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Elisabeth

~ die DVD live aus dem Theater an der Wien ~

Von Sisi Silberträne

Völlig unerwartet las ich davon im Gästebuch von Maya Hakvoorts offizieller Homepage. Natürlich war ich hellauf begeistert, doch erst wagte ich gar nicht recht daran zu glauben. Das war einfach viel zu gut, um wahr zu sein. Aber dann stand es auf der Homepage der Vereinigten Bühnen Wien: rechtzeitig zur Dernière des Musicals Elisabeth im Theater an der Wien würde es eine DVD-Aufnahme geben!
Diese wurde am 30. und 31. Oktober 2005 live im Theater aufgezeichnet und war ab 2.12. also zwei Tage vor der Dernière am 4. erhältlich. Darauf zu sehen und zu hören ist die komplette Erstbesetzung dieser grandiosen letzten Spielsaison hier in Wien. Maya Hakvoort, Máté Kamarás, Serkan Kaya, André Bauer, Else Ludwig, Fritz Schmid, Luzia Nistler und Dennis Kozeluh.

Ungewöhnlich ist, dass es sich um eine DVD des Typs 10 handelt, also eine beidseitig beschriebene, die man nach dem ersten Akt umdrehen muss. Das Menü ist schlicht, jedoch recht passend gehalten, Hintergrundmusik fehlt. Es erfüllt aber seinen Zweck, nämlich den Film zu starten und Sound-Einstellungen zu wählen. Extras sind leider keine vorhanden. Interessant wären da bestimmt Interviews mit den Darstellern gewesen, in denen sie beispielsweise über erlebte Pannen erzählen.

Nun wählen wir aber Sound Deutsch DD 5.1. und wenden uns dem eigentlichen Inhalt der DVD zu. Die Aufnahme ist ziemlich dunkel, wie das Musical auf der Bühne. Ab und zu, bei Totalen könnte man beim Tod in seinem schwarzen Anzug meinen, ein Kopf schwebe in der Luft. Ein sehr reizvoller Kopf!
Es wurde mit Kameras an mehreren Standorten gefilmt und es kommt öfter zu einem interessanten Überblendungseffekt, bei dem man die singende Person ganz auf der Bühne sieht, und dahinter ihr Gesicht ein wenig durchscheinend eingeblendet. Durch genau diese Zooms sehen wir auf der DVD Dinge, die uns im Theater schlicht durch die Entfernung verborgen bleiben. Die Gefühle in den Gesichtern der Darsteller.

Über die Besetzung lässt sich natürlich immer streiten, ganz egal um welches Musical es sich nun handelt. So gibt es auch bei der auf der DVD viel Kritik, aber auch Lob. Da es sich um eine Live-Aufnahme, zusammen gestellt aus zwei Vorstellungen handelt, ist natürlich die in diesem Zeitraum spielende Besetzung zu sehen. So ist es recht sinnlos sich darüber zu mokieren, ob nicht ein Uwe Kröger oder eine Pia Douwes mehr Recht gehabt hätten, auf dieser DVD festgehalten zu werden. Diese Frage stellt sich einfach nicht. Im Herbst 2005 waren in Wien die Grande Dame Maya Hakvoort und der junge Ungar Máté Kamarás die Erstbesetzungen. Beide mögen sicherlich ungewöhnlich sein, wenn man sie noch nie live erlebt hat, und nur andere Darsteller, etwa Pia, Uwe, oder auch Maike Boerdam und Olegg Vynnyk gewohnt ist.
Ob einem ein bestimmter Darsteller nun gefällt oder nicht, ist rein subjektiv, doch ich denke jeder hat für die Aufzeichnung dieser DVD sein Bestes gegeben, ob Hauptrolle oder Ensemble-Mitglied. Und das merkt man!

Maya zum Beispiel hat eine deutlich tiefere Stimme als sämtliche andere Elisabeth-Besetzungen, die ich bis jetzt gehört habe. Was freilich auch heißt, dass sie gewisse Endtöne niemals so hoch singen kann, wie Pia oder Maike. Dafür punktet sie als alternde, gramgebeugte und vom Leben enttäuschte Frau. Beim Reprise von „Wie du“ in der Villa auf Korfu rührt sie mich regelmäßig zu Tränen. Eine höhere Stimme klingt bei einer solchen Szene leicht zu jung. Maya mag am Anfang aussehensmäßig etwas zu reif wirken, doch sie schafft es die Gefühle des jungen lebensfrohen Mädchens glaubhaft zu vermitteln. Zudem liegt der Hauptaugenmerk des Musicals auf der alten Frau, und dafür wage ich Maya als schlichtweg ideal zu bezeichnen.

Ihr zur Seite steht Máté Kamarás, der den Tod bestimmt ganz anders als zum Beispiel Uwe Kröger anlegt. Ein blondes junges Mannsbild, der - laut Maya - aussieht wie ein Gott, und der zur Sache geht. Er kann schon als der zärtliche Verführer in Erscheinung treten, aber er ist das dunkelste aller Geschöpfe. So alt wie die Menschheit selbst, und geboren aus deren Furcht. Und das vergisst man bei Mátés Darstellung auf keinen Fall. Er ist kein blonder Prinz mit schwarzem Inneren, sondern ein Dämon, der auch als zärtlich verführerischer Liebhaber erscheint.

Serkan Kaya sprüht als Lucheni voll Zynismus, wenn er uns durch die Handlung führt, und dabei seine bissigen Kommentare loslässt. Die Rolle des italienischen Anarchisten scheint dem jungen Mann mit den schönen dunklen Augen, in dessen Adern türkisches Blut fließt, auf den Leib geschneidert zu sein.
Als Franz Joseph ist André Bauer, der den Kaiser auch schon in Essen spielte, zu sehen. Er hat eine sanfte warme Stimme, die gut zu dem im Inneren sicher warmherzigen und liebenswerten Monarchen passt, der erwiesenermaßen ein Familienmensch war. Wenn er als alter Mann Elisabeth in „Boote in der Nacht“ bittet, doch endlich heimzukommen, kann er einem richtig leid tun.
Die Erzherzogin wird von Else Ludwig verkörpert. Die erste, die letzte und für mich auch die einzige Sophie. Ein böses Weib par excellence. Aber auch nicht nur. Durch das neue Lied „Bellaria“, das auch auf der DVD zu bewundern ist, gewinnt ihr Charakter viel Tiefe. Ihr ist an der Monarchie gelegen, aber auch an ihrem Sohn. Man könnte sagen, sie steht zwischen Machtgier und Mutterliebe. Bei Else spürt man auch Sophies ganze Verbittertheit gegenüber Elisabeth, und der Liebe Franz Josephs zu ihr.
Fritz Schmid schließlich, spielt Rudolf. Ob er vom Aussehen her, ideal besetzt wurde, sei dahin gestellt, wenn man bedenkt, dass der Kronprinz kränklich und schwächlich war, während man Fritz durchaus als gestandenes Mannsbild beschreiben könnte. Stimmlich weiß er in der Rolle auf jeden Fall zu glänzen. Die Verzweiflung bei „Wenn ich dein Spiegel wär“ ist nicht zu verkennen.

Verklingen die letzten Takte von „Der Schleier fällt“, ist man beim Schlussapplaus angelangt. Während des instrumentalen Medleys läuft der Abspann ab, und jeder Darsteller wird beim Verbeugen eingeblendet. Danach landet man wieder beim Menü. Die Show ist zu Ende. Doch zum Glück kann man sie ja ansehen, so oft man möchte. Oder wenn sie einem missfallen hat, in den hintersten Winkel des Schranks stellen.

Eine DVD kann freilich keine Live-Aufführung ersetzen. Die Atmosphäre im Theater lässt sich nicht auf Bild- und Tonträger bannen. Jemandem, der mit der Wiener Inszenierung nicht vertraut ist, mag die Aufnahme auch sehr ungewöhnlich erscheinen - verständlicherweise - gegenüber den deutschen Inszenierungen gibt doch große Unterschiede. Aber als Anhänger der Wiener Elisabeth hält man mit dieser DVD einen Schatz in der Hand. Es ist eine wunderbare Erinnerung an das Musical, an die großartigen Darsteller, die sich in unsere Herzen gesungen haben, und auch an das Theater an der Wien, in dem ja die Musical-Ära zu Ende gegangen ist.