.

„Was macht dein Fuß?“, jetzt sah er mich wirklich besorgt an. War ich so leicht zu durchschauen? Es würde wohl wenig Sinn machen, ihn weiter anzulügen. Dass es nicht mehr nur halb so schlimm war, dürfte ihm auch schon aufgefallen sein, auch wenn er darüber bisher großzügig hinweggesehen hatte.

„…Der tut immer noch verdammt weh…“, gestand ich und versuchte Alfred dabei nicht in die Augen zu sehen. Wieder fixierte mein Blick die Flammen, welche flackernde Schatten an die Wände und die Decke der Höhle warfen. Wenn er mir eine Moralpredigt halten wollte, konnte er jetzt loslegen…

„Dann solltest du deinen Fuß besser hochlegen…“, ich spürte einen Arm sich um meine Schultern legen, „Lehn dich einfach an mich, dann kannst du ihn auf diesen Felsvorsprung dort drüben legen.“.

Täuschten mich meine Sinne? War das wirklich Alfred, der mich gerade an sich und in seine Arme zog?! Ich musste träumen, bestimmt war ich vor Erschöpfung eingeschlafen und bildete mir das alles nur ein! …Nein, ich träumte nicht – mein Fuß tat nach wie vor weh.

Ehe ich die Situation als solche wahrnahm, lehnte ich auch schon viel mehr an Alfred, als an der kalten Steinwand.

„…Und jetzt langsam den Fuß da rauf…“, vernahm ich Alfreds klare Stimme.

Vorsichtig versuchte ich meinen Fuß zu bewegen. Die Schmerzen nahmen nochmals zu und ich verzog leicht das Gesicht.

„Ganz langsam…“, mitfühlend legte Alfred mir seine noch freie Hand von hinten auf die Schulter. Nach einiger Anstrengung hatte ich es endlich geschafft, meinen Fuß auf einem etwas erhöhten Vorsprung an der Wand abzulegen.

„Du wirst sehen, bald lassen die Schmerzen nach.“, seine Stimme klang zuversichtlich. Konnte ich nur hoffen, dass er wusste, wovon er sprach und Recht behalten würde.

Eine Weile beobachtete ich noch die tanzenden Schatten an der Decke, während ich, an den mich wärmenden Schönling gelehnt, langsam aber sicher dahin döse. Ich weiß nicht mehr, ob Alfred mich wirklich den ganzen Tag über in seinen – erstaunlich starken – Armen hielt, oder ich dies nur träumte, aber es lenkte mich von meinem schmerzenden Fuß ab… jedenfalls ein bisschen.

Und wie das eine interessante Nacht war… Eben noch das Bilderbuchbeispiel einer harmonischen Vater-Sohn-Beziehung und jetzt benahmen sie sich wie ein altes Ehepaar. Zugegeben, es war mir fast schon unheimlich, wenn Richard und Breda sich so gut verstanden wie noch vor ein paar Minuten. Doch es war mir hundert Mal lieber als dieser ewige Streit. Zumal es sich immer wieder um dasselbe Thema drehte: Herbert. Keine Ahnung wie sie diesmal drauf gekommen waren…

„Willst du damit sagen, ich sei nicht in der Lage, meinen eigenen Sohn richtig zu erziehen?“, hörte ich Breda gereizt fragen.

„Erziehen? Dafür ist es ja ganz offensichtlich schon zu spät…!“, setzte Richard nach.

Richard führte noch einige weniger nette Argumente bezüglich Herberts Verhalten gegenüber anderen Männern auf, was auch Breda immer ungehaltener werden lies, was seine Wortwahl anging. Scheinbar liebte er Herbert als seinen Sohn, wie er war und für das was er war – auch wenn genau das der strittige Punkt war. Und ich liebte Breda genau dafür; er stand zu denen, die er liebte.

Marie saß noch immer neben mir am Feuer, gegenüber den beiden Streithähnen. Bisher hatten wir die beiden mehr oder weniger amüsiert beobachtet, doch allmählich wurde es auch uns zu blöd. Ein Blick zu Marie bestätigte mein Vorhaben. Wir standen auf und gingen zu Richard und Breda hinüber.

„Breda, Liebling…?“, langsam schlang ich meine Arme von hinten um ihn und hinderte ihn so am wilden Gestikulieren.

„Was denn, Schatz?!“, fragte er mit einem genervten Unterton.

„Meinst du nicht, wir sollten langsam mal schlafen gehen? Es ist schon spät und wir müssen uns morgen früh auf den Weg machen.“, schnurrte ich, seine schlechte Laune ignorierend.

Unterdes hatte Marie es mir gleich getan und Richard im wahrsten Sinne eingewickelt. Gerade zog sie ihn näher an sich, um in seinen Armen schlafen zu können. Erstaunlicher Weise leistete er nicht mal Widerstand – für so handzahm hätte ich ihn gar nicht gehalten; nicht mal bei Marie.

„Siehst du, Marie und Richard haben es sich auch schon bequem gemacht.“, zwinkerte ich ihm zu und zog ihn nun meinerseits enger an mich.

Wenige Minuten später waren alle eingeschlafen. Jedenfalls hörte man Richard schnarchen… Schließlich war aber auch ich so müde, dass ich trotz des sägenden Geräusches ebenfalls einschlief.

Als ich erwachte, war die Sonne bereits untergegangen. Es dauerte eine Weile, bis ich mich orientiert hatte und wieder wusste wo wir waren und was geschehen war. Ich blickte zu Herbert, der noch immer in meinen Armen lag und schlief. Verständlich, dass er noch erschöpft war, aber wir mussten uns auf den Weg zurück ins Schloss machen. Sicher sorgten die anderen sich schon um uns… Einerseits wäre es das Beste, sich so schnell wie möglich auf den Weg zu machen, andererseits wollte ich Herbert nicht wecken – doch was blieb mir anderes übrig?

„Herbert, wach auf. Wir müssen los.“, sanft rüttelte ich ihn wach.

„Nur noch ein bisschen kuscheln, ja?“, murmelte er und schmiegte sich wieder an mich. Er machte es einem aber auch nicht gerade leichter…

„Das geht nicht, wir müssen zurück zum Schloss.“, versuchte ich es erneut. Diesmal bekam ich keine Antwort. Nicht mal ein unwilliges Knurren. Langsam zog ich meinen Arm weg; nach und nach schob ich Herbert zur Seite, bis er wieder an der Wand lehnte.

„Hey, das ist kalt!“, beschwerte er sich.

Versuch erfolgreich!

„Wir müssen los.“, wiederholte ich mich.

„Aber ich bin noch müde… und mir ist kalt…“, jammerte er, meinen Arm abermals um sich ziehend.

„Bitte; dein Vater macht sich sicher schon Sorgen!“, zwang ich ihn – und mich – endlich aufzustehen, wobei ich mich endgültig von Herbert löste und mich erhob. Er gab sich geschlagen.

„Wehe das stimmt nicht…!“, murrte er, nur halb im Ernst, woraufhin ich grinsen musste. Zu niedlich wie er dasaß mit halb offenen Haaren, noch verschlafen und gespielt schmollend. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so was mal sagen würde, aber Herbert sah richtig süß aus.

Nachdem ich die letzte Glut in der Feuerstelle ausgetreten hatte – und Herbert endlich seine Frisur gerichtet – waren wir soweit. Gut, Herbert war nicht gerade das, was man als Frühaufsteher bezeichnete, aber er brauchte heute recht lange.

„Kannst du mir mal bitte hoch helfen?“, bat er nach einigen vergeblichen Versuchen, allein aufzustehen. Machte er das mit Absicht, weil er die körperliche Nähe suchte, oder hatte er sich wirklich ernsthaft verletzt? Bei Herbert konnte man sich da ja nie so ganz sicher sein.

Noch über diese Frage nachdenkend half ich ihm auf die Beine. Doch kaum das er einen Schritt gegangen war, hing er auch schon wieder an meiner Schulter. Skeptisch sah ich ihn an.

„Oh, entschuldige…“, sagte Herbert auf einmal kleinlaut, ließ von meiner Schulter ab und hielt sich stattdessen an der Wand fest. Fragend sah ich ihn an. „Wird nicht wieder vorkommen…“, versicherte er mir. Wie auch immer, ich beschloss nicht weiter über Herberts Kommentare nachzudenken und mich auf den Weg nach draußen zu begeben.

Langsamen Schrittes folgte Herbert mir, bedacht darauf, immer an der Wand entlang zu gehen, damit er etwas zum festhalten hatte.

Draußen angekommen warf ich noch einen kurzen Blick auf die Karte, bevor ich mich entschied, noch ein paar hundert Meter quer durch den Wald zu gehen, damit wir schneller zurück auf den Hauptweg kamen, der zurück zum Schloss führte. Schon nach dem ersten kleinen Stück fiel mir auf, dass Herbert sichtlich Mühe hatte, mit mir Schritt zu halten oder besser gesagt überhaupt voran zu kommen.

„Soll ich dir helfen?“, bot ich ihm an.

„…keine Umstände…“, wies er mein Angebot ab.

Wenn er nicht wollte, bitte. Dann eben nicht!

Allerdings konnte ich es nicht lange mit ansehen, wie er sich ganz offensichtlich quälte. Es war wohl doch schlimmer, als ich angenommen hatte, wie ich feststellen musste. Ohne weitere Worte blieb ich neben ihm stehen, zog seinen rechten Arm um meine Schultern, während ich meinen linken um seine Taille führte und wollte gerade weiter gehen, als Herbert mich einigermaßen verwirrt ansah, aber nichts sagte.

„Sollen wir lieber eine Pause machen?“, fragte ich.

„Ähm, nein…“, stammelte Herbert.

„Gut, dann lass uns jetzt weiter gehen.“, schlug ich vor und zog ihn noch einen Schritt weiter.

„Findest DU diesen Abstand denn angemessen?“, fragte er zögerlich.

„Nun ja… DU kannst schließlich NICHT allein laufen.“, erwiderte ich ehrlich besorgt. Er lächelte.

So entspannt die Stimmung zwischen uns auch war, das Fortkommen kostete Kräfte – Herberts wie auch meine. Die Anstrengung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Mit zusammengebissenen Zähnen kämpfte er sich tapfer Schritt für Schritt voran.

Obwohl wir nicht besonders zügig vorankamen, hatten wir doch schon über einen Kilometer zurückgelegt. Eigentlich konnte es nicht mehr weit sein bis das Schloss in Sicht war. Das hoffte ich zumindest, denn Herbert stützte sich bereits schwer auf mich. Es wäre wohl besser gewesen, er hätte seinen Fuß nicht belastet, da so die Schmerzen immer stärker wurden, aber wir hatten wohl kaum eine Alternative.

Er musste sich schon sehr zusammen reißen, um nicht vor Schmerz aufzuschreien, das konnte ich deutlich aus seinen Gesichtszügen lesen. Er tat mir wahnsinnig leid, aber hier konnte ich ihm auch nicht helfen, außer ihn eben zu stützen so gut es mir möglich war.

Auf dem gesamten Weg bis hierher hatte er kaum ein Wort gesprochen. Ständig war er bemüht, die Tränen zu unterdrücken, die ihm immer von neuem in die Augen traten. Auch wenn Herbert beteuerte, keine Pause machen zu wollen, rasteten wir an einer kleinen Lichtung. Dankbar sah er mich an, als ich ihn zwang, sich für einen Moment zu setzten und auszuruhen. Glaubte er wirklich, er wäre schwer durchschaubar?!

Wie er so in sich zusammengesunken auf einem Felsen saß, den Blick fest auf den Boden gerichtet… einzelne Haarsträhnen hatten sich aus dem Zopf gelöst und hingen ihm lose ins Gesicht… Seine Haare glänzten wunderschön im Mondlicht.

Nie hätte ich gedacht, dass es mir so nahe gehen würde, Herbert leiden zu sehen, aber es war mir schlicht weg unerträglich ihm in die Augen zu sehen. Als er zu mir aufblickte, konnte ich das verräterische Glitzern des Mondlichtes in seinen Augenwinkeln erkennen. Er war den Tränen nahe. Und ich war es auf unerklärliche Weise auch, als sich unsere Blicke trafen.

‚Junge, sei kein Waschlappen!’ klang mir die Stimme des Professors im Gedächtnis. Damit hatte er Recht gehabt – es würde Herbert auch nichts bringen, wenn ich Tränen ausbrach. Ihn vom Stein hochzuziehen und zu umarmen erschien mir schon sinnvoller.

Auch wenn er fast mit seinem vollen Gewicht in meinen Armen hing, war es doch irgendwie eine Erleichterung.

Ich schluckte einmal kurz aber heftig und sah Herbert an, „Meinst du, wir können weiter?“. Er nickte nur stumm und ließ sich weiterhin den Weg geleiten.